Die Geschichte der Wissenschaft ist eine Geschichte der Kränkungen: Die meisten davon hat der Mensch sich selbst angetan. Einst das Ebenbild Gottes im Zentrum des Universums, schob Nikolaus Kopernikus die Erde an den Rand des Sonnensystems. Dann degradierte Charles Darwin den Menschen zum besseren Affen. Und nun, so scheint es, müssen wir einsehen, dass unser Körper nicht mehr uns allein gehört. Wir müssen ihn teilen – mit Billionen von Mikroorganismen, die auf und in ihm krabbeln, fressen und sich vermehren. Und das ist nicht etwa eklig. Es ist lebensnotwendig, nicht nur für die Mikroben, sondern auch für uns. Wir sind, in gewisser Hinsicht, abhängig von unseren winzigen Mitbewohnern. Wie genau, erklärt diese Kartengeschichte (oben).

Therapie der Zukunft

Dass wir billionenfach besiedelt sind, ist dabei keine wirklich neue Erkenntnis. Schon 1917 – vor genau 100 Jahren – hatte der Arzt Alfred Nissle sich intensiv mit der Darmflora beschäftigt. Er wunderte sich, dass von den Soldaten, die im Ersten Weltkrieg im Dreck der Schützengräben und Feldlager, wo es kein sauberes Trinkwasser gab, einer nicht an Durchfall erkrankte. Seine Idee: Dieser Soldat müsse besonders viele oder besonders starke Darmbakterien haben, die sich erfolgreich gegen schädliche Keime wehren. Und so begann er, aus seinem Stuhl eine Bakterienkultur herauszufiltern, die später Nissles Namen erhielt: Escherichia coli Nissle. Ein Medikament aus diesen E.-coli-Bakterien verabreichte er Durchfallkranken – es half. Damit hatte er das erste Probiotikum erfunden.

Inzwischen ist die Forschung zum Mikrobiom angesagter denn je (siehe Grafik). Tausende Studien beschäftigen sich jedes Jahr damit, was die Bakterien in uns mit uns anstellen: Welche Zusammensetzung hält uns gesund, welche macht uns krank? Wie sieht eine gesunde Besiedlung mit Bakterien, Viren und Pilzen aus? Und kann man Krankheiten heilen, indem man das Mikrobiom eines Menschen verändert? Diesen Fragen widmet sich ZEIT ONLINE in den kommenden Wochen.