Im Tal des Tanana-Flusses in Alaska liegt eine der ältesten Grabstätten Amerikas: die Upward-Sun-River-Stätte. Vor 11.500 Jahren wurden dort zwei Mädchen beerdigt – zusammen mit einigen rundlichen Pfeilspitzen mit dekorierten Schäften, die vermutlich als Grabbeilagen dienten (PNAS, Potter et al., 2014). Wahrscheinlich waren die Kinder Halbschwestern – vielleicht auch Cousinen, eine von ihnen wurde nur ein paar Wochen alt, die andere starb kurz vor ihrer Geburt. Bereits 2013 wurden die beiden entdeckt. Aber erst jetzt belegt die genetische Analyse ihrer Überreste eine spannende Geschichte. Die Mädchen gehörten zu den Urahnen aller indigenen Völker auf dem amerikanischen Kontinent.

Schon seit einigen Jahren fachsimpeln Forscher über die Ursprungspopulation der ersten Siedler. Jetzt konnten sie sie erstmals auch anhand von DNA-Daten bestätigen. Die indigenen Völker Amerikas stammen demnach wahrscheinlich von einer einzigen Gruppe Menschen ab, die vor rund 30.000 Jahren über die Beringstraße aus Asien nach Alaska kam. Das zeigt sich in den alten Erbgutfragmenten, die eine Gruppe Wissenschaftler nun aus den erhaltenen Knochenresten der Mädchen herauslesen konnten. Ihre Analyse haben sie jetzt im Fachmagazin Nature veröffentlicht (Willerslev et al. 2018).

Von einem der beiden Mädchen gab es noch genügend Genmaterial, um es mit dem Erbgut aus anderen Funden und auch von heute lebenden Menschen aus mehreren ethnischen Gruppen zu vergleichen. Für das Team aus Genetikern, Anthropologen und Archäologen waren die Ergebnisse eindeutig: Die Kinder aus Upward Sun River haben asiatische Vorfahren und ihre Gene bilden die Basis für das Erbgut aller indigenen Völker des amerikanischen Kontinents. "Ancient Beringian" – Ur-Beringianer, so nennen sie die beiden Kinder in ihrer Studie.

Upward-Sun-River-Stätte

Diese Ausgrabungsstätte zählt zum Fundort der ältesten menschlichen Überreste in Amerika.

Die Theorie der alleinigen Vorfahren ist noch relativ neu. Bis vor einigen Jahren diskutierten Archäologen noch darüber, ob die Ureinwohner Amerikas nicht auch von europäischen Einwanderern abstammen könnten. Hinweise dafür lieferten Werkzeuge aus Cactus Hill, einer Fundstätte an der Ostküste Nordamerikas. Sie und ihre menschlichen Anwender waren Teil der Clovis-Kultur (siehe Infografik unten). Die Verarbeitung ihrer Faustkeile und Speerspitzen war europäischer Werkzeugkunst so ähnlich, dass die Vermutung nahe lag, westeuropäische Seefahrer hätten sie mit in die neue Welt gebracht. Das konnten Forscher später mit großer Wahrscheinlichkeit widerlegen, als sie das Erbgut eines kleinen Clovis-Jungen untersuchten, der vor rund 12.600 Jahren im heutigen US-Bundesstaat Montana lebte. Sein Erbgut zeigte, dass der Junge asiatische Vorfahren hatte – nicht europäische (Nature, Rasmussen et al. 2014).

Fest steht: Einwanderer aus Asien waren die ersten

Überhaupt war die Geschichte der Besiedelung Nordamerikas in der Vergangenheit häufig Anlass für Streitereien. Lange nahmen Forscher an, dass die Clovis-Stämme die ersten waren, die den Kontinent besiedelten – vor höchstens 13.000 Jahren. Der Grund: Früher hätten die Einwanderer gar nicht über die Beringstraße kommen können, da sie noch überflutet war. Damals war ein Großteil des nordamerikanischen Kontinents von einer dicken Eisschicht bedeckt, wodurch auch der Meeresspiegel an der Beringstraße niedriger lag. Die Wanderer aus Asien konnten so trockenen Fußes nach Alaska gelangen. Hinweise, die für eine frühere Besiedlung sprachen, wurden wenig beachtet.

So könnte die Besiedlung Amerikas ausgesehen haben:

Quelle: University of Colorado, Idaho Museum of Natural History, PlosOne © ZEIT-Grafik: Anne Gerdes

Das führte dazu, dass ältere Funde über Jahrzehnte in Museen oder archäologischen Instituten verstaubten, ehe sie endlich eingehend analysiert wurden. So beispielsweise 36.000 Tierknochenstücke, die der Archäologe Jacques Cinq-Mars im Jahr 1977 in den Bluefish Caves in Nordkanada fand. Sie sind 30.000 Jahre alt und zeigen Spuren menschlicher Bearbeitung. Erst 30 Jahre später wurden sie analysiert.

Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass die ersten Menschen somit vor 30.000 Jahren in einer einzigen Einwanderungswelle nach Amerika kamen. Wie genau sie die Beringstraße passierten, ist nicht eingehend geklärt. Einige Tausend Jahre lebten sie dann im heutigen Alaska und Kanada – isoliert von einer riesigen Eisschicht, die Nordamerika bedeckte. Vor rund 15.000 Jahren, als das Eis zu schmelzen begann, breiteten sie sich schließlich nach Süden aus. Durch die nun veröffentlichten Ergebnisse haben die Wissenschaftler jetzt einen weiteren wichtigen Beleg für diese Theorie. Einige Ur-Beringianer – darunter die beiden Mädchen der Upward-Sun-River-Stätte – lebten noch lange in der Nähe der Beringstraße, dem Ursprung der Besiedlung Amerikas.