Das Ungewisse lauert überall – selbst in der Mathematik. 1999 entdeckte Wladimir Wojewodski in einer Vorlesung einen Fehler in einer seiner eigenen Arbeiten. Drei Jahre danach bekam er für dieselbe Arbeit trotzdem die Fields-Medaille, sozusagen den Nobelpreis der Mathematik. Aber es blieb ein schwerer persönlicher Schlag für ihn.

"Von 1993 an hatten mehrere Gruppen von Mathematikern meine Arbeit in Seminaren überprüft und selbst verwendet", stellte er später fest. Niemand habe den Fehler entdeckt. "Das war offensichtlich kein Zufall: Es handelte sich um ein technisches Argument von einem Autor, dem man vertraute, ein Argument, das schwierig zu überprüfen ist und das genau so aussieht wie die Argumente, die bekanntermaßen korrekt sind. So etwas wird kaum bis ins letzte Detail geprüft." Unhaltbar, wie er fand.

Tatsächlich sind Lücken und Fehler in der Mathematik keine Einzelfälle: Die Geschichte der Wissenschaft ist voll von Beweisen, die sich manchmal erst Jahre später als falsch herausstellen. Wojewodski machte das zum Extremisten. Er kämpfte für eine ganz neue mathematische Kultur.

Beweise gelten seit jeher als Erklärungen von mathematischen Zusammenhängen, als das Mittel zur Kommunikation von Mathematik, und in der Regel funktionieren sie. "Beweise sind das, was Littlewood und ich 'Treibstoff' nennen", schrieb zum Beispiel der Mathematiker Godfrey Hardy, der mit seinem Freund John Littlewood wichtige Arbeiten zur Zahlentheorie verfasst hat. Im Jahr 1929 wohlbemerkt. "Beweise sind rhetorische Blüten, die die Psyche anregen sollen, Bilder auf der Tafel in der Vorlesung, Maschinen, die die Vorstellungskraft der Schüler stimulieren sollen", schrieb Hardy weiter.  

Wojewodskis Vision: Computer müssten Beweise mitlesen können

Das stimmte vor hundert Jahren, als Beweise noch auf eine Tafel passten. Aber wie stimulierend kann ein Beweis sein, der fünfhundert Seiten dick ist und ein Menschenleben an Arbeit kostet, nur, um ihn zu verstehen? Bei Hardys Satz von der "Maschine" hätte Wojewodski vermutlich gezuckt, beim Stichwort "Psyche" rote Wangen bekommen. Denn der Mathematiker sprach zwar bedächtig, manchmal regelrecht zögerlich. Doch hinter seiner ruhigen Art verbarg sich eine gewaltige Energie. Er wollte sie nutzen, um die Mathematik zu verändern.

Wojewodskis Vision: Maschinen sollten den Kern einer neuen mathematischen Kultur bilden. Beweise müssten elektronisch signiert werden, auf zentralen Servern abrufbar, "denn es ist entscheidend, dass man weiß, worüber man spricht", wie er es ausdrückte. Die Signatur würde helfen, Missverständnisse auszuräumen. Vor allem aber müssten Beweise so klar aufgeschrieben werden, dass Computer mitlesen können. Das zwinge den Autor zu Langsamkeit, zur Arbeit in kleinen Schritten, zur Formulierung in Computersprache – aber es schaffe Klarheit. Denn der Computer ist unbestechlich, die menschliche Psyche nicht.

Mehr als einmal in seinem Leben hat Wojewodski am eigenen Leibe erfahren, wie unergründlich und unzuverlässig das Gehirn arbeitet. Vor allem in den Jahren 2006 und 2007 gab es längere Phasen, in denen ihn Halluzinationen und mystische Erfahrungen von der mathematischen Arbeit abhielten. Doch er schaffte es stets, zur  Wissenschaft zurückzukehren.