Noch jeder Nasa-Astronaut ist mit Boeings Hilfe ins All gereist. Von der ersten Mercury-Kapsel über Apollo und die Shuttles bis hin zu aktuellen Missionen rund um die Internationale Raumstation ISS – immer war das große Luftfahrtunternehmen beteiligt. Nächstes Jahr will Boeing wieder Geschichte schreiben: Der CST-100 Starliner soll das erste kommerzielle, bemannte Raumschiff sein, das nach Ende der Spaceshuttle-Mission wieder Amerikaner ins All bringt. Größter Konkurrent: Die private Firma SpaceX, in die die Nasa ebenfalls große Hoffnung setzt. Boeings Vizepräsident John Mulholland managt im Kennedy Space Center in Florida die Entwicklung des Starliners.

ZEIT ONLINE: 4,2 Milliarden Dollar: So viel haben Sie 2014 von der Nasa bekommen, um ein Taxi in den Orbit zu bauen. Ein neues, wiederverwertbares Raumschiff. Schon bald soll es zum ersten Mal abheben. Läuft alles nach Plan?

John Mulholland: Die Entwicklungen in den vergangenen drei Jahren waren dramatisch. 2014 wussten wir, wie unser Raumschiff – der CST-100 Starliner – aussehen und was es können soll. Dank des Vertrags mit der Nasa konnten wir das Design fertigstellen, was ungefähr anderthalb Jahre gedauert hat. Als nächstes galt es, erste Teile anzufertigen und zu testen. Das machen wir dieses und nächstes Jahr. Dann geht’s an den Flug.

ZEIT ONLINE: Sie haben lange gewartet, etwas in den Händen zu halten: Was war das erste Bauteil zum Anfassen?

Mulholland: Die erste Hardware hatten wir schon vor Jahren. Aber an was ich mich lebhaft erinnere, sind die Domes, diese großen Aluminiumkegel des Crew-Moduls. Ich sah sie und dachte: Das wird klappen!

ZEIT ONLINE: Sie sprachen von Tests, was genau testen Sie?

Mulholland: Ein Starliner besteht aus einem Service- und einem Crew-Modul. Das Service-Modul hat all die Antriebssysteme, um ins Weltall und zurück zu gelangen. Wir testen sie momentan in New Mexico mit Kalt- und Heißtests. Außerdem bauen wir derzeit alle drei Module für die Besatzung. Beim ersten prüfen wir gerade die Energieversorgung. Es heißt Spacecraft One und wird zu Beginn nächsten Jahres für einen Pad-Abort-Test nach New Mexico gebracht.

ZEIT ONLINE: Bei so einem Test prüfen sie die Sicherheitssysteme, die der Crew im Notfall helfen sollen, aus der Kapsel zu gelangen …

Mulholland: Genau. Das ist eine der Nasa-Vorgaben. Ohne diesen Test zu bestehen, wäre uns der bemannte Flug untersagt.

Ein wiederverwendbares Raumfahrzeug zu bauen – das ist der Job des Vizepräsidenten und Managers des Commercial Crew Programms bei Boeing. Der Ingenieur leitet die Entwicklung des Crew Space Transportation (CST) 100-Starliners. Früher managte er den Bau der Flugzeuge, die die Spaceshuttles der Nasa ins All brachten. © Boeing

ZEIT ONLINE: Lohnt sich dieser enorme Aufwand und eine solche Investition denn? US-Astronauten könnten ja auch weiterhin mit der russischen Sojus zur ISS fliegen, wie sie es seit Jahren machen.

Mulholland: Seit 2011 sind die USA nicht in der Lage, aus dem eigenen Land Menschen ins All zu bringen. Das sind mehr als sechs Jahre. Das muss sich ändern.

Es gilt, die Führungsrolle zu behaupten.
John Mulholland, Vizepräsident von Boeing

ZEIT ONLINE: Um das Selbstbewusstsein der Nation zu stärken? Geht es nur um Stolz?

Mulholland: Es ist sicherlich wichtig für uns, die Nation ist gezwungen, Grenzen zu erweitern und zu entdecken. Es gilt, die Führungsrolle zu behaupten. Aber es gibt noch einen weniger emotionalen Grund: Als die Spaceshuttles noch flogen, hatten wir zwei Systeme, um zur ISS zu gelangen. Nach dem letzten Shuttle-Unfall mussten wir zwei Jahre auf dem Boden bleiben. Wären unsere russischen Partner nicht gewesen, hätten wir alle unsere Leute von der ISS holen müssen und die Station vielleicht verloren. An dem Punkt sind wir nun wieder: Wir haben nur Sojus. Damit gefährden wir ein Milliarden-Dollar-Labor im All. Also bauen wir ein neues Raumschiff.