Ob Krieg in Syrien, Antiterrorkampf in Frankreich, die Abspaltungsversuche Kataloniens oder der alltägliche Rassismus in den USA: Überall auf der Welt gibt es Konflikte, leben Menschen in Angst, fügen sich verfeindete Gruppen Leid zu. Wie also ist es möglich, eine bessere, gar friedliche Welt zu schaffen? Drei SciLogs-Blogger haben diese Fragen in unserem Liveblog diskutiert.

"Sicher ist, dass Menschen in allen Kulturen zu aggressivem Verhalten fähig sind, und dabei andere Menschen bereitwillig verletzen oder töten", sagte der Arzt und Wissenschaftsautor Thomas Grüter. Er verwies auf Theorien, die das Ausmaß aggressiver Handlungen von der jeweiligen Kultur sowie von individuellen Erfahrungen abhängig machen. Er fragte sich selbst, warum sich bei manchem "dieses Hochgefühl des Kampfes" einstelle, wenn Menschen eigentlich friedlich veranlagt wären. Bei Konflikten oder Kriegen gehe es "keineswegs immer nur um materiellen Gewinn. Nicht die Beute allein ist der Anreiz, sondern auch der Adrenalinausstoß", sagte Grüter.

Michael Blume ging noch einen Schritt weiter: Die Vorstellung einer friedlichen Natur des Menschen sei ein Mythos, sagte der Religionswissenschaftler. Dennoch gebe es Fortschritte: "Kein Schimpanse könnte einen Bus mit nichtverwandten Artgenossen besteigen, keine Gorillamama ihr Kind in eine Schule schicken, ohne dass es zu Gewalt und Blutvergießen käme! Unsere Vorfahren wurden sozialer, toleranter und intelligenter, indem sie auf Kooperation statt Konfrontation setzten!", schrieb Blume.

Doch Kooperation setzt voraus, dass Menschen vertrauen und Regeln einhalten. Wenn sich dies schon im Kleinen als schwierig erweist, wie kann es dann im Großen gelingen? Auch diese Frage diskutierten die Wissenschaftler. Als Beispiel nannten sie unter anderem die EU.

Zurücklehnen wäre fatal

"Die EU ist ein fast einmalig dichter Verbund von immer noch souveränen Staaten. Solange sich alle freiwillig an die Regeln halten, bleibt auch höchstwahrscheinlich alles friedlich", sagte Thomas Grüter. Doch wäre es seiner Ansicht nach fatal, sich jetzt zurückzulehnen: "Man sollte bitte an den Nordirland-Konflikt denken, oder auch den Zerfall Jugoslawiens. Damals haben auch viele Menschen in den Konfliktgebieten einfach nicht glauben können, dass ein so ungeheuer brutaler Krieg bei ihnen möglich sein könnte", so Grüter.

Nach Ansicht des Politologen Ali Arbia ist es häufig der Staat, der den inneren Frieden tatsächlich sichern kann. Arbia brachte die Theorie des sogenannten demokratischen Friedens ins Spiel. Danach führten Demokratien extrem selten bis gar keine Kriege untereinander. "Die EU ist vielleicht sogar schon einen Schritt weiter, weil sie neben dem klassischen Nationalstaat eine neue Ebene schafft", sagte Arbia.

Blume wies indes darauf hin, dass das Projekt EU immer wieder durch nationalistische und populistische Gegenbewegungen gefährdet sei. Ein Punkt, bei dem sich alle drei Wissenschaftler einig waren: Nationalismus sei nicht förderlich, wenn nicht sogar schädlich für den Frieden. "Nationalismus weist Menschen einen Platz via Geburt zu. Dies verschärft das Konfliktpotential beträchtlich. Er fördert ein 'wir gegen die anderen'. Er mythologisiert das Selbstverständnis", sagte Arbia. Nach Ansicht des Politologen bietet der Nationalismus "ein Mobilisierungspotential für die schlimmsten menschlichen Instinkte. Er unterbindet Dissens und überhöht Souveränität."