Was der Intensivmediziner Daniel Kanter über die Gesundheit seines Patienten zu sagen hat, ist vernichtend. Der 22-jährige Otto Warmbier reagiere weder auf Sprache noch Aufforderungen und zeige keinerlei Anzeichen, dass er seine Umgebung überhaupt wahrnehme. Der Student könne lediglich selbstständig atmen und unkontrolliert blinzeln. "Am besten lässt sich sein Zustand als reaktionslose Wachheit beschreiben", sagte Kanter. Es gebe "erhebliche Verluste an Gewebe in allen Teilen seines Hirns". Ursache dafür sei vermutlich ein Herz-Kreislauf-Stillstand.

Was ist Otto Warmbier zugestoßen? Der Student aus den USA war im Januar 2016 in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang festgenommen und im März zu 15 Jahren Straflager verurteilt worden. Das kommunistische Regime warf ihm Straftaten gegen den nordkoreanischen Staat vor – Warmbier soll in einem Hotel ein Plakat von der Wand genommen haben, um es zu stehlen. Der Student plante für wenige Tage das Land zu bereisen, ehe er ein Auslandssemester in Hongkong beginnen wollte. Die nächsten Monate verbrachte er dann in Haft, ehe er am Dienstag in einer Art komatösen Zustand in die USA zurückgebracht wurde. Vorausgegangen waren intensive diplomatische Bemühungen von US-Außenminister Rex Tillerson und dem schwedischen Außenministerium, das die Interessen der USA in Nordkorea vertritt.

Die Eltern erfuhren erst vor zwei Wochen, dass ihr Sohn sich seit fast 15 Monaten in dem Zustand befindet, den sein Arzt Kanter vom University of Cincinnati Medical Center nun auch öffentlich darstellte. Nach dessen Ausführungen könnte es irgendwann vor April 2016 zu den Verletzungen Warmbiers gekommen sein, wie auch die New York Times berichtet. Derartige Schäden am Gehirn gelten vielen Medizinern als unheilbar. Ob und wie sehr sich Warmbier überhaupt erholen kann, ist völlig offen. Was den Blutfluss in sein Gehirn lahmlegte, der zum Tod von Hirnzellen führte, ist derzeit Anlass für Spekulationen.

Video: Otto Warmbiers Arzt Daniel Kanter zum Gesundheitszustand des Studenten (Quelle: CNN)

Kurz bevor die Öffentlichkeit vom Gesundheitszustand Warmbiers erfuhr, hatten sich seine Eltern zu Wort gemeldet. Sie sind überzeugt, dass ihr Sohn während seiner Gefangenschaft in Nordkorea "brutal behandelt und terrorisiert" worden ist. Laut dem Bericht der New York Times soll sich zudem ein amerikanischer Beamter, der mit dem Fall betraut sei, geäußert haben. Demnach sei Warmbier in der Haft mehrfach geschlagen und misshandelt worden. Allerdings fanden Ärzte keinerlei Spuren oder Narben am Körper des 22-jährigen, die darauf hindeuten würden.

Botulismus und Schlaftabletten als Ursache?

Nordkorea hingegen hat eine ganz eigene Erklärung für Warmbiers Zustand. Er habe sich eine äußerst seltene Fleisch- beziehungsweise Lebensmittelvergiftung zugezogen, die Mediziner auch Botulismus nennen, heißt es.

Menschen, die etwa Verdorbenes oder falsch eingekochtes Gemüse verzehren, können erkranken. Ein Bakterium produziert das Botulinumgift, das neurologische Schäden verursachen kann, indem es die Signale zwischen Nerven und Muskeln stört. Tatsächlich kann eine solche Vergiftung zu Sprachstörungen und Lähmungen führen – bis hin zu einem Herzstillstand. Nordkorea behauptet, dass Warmbier an Botulismus erkrankt und nach der Einnahme von Schlaftabletten kollabiert und zunächst nicht wieder aufgewacht sei. Warmbiers Ärzte wollten nicht über die Hintergründe der Verletzungen spekulieren, gaben aber an, dass sie keinerlei Hinweise auf eine Vergiftung gefunden hätten.

Wir haben sehr wenige Antworten.
Fred Warmbier, Vater des 22-jährigen Studenten

Im März 2016, zwei Monate nach seiner Inhaftierung, verlas Otto Warmbier vor Videokameras in Nordkorea sichtlich angespannt und unter Tränen ein Geständnis. Er bekannte sich schuldig, ein Propagandaplakat entwendet zu haben. In einem eine Stunde dauernden Prozess wurde er daraufhin zu 15 Jahre Arbeit in einem Straflager verurteilt. Es ist der letzte Beleg dafür, dass es ihm damals noch einigermaßen gut ging.

"Wir haben sehr wenige Antworten", sagte Warmbiers Vater Fred Journalisten. Niemand wisse, was sein Sohn durchlitten habe. "Selbst wenn man (Nordkoreas) Erklärung glaubt, dass Botulismus und eine Schlaftablette sein Koma verursacht haben – was wir nicht tun", sagte er, "gibt es keine Entschuldigung dafür, seinen Zustand geheimgehalten und ihm eine erstklassige medizinische Versorgung so lange verweigert zu haben".