Kapstadt - Hoffen auf Regen Wegen der Dürre wird Wasser in Kapstadt nur noch kontrolliert ausgegeben. Ende April droht »Day Zero«, der Tag, an dem kein Wasser mehr fließt. © Foto: Rodger Bosch / Getty Images

Day Zero. Das ist der Tag, an dem die Wasserhähne abgedreht werden. Die Meldungen dazu, wann dieser Tag in Kapstadt kommen wird, ändern sich täglich. Aber er wird kommen. Irgendwann im April. Von da an wird jeder Kapstädter für seine rationierten 25 Liter Wasser pro Tag an Notausgaben anstehen müssen. Die Kanister sind jetzt schon ausverkauft.

Die Metropole in Südafrika, in der 3,7 Millionen Menschen leben, leidet an der schwersten Dürre ihrer Geschichte. Seit drei Jahren hat es nicht mehr richtig geregnet, in einigen Stauseen verdunsten die letzten Rinnsale an Süßwasser – wer einen eigenen Brunnen im Garten hat, muss das – so das Gesetz – den Behörden melden. 

Immer wieder appelliert die Stadtverwaltung an alle, noch mehr Wasser einzusparen. Autos mit Leitungswasser zu waschen, Swimmingpools aufzufüllen oder den Rasen zu sprengen – längst steht eine derartige Verschwendung unter Strafe. Ab morgen, dem 1. Februar, gilt nun die nächststrengere Wassersparstufe: Nur noch 50 Liter am Tag darf jeder höchstens noch verbrauchen – für alles: Kochen, Duschen, Waschen (Wie wenig das ist, verdeutlichen die Grafiken). Zuvor waren es noch 87 Liter. In Haushalten, die das Limit überschritten haben, installiert die Stadt Drosselventile.

Mindestens 200 Liter Wasser nutzen die Bewohner von Kapstadt normalerweise pro Haushalt am Tag.


Das Fingerzeigen hat begonnen. "Die Reichen" mit ihren Pools, "die ignoranten Township-Bewohner", "die Stadtverwaltung", "die Regierung", "die Migranten", "die sorglosen Touristen" – es gibt zurzeit wohl keine Gruppe in Kapstadt, der noch nicht pauschal die größte Mitschuld an der Wasserkrise zugeschoben wurde.

Seitdem selbst Bürgermeisterin Patricia de Lille verkündet hat, dass Day Zero unausweichlich ist, hat sich Nervosität über die sonst für ihre Entspanntheit gepriesene Stadt gelegt. Die Frage nach Wasserkanistern quittieren Mitarbeiter in Kapstadts Baumärkten mit einem amüsierten Kopfschütteln, Hamsterkäufe haben begonnen, die Regale vieler Supermärkte, in denen sich sonst die Wasserflaschen türmen, sind leer. Über den Rundfunk und soziale Medien verbreiten sich Horror-Szenarien – dort wird Day Zero längst in Dauerschleife durchdekliniert: drohende Epidemien, Krawalle, Verkehrschaos an Wasserverteilungsstellen, alles scheint möglich. 

Laut WHO benötigt jeder Mensch am Tag 50 Liter Wasser, um genug zur Verpflegung und zur Körperhygiene zu haben.


Bis vor wenigen Tagen noch trugen die Verantwortlichen wenig dazu bei, die Stimmung in dieser Situation zu beruhigen. Im Gegenteil: Mangelnde Kommunikation von Seiten der Stadt sowie Schuldzuweisungen zwischen Verwaltung und Regierung in Pretoria haben viele Bürger zusätzlich verunsichert.

Kann eine Jahrhundertdürre vorhersehbar sein?

Doch wie konnte es so weit kommen? "Wir haben es mit einer extremen Dürre zu tun", sagt Piotr Wolski. Der Hydrologe und Mitarbeiter der Climate Systems Analysis Group an der Uni Kapstadt hat die Niederschläge über dem Wasserversorgungssystem im Westkap analysiert, sein Ergebnis: In den vergangenen drei Jahren waren die Niederschläge hier extrem gering. Wolski betont, dass so ein Ereignis nicht berechenbar sei. "Mit so einer Dürre ist etwa alle 300 Jahre zu rechnen, das konnte niemand vorhersehen!"

Rund 120 Liter Wasser nutzen die Deutschen normalerweise pro Kopf jeden Tag.


Die Dürre in der Kapregion ist global gesehen kein singuläres Phänomen. Ganz Kalifornien oder Städte wie Rom und São Paulo hatten in den letzten Jahren mit schweren Dürren zu kämpfen, "in Afrika erlitt Botswanas Hauptstadt Gaborone vor zwei Jahren eine Wasserkrise", sagt Wolski. Der globale Klimawandel löse zwar nicht direkt Dürren aus, könne aber ein verstärkender Faktor sein. "Wie genau die Zusammenhänge in Südafrika sind, daran forschen wir gerade."

Etwas mehr als 30 Liter Wasser verwenden Deutsche durchschnittlich jeden Tag für ihre Toilettenspülung.


Jetzt jedenfalls ist der Ernst der Lage an den Wasserständen der sechs großen Staudämme abzulesen, die die Metropole versorgen sollen: Seit Jahren schon machen bedrückende Luftaufnahmen, aufgenommen von Drohnen, die Runde. Sie zeigen meist den riesigen Theewaterskloof-Dam – nahezu komplett ausgetrocknet. Der Gesamtwasserstand der Stauseen liegt dieser Tage bei unter einem Drittel – 2015 waren sie noch zu 78 Prozent gefüllt. Die letzten zehn Prozent des Stauwassers werden aufgrund von Sedimentablagerungen nicht nutzbar sein. Fallen die Wasserstände unter 13,5 Prozent, muss die Regierung Day Zero ausrufen und die reguläre Wasserversorgung für alle Haushalte stoppen.

Niemand kann sagen, dass er von nichts gewusst habe.
Taryn Pereira, Umweltforscherin einer NGO in Südafrika

Auch wenn die aktuelle Dürre ein nicht vorhersagbares Naturereignis ist: Dass Kapstadts Wasserreserven knapp würden, war den Verantwortlichen durchaus bewusst. Südafrika zählt mit durchschnittlich 450 Millimeter Regen pro Jahr zu den trockensten Ländern der Erde, Niederschläge in der Region um Kapstadt sind in den vergangenen 80 bis 90 Jahren kontinuierlich zurückgegangen. Wissenschaftler hatten schon im Jahr 2002 auf die drohende Wasserknappheit hingewiesen. "Niemand kann sagen, dass er von nichts gewusst habe. Die Stadt und die Regierung hatten genug Zeit, um sich vorzubereiten", sagt zum Beispiel Taryn Pereira, Mitarbeiterin der Umweltorganisation Environmental Monitoring Group. Pereira trifft sich regelmäßig mit Mitgliedern der Stadtverwaltung, um über Wasserfragen zu beraten. Ihre Erkenntnis: "Politiker sind Gefangene des Systems, es ist schwierig, sie für neue Ideen zu begeistern, wenn es nicht dringlich scheint."

Bis zu 4 Tage in der Woche mussten die Menschen in Caracas über Monate ohne Wasser auskommen.


Kevin Winter, Forscher am Future Water Institute der Uni Kapstadt, hat ähnliche Erfahrungen gemacht: "Der politische Wille ist das Problem. Wie entscheidet eine Stadt, in die Wasserinfrastruktur zu investieren, wenn auch Krankenhäuser gebaut werden müssen?"