© Michael Pfister / Montage: Christoph Rauscher

Paul von Lettow-Vorbeck war General der deutschen Kolonialkriege. Im heutigen Namibia beteiligte er sich an der Vernichtung der Herero. Im heutigen Tansania führte er seine euphemistisch Schutztruppe genannte Einheit jahrelang gegen die Alliierten des Ersten Weltkriegs ins Feld, ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Nach dem Krieg wurde er dafür als Held gefeiert, nahm am rechtsextremen Kapp-Putsch gegen die demokratische Weimarer Regierung teil und wurde später von den Nationalsozialisten umworben. Sein Name ist keiner, der heute noch öffentlich geehrt werden sollte. Trotzdem sind mehrere Straßen in Deutschland nach ihm benannt.

Straßennamen sind eine Art Denkmal. Sie sollen an Menschen erinnern, die Besonderes geleistet haben. Doch worin diese Leistung besteht, hängt davon ab, wer gerade das Geschichtsbild bestimmt. So standen in den dreißiger und vierziger Jahren Namen wie Hitler oder Göring auf deutschen Straßenschildern. Heute heißen Straßen und Plätze nicht mehr nach Nationalsozialisten, die Namen von NS-Größen wurden in den Nachkriegsjahren getilgt. Auch die einstige Verehrung Josef Stalins wurde längst aus dem öffentlichen Bild verbannt.

Konvention gegen Rassismus unterzeichnet

Erhalten geblieben sind jedoch bis heute Namen mit unrühmlichem kolonialen Bezug. ZEIT ONLINE hat alle Straßennamen in Deutschland erhoben. Es sind rund 450.000 unterschiedliche Begriffe. Darunter sind noch immer viele, die in Zusammenhang mit den Verbrechen der deutschen Kolonialzeit stehen. Dabei hat sich die Bundesrepublik dazu verpflichtet, die Opfer des Kolonialismus und des Rassismus zu ehren, und nicht die Täter. 2001 hat die Bundesregierung das Aktionsprogramm der UN-Konferenz gegen Rassismus unterzeichnet. Darin enthalten sind viele Forderungen mit dem Ziel, Rassismus zu bekämpfen, Opfer zu schützen und Täter zu verurteilen.

Deutschland war zwischen 1884 und 1918 eine der großen Kolonialmächte. Durch Zwangsarbeit, Verschleppung und Kriege starben in deutschen Kolonien Hunderttausende Menschen. Dennoch wurden in den Zwanziger- und Dreißigerjahren viele Straßen nach Kolonien in Afrika und Asien, nach Generälen und Schlachten benannt. Selbst nach 1945 gelangten noch Namen von Kolonialisten und Sklavenhändlern auf Straßenschilder. So benannte Berlin 1975 eine Straße nach Adolph Woermann. Der Reeder gilt als einer der Begründer der deutschen Kolonien in Afrika. Und er war der wohl größte Profiteur des Völkermordes an den Herero, da er mit seinen Schiffen die deutschen Soldaten und Waffen transportierte, die gegen sie eingesetzt wurden.

Inzwischen bemühen sich vielerorts Bürger darum, belastete Namen aus dem Straßenbild zu entfernen. Doch die Umsetzung ist mühsam. So wie in Bünde.

Bünde ist eine kleine Stadt zwischen Minden und Bielefeld. In ihrem Zentrum gibt es die Lettow-Vorbeck-Straße. Das Finanzamt hat dort seinen Sitz und ein Schnäppchenmarkt, die Stadtverwaltung ist nicht weit. Einige Bürger möchten die Straße umbenennen, weil sie finden, der besagte völkermordende Feldherr sollte nicht länger geehrt werden.

Versuch der Umbenennung gescheitert

Grüne und SPD haben daher im Verkehrsausschuss der Stadt einen entsprechenden Antrag eingebracht. Ende November 2017 wurde er jedoch mit sieben zu sieben Stimmen abgelehnt. Union und Unabhängige Wählergemeinschaft waren dagegen. Das Westfalenblatt zitierte den CDU-Abgeordneten Martin Schuster, man müsse auch solche Personen und Ereignisse im Bewusstsein behalten, "an die wir uns vielleicht nicht so gerne erinnern".

Ein erstaunlicher Satz. Warum müssen, um Verbrechen nicht zu vergessen, die Verbrecher öffentlich geehrt werden? Ähnliche Argumente werden in den Debatten über koloniale Täter und Begriffe immer wieder vorgebracht. Teile der deutschen Geschichte würden verschwiegen, wenn man die Namen streicht, lautet der Vorwurf derjenigen, die die Straßennamen behalten wollen. Auch mit Pragmatismus wird argumentiert. Schuster sagte beispielsweise, eine Umbenennung sei aufwändig, sie habe "immer auch erhebliche Folgen für Anlieger".

Straßennamen - Rassismus auf Straßenschildern Seit Jahren fordern Interessengruppen die Umbenennung der Berliner Mohrenstraße. Ein Experte von der Geschichtswerkstatt schlägt eine andere Lösung vor. Eine Videoreportage © Foto: Thabo Thindi

Ähnlich erfolglos ist bislang ein Versuch in Berlin. Dort gibt es eine Mohrenstraße. Eine Initiative von Bürgern würde sie gern in Anton-Wilhelm-Amo-Straße umbenennen. Die Bezeichnung Mohr war im Mittelalter normal und es finden sich noch viele solcher Straßen und Gassen in Deutschland. Dabei wird der Begriff heute einhellig als diskriminierend und rassistisch verstanden. Anton Amo war der erste Mensch vom afrikanischen Kontinent, der in Deutschland studiert hatte und hier eine Professur bekam. In seiner Disputation 1729 kämpfte er für die Rechte der Schwarzen in Europa. Bislang aber ist es der Initiative nicht gelungen, die Umbenennung durchzusetzen.

Erinnerung an Völkermörder

Ebenfalls in Berlin – und an vielen anderen Orten – gibt es eine Lüderitzstraße. Sie liegt im afrikanischen Viertel, so genannt, weil dort viele Straßen Namen der Kolonialzeit tragen. 1884 betrog Adolf Lüderitz einheimische Vorbesitzer um ein riesiges Gebiet im Südwesten Afrikas, heute Namibia, und legte damit den Grundstein für die Kolonie Deutsch-Südwest. Auch später zeigte er wenig Skrupel: Mit der Einführung von Konzentrationslagern und mit Völkermorden an mehreren Ethnien war er ein wichtiger Akteur des deutschen Kolonialismus.

Gleich 17 Mal findet sich schließlich die Bezeichnung "Graf Spee" an Straßen und Plätzen im ganzen Land. Maximilian von Spee war Offizier der kaiserlichen Marine und diente in der Kolonie Kamerun. Die Nationalsozialisten benannten das Panzerschiff Admiral Graf Spee nach ihm.

Straßen im Afrikanischen Viertel in Berlin

Straßenschilder zeigen nicht nur Personen, sondern auch viele Orte, die mit kolonialer Unterwerfung verknüpft sind. Windhuk – das heute Windhoek heißt, Sansibar im heutigen Tansania, oder einst von Deutschen besetzte Gebiete wie Samoa oder Usambara stehen für 40 Jahre deutsche Kolonialgeschichte und damit für Annexion, Ausbeutung und Fremdherrschaft.

Es gibt aber auch Beispiele dafür, dass koloniale Denkmale erfolgreich umbenannt wurden. In München ehrte eine Straße den Vorgesetzten Lettow-Vorbecks, den General Lothar von Trotha. Er hatte den Befehl erteilt, auf alle Herero zu schießen, egal ob bewaffnet oder nicht, ob Mann, Frau oder Kind. Die Von-Trotha-Straße wurde 2006 umbenannt – in Hererostraße.