Mindestens 50.000 Jahre früher als Wissenschaftler bisher annahmen haben es Vertreter von Homo sapiens offenbar aus Afrika heraus geschafft. Das schließen Wissenschaftler aus Israel und den USA aus einem fossilen menschlichen Oberkiefer mit acht Zähnen, den sie in der Misliya-Höhle im Karmelgebirge, etwa zwölf Kilometer südlich der Hafenstadt Haifa ausgegraben haben. Verschiedene Datierungsmethoden schätzten das Alter des Fossils auf etwa 180.000 Jahre. Die Ergebnisse stellen die Anthropologen um Israel Hershkovitz von der Uni in Tel Aviv nun im Magazin Science vor (Hershkovitz et al., 2018).

Die Misliya-Höhle liegt nur knapp zehn Kilometer von der Skhul-Höhle entfernt, in der in den 1930er-Jahren die bisher ältesten bekannten Überreste eines modernen Menschen außerhalb Afrikas entdeckt worden waren. Nach bis vor Kurzem gültiger Lehrmeinung entstand die Art Homo sapiens vor etwa 300.000 Jahren in Afrika und wanderte vor rund 100.000 Jahren von dort auch auf andere Kontinente.

Erst vergangenes Jahr hatten Forscher des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte jedoch anhand einer Genanalyse zeigen können, dass der moderne Mensch womöglich deutlich früher Afrika verlassen hat, nämlich bereits vor etwa 200.000 Jahren (Nature Communications: Posth et al., 2017). Eine Hypothese, die der heute veröffentlichte Fund stützt.

Homo sapiens selbst ist älter als gedacht

In zwei weiteren Artikeln in der Zeitschrift Nature (Hublin et al., 2017 und Richter, McPherron et al., 2017) beschrieben Forscher im Sommer letzten Jahres zwei neue Fossilien, die nahelegen, dass Homo sapiens zudem viel früher entstanden ist als bis dato angenommen. Die Geburtsstunde der Menschheit müsste um glatte 100.000 Jahre zurückdatiert werden. "Das wird die Lehrbücher ändern", sagte der Leipziger Forscher Hublin damals.

Das Alter des aktuellen Kieferstückes aus der Misliya-Höhle bestimmten die Forscher mit verschiedenen Datierungsmethoden und in unterschiedlichen Labors. Der Oberkiefer mit seinen acht Zähnen hat demnach ein Alter von 177.000 bis 194.000 Jahren. Dabei wies er sowohl Merkmale von modernen Menschen als auch von anderen Menschenarten, etwa dem Neandertaler, auf. "Eine der Herausforderungen in dieser Studie bestand darin, Merkmale in Misliya-1 zu identifizieren, die nur in modernen Menschen zu finden sind", sagte Co-Autor Rolf Quam von der Binghamton University (USA). Die Forscher fanden die eindeutig modernen Kennzeichen bei den Schneidezähnen und dem Eckzahn. 

"Die Kombination der Merkmale ist charakteristisch für Homo sapiens", bestätigen auch Chris Stringer und Julia Galway-Witham vom Natural History Museum in London in einem gleichzeitig erschienenen Kommentar (Science, 2018). Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig glaubt schon länger, dass Vertreter von Homo sapiensAfrika früher verlassen haben als lange angenommen. "Ich bin sehr froh über diese Studie", sagte er. Für Madelaine Böhme von der Uni Tübingen zeigt die Studie außerdem, wie wichtig der Mittelmeerraum für die Evolution des modernen Menschen war. Sie sei "hellauf begeistert" von den Ergebnissen.

Neben dem Oberkiefer fanden die Anthropologen auch Werkzeuge in der Höhle. Mit denen wurden offenbar Steine mit der Levalloistechnik bearbeitet, die man vor allem von Neandertalern kennt – eine typische Abschlagtechnik bei der Bearbeitung von Feuersteinen. Ob das Entstehen der Technik mit der Einwanderung des modernen Menschen verbunden ist, ist noch nicht vollends klar.