Was ist da los? Der Staat will 4.000 Euro verschenken – und kaum jemand hält die Hand auf. Während zwei Millionen Abwrackprämien binnen sechs Monaten vergriffen waren, bleibt die Regierung diesmal auf ihrem Präsent sitzen. Von den ausgelobten 400.000 Elektroautoprämien sind im ersten Jahr noch nicht einmal sieben Prozent abgerufen worden. Vom Ziel, bis 2020 eine Million Stromer auf deutsche Straßen zu bringen, hat sich die Bundesregierung längst verabschiedet.

Der Elektroanteil an der deutschen Pkw-Flotte liegt noch immer bei weniger als einem Prozent, selbst unter den Neuzulassungen waren im ersten Halbjahr 2017 nur 0,6 Prozent elektrisch. Dazu kommen noch einmal 0,7 Prozent sogenannte Plugin-Hybride mit einer Minibatterie für wenige Kilometer. 98,7 Prozent aller Neuwagen haben noch immer einen Verbrennungsmotor. Und da sie im Durchschnitt 18 Jahre halten, werden Benzin und Diesel auch weit nach 2030 die deutschen Straßen dominieren.

Die Elektroautostrategie der Bundesregierung ist grandios gescheitert. Dabei bieten die 20 E-Auto-Hersteller auf der Förderliste, darunter sechs deutsche, inzwischen vom Mini über den Familienkombi bis zum Rennauto mehr als 100 verschiedene Modelle, für jeden Bedarf ist ein passendes Fahrzeug dabei. Und das Image der Stromer ist hervorragend. Sie sehen schick aus, stinken nicht, tanken billig, brauchen kaum Wartung, beschleunigen an der Ampel schneller als ein Ferrari und schnurren dabei nur leise vor sich hin. Tatsächlich erwägt bereits fast jeder zweite Autokäufer die Anschaffung eines Elektroautos, das hat jüngst eine Umfrage der Unternehmensberatung McKinsey ergeben. Doch am Ende entscheiden sich dann doch fast alle dagegen.

Die Angst vor dem Unbekannten hält vom E-Auto-Kauf ab

Für die Zurückhaltung werden vor allem drei Gründe genannt: die Angst, mit leerem Akku liegen zu bleiben, die lückenhafte Ladeinfrastruktur im öffentlichen Raum und der hohe Anschaffungspreis. Doch daneben gibt es noch einen vierten Grund, und das ist wahrscheinlich der wichtigste: die Angst vor dem Unbekannten. Die ist zwar irrational, "aber was ist im Verhältnis zwischen Mensch und Auto schon rational?", fragt Gerd Lottsiepen. Der Verkehrsexperte stellt seit 1995 die jährliche Auto-Umweltliste des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) zusammen. Klare Sieger waren stets Erdgasautos, doch die hat auch fast niemand gekauft.

Seit 2011 informiert der VCD auch über Stromer. Preis, Reichweite, CO2-Ausstoß sind aufgelistet. "Tatsächlich lohnt sich der Umstieg schon heute für eine ganz bestimmte Zielgruppe", sagt Lottsiepen: "Berufspendler mit einem rund 50 Kilometer langen Weg zum Arbeitsplatz." Das sind in Deutschland mehrere Millionen Menschen. Wären sie nicht mit Diesel oder Benzin, sondern elektrisch unterwegs, würden sie Geld sparen und die Luft weit weniger verschmutzen. Aber das wäre eine rationale Entscheidung – und damit ganz untypisch für unseren Umgang mit dem fahrbaren Untersatz.

Denn der sieht so aus: Wir investieren Zehntausende Euro in einen Neuwagen und lassen das teure Gefährt dann über 95 Prozent seiner Lebenszeit ungenutzt am Straßenrand herumstehen. Wir bewegen den tonnenschweren Blechpanzer für den Kurztransport eines Kleinkinds samt Einkaufstüte und stürzen uns am Wochenende und zu Ferienbeginn sehenden Auges in den Megastau. Wir erwarten, die ersten 700 Kilometer ohne Tankstopp zurücklegen zu können, halten selber aber längst nicht so lange ohne Ess- und Pinkelpause durch. Im Durchschnitt fahren wir gerade mal 40 Kilometer am Tag, das schaffen selbst die billigsten Stromer. Kurzum, was Autos angeht, machen wir uns mächtig was vor.

Eine kleine E-Auto-Prämie kann das nicht ändern. Wer wissen will, wie sich eine Nation von Autonarren wirklich umstimmen lässt, muss nach Norwegen fahren, ins E-Auto-Paradies. Jeder dritte Neuwagen ist dort ein Stromer, in der Hauptstadt Oslo sogar jeder zweite. Das ist Weltrekord. Fünf Millionen Norweger besitzen dreimal so viele Elektroautos wie 80 Millionen Deutsche. Eine Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche hat das ermöglicht.

Wer in Norwegen E-Auto fährt, muss keine Steuern zahlen

Die Peitsche: Was sich die Städte in Deutschland bislang nicht trauen, hat Oslo im Januar getan und bei Smogwetter ein Dieselfahrverbot für die Innenstadt verhängt. Das dauerte zwar nur zwei Tage, war aber ein starkes Warnsignal an alle Autokäufer. Und der offizielle Transportplan der norwegischen Regierung empfiehlt, ab 2025 gar keine fossil betriebenen Fahrzeuge mehr neu zuzulassen.

Das Zuckerbrot: Wer in Norwegen Elektroauto fährt, darf an 7.000 öffentlichen Ladesäulen kostenlos parken und Strom tanken, muss keine Steuer zahlen, kann Mautstraßen und Fähren gratis nutzen und darf auf die Busspur ausweichen. Seit sich dort die ersten E-Auto-Staus bilden, ist das allerdings nur noch erlaubt, wenn mindestens ein Mitfahrer im Auto sitzt. Das wichtigste Argument für den Umstieg ist der Kaufpreis: In Norwegen ist ein Stromer schon in der Anschaffung billiger als ein Stinker. Ein E-Golf, der derzeitige Bestseller, kostet dort 1.500 Euro weniger als das gleiche Modell mit Benzinmotor, der Erlass hoher Importsteuern macht es möglich.

Rund 400 Millionen Euro lässt sich die norwegische Regierung ihre Charmeoffensive für die Elektromobilität jedes Jahr kosten. Umgerechnet auf Deutschland wären das über sechs Milliarden Euro. Tatsächlich wurde in den vergangenen zwölf Monaten aber nur ein gutes Hundertstel dieser Summe für E-Auto-Prämien gezahlt. Kein Wunder, dass die Sache hierzulande stockt.

Mögliche Umwelt- und Klimavorteile? Irrelevant

Dazu kommen zwei weitere wichtige Unterschiede. Norwegen hat keine einheimische Automobilindustrie, die ihr eingefahrenes fossiles Geschäftsmodell mit allen Tricks nach dem Motto verteidigt: legal, illegal, scheißegal. Norwegische Arbeitsplätze sind durch die Elektrifizierung des Verkehrs nicht bedroht. Und der Treibstoff ist dort tatsächlich sauber, er wird ausschließlich in emissionsfreien Wasserkraftwerken erzeugt. Ganz anders hierzulande. Noch immer stammen 70 Prozent des Stroms aus Kohle-, Erdgas- und Atomkraftwerken.

Ein starkes Umweltbewusstsein ist deshalb in Deutschland nur ein schwaches Argument für den Umstieg aufs E-Mobil. Von der Produktion über die Gewinnung der Antriebsenergie bis zur Entsorgung ist sein Schadstoff- und CO2-Ausstoß nur geringfügig kleiner als bei einem Benziner – und etwas größer als bei einem Erdgasauto. Klar im Vorteil sind Stromer nur bezogen auf die innerstädtische Luftverschmutzung. Die für ihren Betrieb nötigen Kraftwerke stehen schließlich am Stadtrand – oder in Ostchina. Denn dort werden die meisten Batteriezellen für Elektroautos produziert; eine energieintensive und dreckige Industrie.

Von möglichen Umwelt- und Klimavorteilen war denn auch keine Rede, als der damalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel die deutsche E-Auto-Prämie vor einem Jahr verkündete. Stattdessen sprach er von der "Neuerfindung der individuellen Mobilität" im digitalen Zeitalter, bei der die deutsche Automobilindustrie nicht ins Hintertreffen geraten dürfe. Es gehe um "aktive Industriepolitik", um den Beweis auf dem Heimatmarkt, "dass wir die neuen Antriebe beherrschen und auch massenmarktfähig machen".

E-Auto-Fahrer wohnen üblicherweise auf dem Land

"Es gibt einfachere und kostengünstigere Wege zu einer klimapolitisch erwünschten Verringerung der CO2-Emissionen", heißt es in der Stellungnahme des wissenschaftlichen Beirats des Bundeswirtschaftsministeriums zur Elektroautoprämie. Die Luftqualität in den Städten könnte durch die Umrüstung von Stadtbussen, Fahrverbote oder die Einführung einer City-Maut "direkter und gezielter" verbessert werden. Problematisch seien die Kaufanreize auch für den Zusammenhalt der Gesellschaft, da "Elektroautos derzeit überwiegend von wohlhabenden Haushalten als Zweitwagen angeschafft" würden.

Umfragen bestätigen das. Der typische E-Auto-Käufer ist demnach 51 Jahre alt, männlich, gebildet und wohnt auf dem Land. Der Stromer steht für das gute Gewissen im Carport, lange Wochenend- und Urlaubsfahrten legt er im Erstwagen mit Verbrennungsmotor zurück. Das ist auch in Norwegen so. Der Weg zum Wochenendhäuschen ist weit und steil, und Ladesäulen gibt es in der Einsamkeit von Fjord oder Fjell kaum. Entsprechend geben im Stromerparadies zwei Drittel aller Neuwagenkäufer dann doch lieber etwas mehr Geld aus – und entscheiden sich für einen Verbrennungsmotor.