Klaus Jäger sah es schon 2012 kommen: Damals, als er an der niederländischen Universität Delft studierte und über den letzten Zügen seiner Doktorarbeit saß, fühlte er bereits, dass der Wissenschaft unsichere Zeiten bevorstehen könnten. "Die Populisten", sagt Jäger. "In den Niederlanden haben sie damals schon angefangen, gegen die Obrigkeiten zu wettern, auch gegen uns Wissenschaftler." Fünf Jahre später ist es soweit: Jäger und Zehntausende weitere Menschen gehen weltweit auf die Straße, weil sie die Wissenschaft bedroht sehen. An diesem Nachmittag in Berlin hat sich Jäger die weiße Umhängetasche mit dem Logo seiner Universität umgehängt und ein T-Shirt mit dem Logo des March for Science angezogen.

Jäger ist Physiker, in Innsbruck und Zürich studierte er, bevor er in die Niederlande ging. Seit 2015 ist er in Deutschland, als Post-Doktorand am Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie. Inzwischen sind es nicht mehr nur Geert Wilders und seine Wähler, die Jäger Sorge bereiten. Dazugekommen sind Trump, Erdoğan, Orbán und ihre Anhänger weltweit, die all das in Gefahr bringen, für was Jäger lebt: die Wissenschaft. "Forschung wird inzwischen oft als Meinung abgetan, das ist fatal", sagt Jäger. "Forschungsergebnisse sind keine Behauptungen, die ein Wissenschaftler aus einer Laune heraus aufgestellt hat. Sie sind nachgewiesen, mit wissenschaftlichen Methoden und Modellen." Doch das werde heute immer stärker angezweifelt. Stattdessen, klagt Jäger, werde "alternativen Fakten" geglaubt.

Um dagegen anzukämpfen, gehen am 22. April, dem internationalen Earth Day, weltweit Hunderttausende Menschen auf die Straße für den March for Science. Als die Kundgebung in Berlin vor der Humboldt-Universität Unter den Linden startet, ist der Innenhof, in dem die Bühne steht, dicht gefüllt. Vor dem Tor stehen noch mal mehrere Tausend. Die Veranstalter schätzen, dass 11.000 Menschen teilnehmen.

"Auch in der linksliberalen Ecke spürt man heftige Skepsis"

Klaus Jäger schaut sich zufrieden um. "Schön, dass so viele gekommen sind", sagt er. "Das zeigt doch, dass viele Menschen zu schätzen wissen, welchen Dienst die Wissenschaft in der Gesellschaft leistet." Für ihn besteht dieser Dienst nicht nur aus Forschung: Wissenschaftler seien auch Berater, Lehrer und Vermittler. "Gerade deshalb müssen wir aber auch stärker ins Gespräch kommen mit den Menschen, mal raus aus dem Elfenbeinturm der Forschung." Viele Nicht-Wissenschaftler wüssten gar nicht, was in den Universitäten und Wissenschaftseinrichtungen untersucht wird. Forscher könnten das Misstrauen vieler Menschen abbauen, wenn sie sich mehr in die Öffentlichkeit wagten, glaubt Jäger.

Den Unglauben gegenüber der Wissenschaft sieht der Physiker auch bei Populisten, wenn sie gegen Eliten wettern und die Forscher miteinbeziehen. "Aber auch in der linksliberalen Ecke spürt man heftige Skepsis, zum Beispiel bei den Impfgegnern." Es sei schwierig, dagegen zu halten, denn diese Gruppen ließen sich durch Fakten nicht überzeugen. "Sie glauben an ihre eigene Wahrheit und vereinzelt finden sie sogar Experten, die sich auf ihre Seite stellen. Die werden dann immer wieder hervorgehoben, obwohl sie eine kleine Minderheit sind."

Nach der Kundgebung setzt sich der Zug in Richtung Brandenburger Tor in Bewegung. Von vorn schallen laute Trommelschläge, ansonsten ist die Demonstration ruhig und friedlich. Zwischen vielen kleinen March-for-Science-Fähnchen hüpfen Plakate auf und ab mit Aufschriften wie "We love Experts (those with evidence)" oder "Alternative Fakten – kannste schon machen, wird dann halt scheiße!".

Der March for Science kommt aus den USA

In Deutschland hat der Marsch eine andere Bedeutung als in den USA, glaubt Klaus Jäger. "Wir marschieren hier aus Solidarität und um zu zeigen: Wir sind da. In den USA hat das eine andere Dimension, da wird ein Klimaskeptiker an die Spitze der Environmental Protection Agency, der amerikanischen Umweltschutzbehörde, gesetzt und Forschungsfreiheit beschnitten."

So lässt sich wohl auch begründen, dass die Idee für den March for Science in den USA entstanden ist. Wissenschaftler haben sich zusammengeschlossen, um gegen den weltweit wachsenden Druck auf die Forschung zu demonstrieren. In den USA erschwert die Trump-Regierung wissenschaftliche Arbeit an Themen, die nicht in ihr Bild passen. Der Klima- und Stammzellforschung oder der Impfstoffentwicklung werden Gelder entzogen. Reiseeinschränkungen für Menschen aus muslimisch geprägten Ländern bremsen die globale Zusammenarbeit zwischen Forschern. In der Türkei unterdrückt Präsdent Recep Tayyip Erdoğan den Lehr- und Forschungsbetrieb, Forscher werden auch politisch verfolgt. Ungarn will es Universitäten mit Hauptsitz außerhalb der EU erschweren, ungarische Abschlüsse zu verleihen. Manchen Bildungseinrichtungen droht, ganz geschlossen zu werden.

In 500 Städten gibt es Protestzüge

Parallel in mehr als 600 Städten weltweit gehen Menschen gegen solche Einschränkungen der Wissenschaft auf die Straße. Neben den Wissenschaftler selbst kommen auch Nicht-Wissenschaftler. In Deutschland finden außer in Berlin noch in 18 weiteren Städten Märsche statt.

Eine Stunde nach Beginn der Demonstration erreicht der Zug das Brandenburger Tor. Während sich der Pariser Platz nach und nach mit Demonstranten füllt, beginnt die Abschlusskundgebung mit Rednern aus großen Forschungsinstitutionen und prominenten Gästen wie dem Physiker und Wissenschaftsjournalisten Rangar Yogeshwar. Auch sie betonen, wie wichtig die Zusammenarbeit aller Wissenschaftler weltweit sei und zeigen sich kämpferisch: "Wer meint, die Wissenschaft in nationale Grenzen sperren zu können, irrt sich."

Klaus Jäger glaubt inzwischen, dass die Situation der Forscher sich langsam verbessern könnte. "Im vergangenen Jahr hat es sich zwar schlimm angefühlt", sagt er. Erst der Brexit, dann die Wahl von Donald Trump – all das habe ihm Sorgen gemacht. "Aber jetzt habe ich das Gefühl, die Situation entspannt sich wieder." Die Wahlen in Österreich und den Niederlanden hätten ihm Hoffnung gemacht, dass sich die Mehrheit der Menschen doch noch für wissenschaftlich geprüfte Fakten interessiert. Die kommenden Wahlen in Europa, insbesondere die in Kürze anstehende in Frankreich, werden zeigen, ob Jäger und seine Kollegen aufatmen können.