Die Erde ist flach. Bevor Sie diese Idee als Ansicht armer Irrer abtun, öffnen Sie sich einen Moment lang für folgende Beobachtungen: Es gibt keine Satellitenfotos, die die Antarktis als gesamten Kontinent zeigen. Also muss sie die Erde ringsherum umgeben. Es gibt Kugelerde-Bilder der Nasa – die aber sind fingiert, wie sich mit Photoshop prüfen lässt. Kein einziges wissenschaftliches Experiment konnte bis heute die Kugelform der Erde belegen. Die Gravitation zum Beispiel ist nach wie vor ohne jeden Beweis. Und doch handelt es sich um eine Verschwörungstheorie. Eine von vielen.

Da gibt es noch Chemtrails, die vermeintlich inszenierten 9/11-Anschläge, die Klimawandel-Lüge oder das nie entdeckte Aidsvirus, um einige weitere zu nennen. Warum nur halten sich diese Theorien so hartnäckig?

Zum einen ist der Mensch anfällig für Verschwörungsglauben. Dieser ist eng verwandt mit anderem gefühlsgesteuerten Verhalten. Wir bemerken, dass es Dinge gibt, die wir nicht begreifen können. So liegt es nahe, auch über das Unsichtbare, das Mögliche und manchmal eben das Abwegige nachzudenken.

Zum anderen gibt es tatsächlich zahlreiche Verschwörungen, wie ein Blick in die Geschichte zeigt. Amerikanische Geheimdienste etwa haben seit 2007 massenhaft die Kommunikation unbescholtener Bürger überwacht. Es gab keine Massenvernichtungswaffen im Irak, wie die USA als Begründung für ihren Einmarsch im Jahre 2003 behaupteten. 1985 beauftragte die französische Regierung einen Bombenanschlag auf ein Schiff von Greenpeace. Weitere 13 Jahre früher wurde die Watergate-Affäre bekannt, bei der US-Präsident Richard Nixon unter anderem den Auftrag zum Abhören der Demokratischen Partei gegeben hatte. Noch schockierender ist ein Forschungsprojekt des Geheimdienstes CIA aus dem Jahre 1953 zur Bewusstseins- und Gedankenkontrolle, das tatsächlich stattgefunden hat.

Es gibt Experimente zur Gedankenkontrolle, warum also nicht auch Chemtrails?

Was ist angesichts dieser realen Tatsachen mit all den bis heute unaufgeklärten Zusammenhängen? Der Tod des CDU-Politikers Uwe Barschel beispielsweise. Oder der Einsturz von Gebäude 7 des World Trade Centers in New York am 11. September 2001. Wenn Experimente zur Gedankenkontrolle nachgewiesen sind, ist es dann wirklich so abwegig, dass im Auftrag von Regierungen Gifte in Form von Chemtrails in der Atmosphäre versprüht werden?

Nun lassen sich viele Zusammenhänge recht simpel erklären. Diese Chemtrails sind nichts weiter als Kondensstreifen, die an den Triebwerken von Flugzeugen bei bestimmten Wetterlagen entstehen. Solche Erklärungen sind häufig kaum zu widerlegen, weshalb sie kurzerhand zum Teil der Verschwörung erklärt werden. Eine solche selektive Wahrnehmung ist der Wissenschaft jedoch nicht völlig fremd. Auch eine wissenschaftliche Theorie beruht auf Annahmen, die manchmal Aspekte ausblenden. Ein Unterschied besteht jedoch, wenn Fakten oder Hinweise auftauchen, die die Theorie widerlegen können. Denn das kann und soll sogar so sein: Eine wissenschaftliche Theorie muss widerlegbar sein. Alles andere, so sagte Karl Popper, ein wichtiger Vertreter des empirischen Einheitswissenschaftsbegriffs, wäre ein paranoides System.

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Verschwörungstheorien verwenden demnach – wissenschaftlich korrekt gesprochen – Hinweise, die gegen eine wissenschaftliche Theorie sprechen, als Beweis für eine Art Gegentheorie. Damit ist letztlich alles möglich. Denn was nach dieser Logik bewiesen werden kann, wird als Wahrheit bezeichnet. Die empirische Wissenschaft hingegen geht nur so lange davon aus, dass etwas real ist, bis es widerlegt wurde. Die Gravitation konnte bisher niemand beweisen. Widerlegen konnte sie allerdings auch noch niemand. Sie ist und bleibt ein aktuell gültiges Erklärungsmodell.

Was nicht ins Weltbild passt, wird ausgeblendet

Für viele Dinge gibt es jedoch keine gültigen Erklärungen. Warum hat beispielsweise noch nie jemand die Erde in Nord-Süd-Richtung umflogen? Und ist es nicht ein merkwürdiger Zufall, dass die NASA ganze 700 Kisten mit Fotomaterial aus dem Weltall einfach so verbummelt hat? Ab wann kämen Ihnen Zweifel an der offiziellen Version?

Psychologisch gibt es viele Ansätze, die erklären, warum uns Menschen trotz aller wissenschaftlicher Fakten so oft Zweifel kommen. Dass einige Zufälle so merkwürdig wirken, liegt beispielsweise am menschlichen Bedürfnis, nach Zusammenhängen zu suchen, auch wenn diese oft gar nicht existieren. Außerdem tendieren wir häufig dazu, Informationen danach auszuwählen, was in das eigene Weltbild passt. Alles andere wird ausgeblendet. Daran knüpft auch der Attributionsfehler an, der dazu führt, dass wir eher gezielte Intentionen von Menschen als Ursache vermuten als veränderbare Merkmale von Situationen.