Dabei ist dieser Mythos nicht nur frauenfeindlich und reaktionär, sondern auch aus bindungswissenschaftlicher Sicht Humbug. Denn um sich gut zu entwickeln, brauchen Kinder vor allem eins: feinfühlige Eltern, die mit sich und ihrer Umwelt im Reinen sind. "Ein Kind kann immer nur so glücklich sein wie seine unglücklichste Bezugsperson", so formulierte es die Bindungswissenschaftlerin Fabienne Becker-Stoll kürzlich in der Zeitschrift Eltern.

Dass der immense Druck viele Mütter stark belastet und unter Umständen sogar Wochenbettdepressionen und andere psychische Probleme begünstigen kann, gilt unter Kinderärzten und Therapeuten als offenes Geheimnis. Öffentlich darüber sprechen will kaum jemand – aus Angst, dann als stillfeindlich dazustehen. 

Dabei würde ein klares Bekenntnis zum Selbstbestimmungsrecht der Frau das Stillen nicht schwächen – im Gegenteil. Mehr als 90 Prozent aller Frauen wollen es ja.

Dass im Alter von einem halben Jahr in Deutschland dann tatsächlich nur noch jedes zweite Baby die Brust bekommt, liegt nachweislich nicht am mangelnden Willen der Mütter, sondern an der schlechten Begleitung, vor allem wenn Stillprobleme auftreten. 

Mütter konsequent in ihrer Wahlfreiheit zu stärken, anstatt sie einseitig unter Druck zu setzen, würde deshalb allen nützen: den Frauen, die stillen wollen – denn ihnen müsste dann konsequenterweise professionelle Stillberatung auf Krankenkassenkosten zustehen. Und den Frauen, die nicht stillen wollen. Denn sie hätten dann natürlich das Recht auf fachkundige Unterstützung und Begleitung beim Fläschchengeben. Und zwar ganz ohne abschätzige Blicke und hochgezogene Augenbrauen.

Stillen als Möglichkeit statt als Mutterpflicht: Das sollte selbstverständlich sein, mehr als 80 Jahre nachdem die Nazis die Brust für Babys zum Muss erklärten.

Denn ja, Stillen ist Liebe. Fläschchengeben aber auch.