In Deutschland hat der Marsch eine andere Bedeutung als in den USA, glaubt Klaus Jäger. "Wir marschieren hier aus Solidarität und um zu zeigen: Wir sind da. In den USA hat das eine andere Dimension, da wird ein Klimaskeptiker an die Spitze der Environmental Protection Agency, der amerikanischen Umweltschutzbehörde, gesetzt und Forschungsfreiheit beschnitten."

So lässt sich wohl auch begründen, dass die Idee für den March for Science in den USA entstanden ist. Wissenschaftler haben sich zusammengeschlossen, um gegen den weltweit wachsenden Druck auf die Forschung zu demonstrieren. In den USA erschwert die Trump-Regierung wissenschaftliche Arbeit an Themen, die nicht in ihr Bild passen. Der Klima- und Stammzellforschung oder der Impfstoffentwicklung werden Gelder entzogen. Reiseeinschränkungen für Menschen aus muslimisch geprägten Ländern bremsen die globale Zusammenarbeit zwischen Forschern. In der Türkei unterdrückt Präsdent Recep Tayyip Erdoğan den Lehr- und Forschungsbetrieb, Forscher werden auch politisch verfolgt. Ungarn will es Universitäten mit Hauptsitz außerhalb der EU erschweren, ungarische Abschlüsse zu verleihen. Manchen Bildungseinrichtungen droht, ganz geschlossen zu werden.

In 500 Städten gibt es Protestzüge

Parallel in mehr als 600 Städten weltweit gehen Menschen gegen solche Einschränkungen der Wissenschaft auf die Straße. Neben den Wissenschaftler selbst kommen auch Nicht-Wissenschaftler. In Deutschland finden außer in Berlin noch in 18 weiteren Städten Märsche statt.

Eine Stunde nach Beginn der Demonstration erreicht der Zug das Brandenburger Tor. Während sich der Pariser Platz nach und nach mit Demonstranten füllt, beginnt die Abschlusskundgebung mit Rednern aus großen Forschungsinstitutionen und prominenten Gästen wie dem Physiker und Wissenschaftsjournalisten Rangar Yogeshwar. Auch sie betonen, wie wichtig die Zusammenarbeit aller Wissenschaftler weltweit sei und zeigen sich kämpferisch: "Wer meint, die Wissenschaft in nationale Grenzen sperren zu können, irrt sich."

Klaus Jäger glaubt inzwischen, dass die Situation der Forscher sich langsam verbessern könnte. "Im vergangenen Jahr hat es sich zwar schlimm angefühlt", sagt er. Erst der Brexit, dann die Wahl von Donald Trump – all das habe ihm Sorgen gemacht. "Aber jetzt habe ich das Gefühl, die Situation entspannt sich wieder." Die Wahlen in Österreich und den Niederlanden hätten ihm Hoffnung gemacht, dass sich die Mehrheit der Menschen doch noch für wissenschaftlich geprüfte Fakten interessiert. Die kommenden Wahlen in Europa, insbesondere die in Kürze anstehende in Frankreich, werden zeigen, ob Jäger und seine Kollegen aufatmen können.