Florabella und Moritz haben gerade Nachwuchs. 30 Eier haben die beiden Schuppenechsen in den vergangenen Wochen und Monaten gelegt. Neugierig drängen sich die Kinder um das große Terrarium im Flur einer Kita in Berlin-Schöneberg. "Wann schlüpfen die endlich?", "Warum verbuddeln die ihre Eier?", "Darf ich die mal streicheln?" Die Kinder dürfen. Erzieher André Burbaum greift sich das Echsenweibchen, ermahnt die aufgeregten Kinder zur Vorsicht und setzt die 20 Zentimeter lange Bartagamen sanft auf eine der kleinen Hände. "Wenn sich die Kinder um etwas Lebendiges kümmern, lernen sie, vorsichtig und behutsam zu sein, Verantwortung zu übernehmen und für andere zu sorgen", sagt er. Seit mindestens acht Jahren lebt das Reptil schon in dieser Kita. Probleme? Habe es noch nicht gegeben.

Krabbeltiere in der Krabbelgruppe

Spricht man mit Eltern, berichten die immer öfter von Kitas, in denen Kaninchen, Hunde, Schlangen oder Geckos gehalten werden. Genaue Zahlen gibt es nicht – denn es besteht keine Meldepflicht für Haustiere in solchen Einrichtungen. Sogar durch Krippen kriechen mittlerweile Schildkröten. Infektionsmediziner sind von dieser Entwicklung wenig begeistert. "Reptilien in der Kita? Das sollte man auf keinen Fall machen", sagt Werner Handrick. Der Mikrobiologe aus Frankfurt (Oder) erforscht Infektionen, die von Haustieren auf Kinder übertragen werden. Zoonosen nennen Forscher solche Krankheiten, die vom Tier stammen. Insbesondere Reptilien wie Bartagamen, Schildkröten, Schlangen, Chamäleons oder Geckos sind als Keimschleudern bekannt.

In einem Bericht von 2013 (hier als PDF) hatte das Robert Koch-Institut ausdrücklich empfohlen: "Reptilien sollten nicht in Kindereinrichtungen oder Haushalten von Tagesmüttern gehalten werden." Aus gutem Grund: Der Darm fast aller Reptilien (bis zu 90 Prozent der untersuchten Tiere) beherbergt Salmonellen-Arten, von denen schon eine geringe Zahl bei Kleinkindern und Säuglingen zu mitunter lebensbedrohlichen Durchfallerkrankungen, Blutvergiftungen und Hirnhautentzündungen führen kann. Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie rät sogar generell davon ab, Reptilien in Haushalten mit Säuglingen und Kindern unter fünf Jahren zu halten.

Reptilien verbreiten Salmonellen

Zwar gehen Salmonellosen in den meisten Fällen nur mit unangenehmen Durchfällen einher, können aber vor allem Kinder auch lebensgefährlich erkranken lassen.

Im Jahr 2012 starb in Baden-Württemberg ein sechs Wochen alter Säugling. Bei der Obduktion wurde eine entzündliche Erkrankung der tiefen Atemwege und eine Darminfektion mit exotischen Salmonellen festgestellt. Die Bakterien stammten von einer Kornnatter und Bartagamen im Familienhaushalt. Im selben Jahr infizierte sich ein zwei Monate altes Baby in Hessen mit Salmonellen einer Bartagame und erkrankte schwer an Blutvergiftung (Sepsis) und Hirnhautentzündung (Meningitis). Und in Niedersachsen infizierte sich das Kniegelenk eines Zweieinhalbjährigen mit reptilientypischen Salmonellen. Zur Ansteckung reichte es offenbar, dass er im Garten der Nachbarn spielte, die dort Abfälle aus dem Terrarium einer Bartagame entsorgten. Trotz wochenlanger Antibiotika-Behandlung erlitt der Junge ein septisches Fieber und Knochenmarksentzündungen, bevor das Reserveantibiotikum Ciprofloxacin schließlich wirkte.

Mit etwa sieben Prozent sind Salmonellosen, die von Reptilien übertragen wurden, weitaus seltener als solche, die von verkeimten Lebensmitteln ausgehen. Allerdings ist der Anteil der Infektionen mit für Reptilien typischen Salmonellenarten bei Kindern unter zwei Jahren in den vergangenen Jahren gestiegen – von 41 Fällen (drei Prozent aller Salmonellosen bei Kindern unter zwei Jahren) in den Jahren 2000 bis 2002 auf 160 Fälle (30 Prozent) in den Jahren 2009 bis 2011. Seit 2012 werden jedes Jahr etwa 30 bis 40 Prozent aller gemeldeten Salmonellosen bei Kindern unter zwei Jahren von solchen Erregern ausgelöst.

Kinder unter fünf Jahren sind besonders gefährdet

Chamäleons, Würgeschlangen, Leguane, Wasserschildkröten, Kornnattern – die Liste der Überträger ist lang. Nicht zuletzt weil der Trend, exotische Tiere zu halten, anhält. "Die steigende Zahl privat gehaltener Reptilien geht offensichtlich einher mit einer steigenden Zahl von Salmonella-Infektionen bei Kindern", heißt es in dem RKI-Bericht.

Etwa sechs Millionen Reptilien wurden hierzulande zwischen 2004 und 2014 eingeführt, die dann in Zoohandlungen, auf Reptilienbörsen oder über das Internet angeboten werden. Tierschützer kritisieren die Haltung exotischer Arten, unter anderem, weil einige davon illegal nach Deutschland geschmuggelt werden und weil sie bezweifeln, dass diese Tiere in Terrarien artgerecht gehalten werden können.

Über die mit den Tieren einhergehenden Infektionsrisiken erfahren Käufer so gut wie nichts, beklagt Michael Pees, Tiermediziner an der Klinik für Vögel und Reptilien der Universität Leipzig. Es gibt keine Vorschrift, dass Verkäufer über die Salmonellen-Untermieter der Tiere und angemessene Hygienemaßnahmen informieren müssen. So sei vielen Menschen nicht bekannt, dass Reptilien Infektionsquellen sind, schreibt das RKI: "Grundsätzlich gelten Kinder unter fünf Jahren (...) als besonders gefährdet."

Tiere auf Salmonellen zu testen, bringt wenig

Auch das Testen der Tiere auf Salmonellenbefall sei keine Lösung, sagt Veterinär Pees. "Selbst wenn dabei einem Tier heute Salmonellen-Freiheit attestiert wird, kann es die Bakterien morgen schon wieder tragen", sagt der Tierarzt. "Reptilien haben nun mal Salmonellen, sie erkranken nicht daran, sondern brauchen sie womöglich sogar in ihrer Darmflora." Versuche, Reptilien mit Antibiotika salmonellenfrei zu bekommen, seien gescheitert. Die einzig wirksame Vorbeugungsmaßnahme für die Übertragung der Bakterien von Reptil zu Mensch sei, direkten und indirekten Kontakt zu vermeiden. Zu Hause könne man Reptilien ausreichend sicher halten, wenn man die Hygieneregeln befolgt. "Aber im Kindergarten sollte man das nicht machen." Es sei kaum sicherzustellen, dass sich jedes Kind, das die Tiere anfasst, auch wirklich die Hände wäscht.

Sollten sich Kitas dennoch für die Haltung von Reptilien entscheiden, sollten die Kinder sie nicht anfassen dürfen, rät Pees. Und Tierärzte sollten den Gesundheitszustand regelmäßig überprüfen, da kranke Tiere mehr Salmonellen ausscheiden. Überhaupt sollten alle Haustiere einer Kita regelmäßig untersucht werden. Nicht nur, weil auch sie sich mit Reptilien-Salmonellen anstecken können, sondern selbst ebenfalls Krankheitserreger übertragen. So bestehe bei Vögeln die Gefahr einer Chlamydien-Infektion, Säugetiere wie Katzen und Hunde können Pasteurellen übertragen und Blutvergiftungen, Durchfall und Atemwegserkrankungen verursachen.

"Kinder sollen nicht steril aufwachsen, sondern das Immunsystem mit Keimen konfrontieren und es somit ausbilden", sagt Pees. "Die Frage ist aber, ob man das Risiko reptilientypischer Keime, die ja keine gängigen Kontakttiere sind, ausgerechnet im Kindergarten eingehen sollte."

"Ein Highlight ist immer die Fütterung mit Heuschrecken"

Die Eltern sind bei der Entscheidung der Kitas, welche Tiere angeschafft werden sollen, welche Infektions- oder Allergierisiken damit einhergehen und akzeptabel sind und welche Hygienemaßnahmen nötig wären, in der Regel außen vor. Fragen einzelne Eltern nach, wird das Risiko beschwichtigt oder als Hysterie belächelt, wie einige erzählen – obwohl eine offene Auseinandersetzung und eine kompetent beratene Abwägung im Interesse der Kinder wäre.

Für André Burbaum stehen die Vorteile im Vordergrund. Gleich morgens stehen die Kinder am Terrarium, suchen die Tiere, zählen, ob alle da sind, erzählt der Erzieher: "Ein Highlight ist immer die Fütterung mit Heuschrecken." Das Terrarium säubert nur er, auf Hygiene legt er Wert. Das Restrisiko einer Salmonelleninfektion nimmt er in Kauf. "Ich bin seit sechs Jahren hier und die Bartagamen gibt es seit mindestens acht Jahren in der Kita. Wir hatten noch nie einen Fall von Salmonellose." Man müsse abwägen, was für die Entwicklung der Kinder sinnvoller ist. "Entweder wir sagen: Um Gottes willen, du könntest krank werden. Oder die Kinder lernen etwas Außergewöhnliches kennen." Man würde den Kindern einen Teil ihrer Erfahrungswelt nehmen, wenn man die Tiere abschafft. "So, und jetzt gehen wir Hände waschen", ruft Burbaum den Kindern zu und verschwindet im Bad. Das ist übrigens auch für das Tier wichtig – denn nicht selten stecken Menschen gerade Reptilien mit gefährlichen Infekten an.

Dieser Text ist in einer längeren Version im Tagesspiegel erschienen.