1974 in London auf einer wissenschaftlichen Konferenz: Der amerikanische Astronom Carl Sagan spaziert während einer Vortragspause umher und gerät zufällig in einen Raum, in dem er Zeuge einer historischen Szene wird. "Mir wurde klar, dass ich gerade einer altertümlichen Zeremonie beiwohnte: Die Einsetzung neuer Mitglieder der Royal Society, einer der ältesten Gelehrtengesellschaften des Planeten. In der ersten Reihe saß ein junger Mann im Rollstuhl, der sehr langsam seinen Namen in ein Buch schrieb, das auf einer seiner vordersten Seiten die Unterschrift Isaac Newtons trug."

Zur Legende, zur Geschichte des Genies Stephen Hawking gehört, dass diese Schilderung Sagans im Jahr 1988 veröffentlicht wurde, als nämlich Sagan das Vorwort zur Originalausgabe von Hawkings Bestseller Eine kurze Geschichte der Zeit schrieb. Sagan lobte den Astrophysiker da als würdigen Nachfolger Isaac Newtons und des Nobelpreisträgers Paul Dirac. Beide hatten einst denselben Lehrstuhl in Cambridge bekleidet, den Hawking ab 1979 innehatte: den Lucasischen Lehrstuhl für Mathematik. 

Der Kosmos, geradezu offensiv zugänglich

Astrophysiker und "Unser-Kosmos"-Autor Carl Sagan Anfang der Achtzigerjahre © Mickey Adair/ Michael Ochs Archives

Aber nicht, dass ein Wissenschaftler dem anderen per Gedankenzeitreise Respekt zollt, macht diese Episode so interessant im Angesicht der Nachricht von Stephen Hawkings Tod. Vielmehr verbindet diese Anekdote zwei absolut außergewöhnliche Wissenschaftspopularisierer miteinander. Es lässt sich durchaus darüber streiten, ob die weltweite Aufmerksamkeit für Hawkings Tod alleine mit seiner Ausnahmestellung als Forscher erklärt werden kann oder auch mit seinem Wirken als Erklärer und Neugierwecker für Laien. (Dass sie auf jeden Fall, drittens, nicht ohne seine außergewöhnliche, schicksalhaft-mutmachende Lebensgeschichte erklärt werden kann, steht außer Frage.)

Für Hawkings Rolle als Popularisierer jedenfalls ist seine Kurze Geschichte das zentrale Werk. Ein Bestseller, der den eigentlich wahnsinnigen Versuch unternahm, die gesamte Kosmologie zu erklären. Vom konkreten "Raum und Zeit" (Kapitel zwei) bis zu theoretischen "Wurmlöchern und Zeitreisen" (Kapitel zehn), inklusive eines Schlusskapitels über "die Vereinheitlichung der Physik". Harter Stoff also, aber er war voraussetzungsfrei lesbar. Ein Kosmologiebuch für Nichtkosmologen.

Damit war die Kurze Geschichte ein geistiger Nachkomme von Carl Sagans Unser Kosmos. Nach der gleichnamigen, von ihm moderierten Fernsehserie hatte Sagan 1980 diesen Urahn eines neuen Typus von Wissenschaftsbüchern veröffentlicht. Es schlug einen gewaltigen Bogen von der Geschichte der Menschheit bis zur Stellung der Erde im Weltall. Dieses Buch wollte auf geradezu offensive Weise zugänglich sein, am großen Bild orientiert statt am Fachgebiet – und auf Staunen ausgerichtet. Unser Kosmos wurde ein vielfach übersetzter Bestseller, mit dem Carl Sagan ein Genre prägte. Derselbe Amerikaner, der 1974 in London so zufällig Zeitzeuge der Aufnahme Stephen Hawkings in die Royal Society geworden war. Mit Sagans Vorwort für Hawkings eigenen Weltbestseller 14 Jahren später schließt sich ein Kreis.