Mit 14 Kilometern pro Sekunde rast 2012 TC4 durch den Weltraum. Am Donnerstagmorgen fliegt der Asteroid quasi knapp über unsere Köpfen hinweg, zumindest für Weltraumverhältnisse. Um rund 44.000 Kilometer, vielleicht auch ein- bis zweitausend Kilometer weniger, wird er die Erde verfehlen. Das entspricht etwas mehr als dem Unfang des Äquators. Der Mond ist fast neun mal so weit entfernt, seine Distanz zur Erde beträgt 384.400 Kilometer.

2012 TC4 ist mit geschätzten zehn bis dreißig Metern Durchmesser ein eher kleiner Asteroid. Seine Größe haben Forscher schon vor fünf Jahren gemessen. Da flog er schon einmal an der Erde vorbei, hielt damals aber noch mehr Abstand: etwa ein Viertel der Distanz zum Mond. Danach verschwand er für fünf Jahre in die Weiten des Weltalls. Weil er zu blass und zu weit weg war, konnten Astronomen ihn lange nicht sehen und auch nicht vorhersehen, welche Flugbahn er nehmen würde. Nur in einem Punkt waren sie sich die ganze Zeit ziemlich sicher: Er würde nicht kollidieren, sondern vorbeifliegen. Wie nah war lange unklar. Distanzen zwischen 6.800 und 170.000 Kilometern hielten Experten möglich. Vor Kurzem entdeckten Teleskope in Chile ihn dann wieder, als er erneut Kurs Richtung Erde nahm.

Wer am Donnerstagmorgen hofft, einen Blick auf den Asteroiden werfen zu können, wird enttäuscht. Mit bloßem Auge kann man 2012 TC4 von der Erde aus nicht sehen. Er ist zu klein und leuchtet selbst für einen Asteroiden sehr schwach. Für die Teleskope in den Weltraumbeobachtungsstationen ist das allerdings kein Problem.

Training für den Ernstfall

Für Wissenschaftler ist die zweite Begegnung mit 2012 TC4 in zweierlei Hinsicht erfreulich. Sie können den Vorbeiflug nutzen, um mehr über den Asteroiden und seine Flugbahn zu lernen. Außerdem wollen die Raumfahrtbehörden Esa und Nasa mit einem großen Netzwerk aus Wissenschaftlern und Observatorien den Ernstfall trainieren: Was tun, wenn künftig ein Asteroid der Erde gefährlich nah kommt?

Für dieses Szenario arbeiten Forscher seit Jahren an Abwehrmethoden. Die Nasa hat dafür eine eigene Abteilung, die den Himmel nach potenziell gefährlichen Objekten absucht und erdnahe Objekte durchgehend beobachtet. So gut es geht, gibt sie Warnungen raus. Außerdem koordiniert sie die Maßnahmen, falls tatsächlich ein Einschlag droht. Im Falle eines großen und potenziell sehr gefährlichen Himmelskörpers, ab 100 Metern Durchmesser, können nach Einschätzung von Experten in der Regel mit mehreren Jahren bis Jahrzehnten Vorlaufzeit Schutzmaßnahmen getroffen werden.

Wie können die aussehen? "Die naheliegende Option wäre ein kinetischer Impakt", sagt Rüdiger Jehn, der bei der Esa Erdnahe Objekte erforscht. Das heißt, dass man den Asteroiden mit einem anderen Objekt kollidieren lässt, um ihn von seiner Bahn abzulenken. Denkbar wäre zum Beispiel eine Sonde. Jehn forscht am sogenannten Gravity-Tractor-Ansatz, wobei ein Raumschiff neben dem Asteroiden herfliegt und ihn über die gegenseitig ausgeübte Anziehungskraft von seinem Kurs abbringt. "Im Notfall wäre auch ein nuklearer Einschlag denkbar. Aber das müssen wir wohl den Amerikanern überlassen. In Europa gibt es keine Bereitschaft, das zu testen."

Jehn strebt mit seiner Arbeit ein flächendeckendes Frühwarnsystem an, mit dem man etwa eine Woche im Voraus vor einem möglichen Einschlag warnen kann. "Wenn wir der Bevölkerung sagen können, 'Bleibt dann in euren Kellern!', ist das wie eine Tornado-Warnung. Das wäre ein großer Fortschritt", sagt Jehn.

Der Meteroit von Tscheljabinsk

Im Fall von Tscheljabinsk hätte so ein Frühwarnsystem beispielsweise Alarm schlagen können. 2013 war über der russischen Millionenstadt ein Meteroit explodiert, der mit ungefähr 20 Metern Durchmesser ähnlich groß war wie 2012 TC4. Die dadurch entstandene Druckwelle trug sich kilometerweit über das Land. Fensterscheiben zerplatzten, Meteoritenbrocken fielen zu Boden, rund 1.500 Menschen wurden verletzt und ungefähr 7.000 Gebäude zerstört. Astronomen rekonstruierten später die Wucht des Einschlags: Ihrer Einschätzung nach entsprach sie der Energie von dreißig Atombomben des Typs, der im zweiten Weltkrieg in Hiroshima eingesetzt wurde.

Asteroiden, die sich der Erde nähern, sind keine Seltenheit. Bekannt sind etwa 600.000 Asteroiden und Kometen, die in unserem Sonnensystem unterwegs sind. Nur wenige kollidieren mit der Erde. Zugleich versuchen Raumfahrtbehörden stets, Asteroiden so früh wie möglich zu entdecken. Besonders kleine Asteroiden wie 2012 TC4 können dabei noch für Überraschungen sorgen. Sie sind schwer für Teleskope zu entdecken. Trotz intensiver Forschung und technischer Verbesserungen kann es unter Umständen zu spät für Gegenmaßnahmen gegen kleine Brocken aus dem All sein, wenn sie entdeckt werden.

Vor einer ständigen Bedrohung muss man sich trotz Unsicherheiten aber nicht fürchten. "Ein Fall wie in Tscheljabinsk kommt alle vierzig bis fünfzig Jahre vor", sagt Jehn. Große Asteroiden seien zudem sehr selten. "Der Einschlag, der zum Aussterben der Dinosaurier geführt hat, ist 65 Millionen Jahre her." Damals schlug ein Gesteinsbrocken von mehreren Kilometern Durchmesser auf der Erde ein.

Dass 2012 TC4 eines Tages zurückkommen und einschlagen könnte, ist trotzdem nicht unwahrscheinlich. Berechnungen dazu gibt es auch schon: Der Asteroid könnte im Oktober 2079 auf die Erde treffen - die Wahrscheinlichkeit liegt laut Jehn nach momentanen Berechnungen jedoch nur bei eins zu 2.645.