Die Handschrift ist eine der größten kulturellen Errungenschaften der Menschheit: Dank ihr konnten Menschen ihr Wissen konservieren. Schrift ermöglichte es, komplexe Gedanken und Ideen unabhängig von Zeit und Raum an andere Menschen weiterzugeben. Und dank der Handschrift wissen wir bis heute, was Platon und Sokrates lehrten (Unter anderem, dass das Schreiben eine Bedrohung für das Gedächtnis der Menschen sei). Aber während derartige Gedanken früher auf Steintafeln, Papyrus und später auf Papier notiert wurden, löst sich die Schrift heute immer mehr von ihrer physischen Grundlage. Heute schreiben und speichern wir vieles nur noch auf unseren Smartphones und Computern und laden es in die Cloud hoch. Immer seltener greifen wir zum Stift, immer häufiger tippen wir auf Displays und Tastaturen herum. Oft findet sich die Handschrift nur noch in Notizen oder auf Grußkarten.

Bildungsforscher sehen sie deshalb in höchster Gefahr. Und sie scheinen recht zu haben: Eine Umfrage unter 1.900 Lehrerinnen und Lehrern ergab, dass 30 Prozent aller Mädchen und 50 Prozent aller Jungen Probleme damit haben, flüssig Schreiben zu lernen. In der weiterführenden Schule seien gar 40 Prozent der Schüler nicht in der Lage, eine halbe Stunde ohne Probleme durchzuschreiben. (Neuroscience and Education: Marquardt et al., 2016).

Die Lehrer wurden auch gefragt, was sie glauben, woran das liegt: Immerhin 53 Prozent sahen die "fortschreitende Digitalisierung der Kommunikation" als Grund. Aber sorgen Tablets in der Schule und WhatsApp-Nachrichten am Nachmittag wirklich dafür, dass Kinder nicht mehr richtig schreiben lernen? Dafür, dass eine uralte Kulturtechnik wie die Handschrift verloren geht? Und was bedeutet das für die Entwicklung der Kinder?

Keine Beweise dafür, dass die Digitalisierung Schuld ist

Wissenschaftliche Beweise dafür, dass die Digitalisierung die Ursache der Schreibprobleme ist, gibt es nicht. Die meisten Erkenntnisse beruhen auf Beobachtungen von Lehrern und Eltern. Eigentlich ist noch nicht einmal klar, ob es Schülern wirklich schwerer fällt als früher, Schreiben zu lernen, oder ob es ihnen schon immer schwergefallen ist. "Uns fehlen Vergleichswerte", gibt auch der Psychologe und Bewegungswissenschaftler Christian Marquardt zu, der sich seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftigt und die Lehrerumfrage für das Schreibmotorik-Institut durchgeführt hat, einer Forschungseinrichtung, die sich vor allem für den Erhalt der Handschrift einsetzt.

Auch der Neurologe Christian Kell ist skeptisch: "Wenn die Befragten schon vorher eine gefestigte Meinung haben, kann das die Ergebnisse verzerren." Trotzdem glaubt Kell, der an der Uni Frankfurt zum Thema Sprachverarbeitung forscht, an den Wert der Handschrift. "Schreiben ist eine Meisterleistung des Gehirns", sagt er. Schon das Lesen sei eine hochkomplexe Fertigkeit. Wir lernen, einzelne Buchstaben mit Lauten in Verbindung zu bringen und schließlich, diese zu Worten zu verbinden. Mit der Zeit verliert der einzelne Buchstabe an Bedeutung, wir scannen ganze Wörter auf einen Blick und interpretieren sie im Kontext des Satzes: Acuh wnen Bchustben vetruasht snid köenenn wri desien Staz zmu Bspieel preobmllos lseen. Das liegt unter anderem an einem Areal im visuellen System unseres Hirns. Es kann ganze Worte spezifisch erkennen und steht im regen Austausch mit dem Sprachsystem.

Und beim Schreiben mit der Hand passiert noch mehr als beim Lesen: Wir wandeln einen Laut oder ein Wort in eine feine, sehr präzise Handbewegung um. Hier kommt das motorische System des Hirns ins Spiel, das unsere Bewegungen steuert. Wer schreibt, aktiviert also verschiedenste Areale seines Gehirns.

Schreiben ist ein evolutionäres Nebenprodukt

Dabei sei die Veranlagungen zum Schreiben zwar angeboren, erklärt Christian Kell, anders als das Sprechen sei das Schreiben aber wenig intuitiv. Deshalb müssten wir es auch so mühsam erlernen. Etwas, das sich evolutionär erklären lasse: Das Sprechen hat sich als einzelne Fähigkeit entwickelt, wir Menschen sprechen seit mindestens 50.000 bis 100.000 Jahren, vielleicht sogar seit einer halben Million Jahren (Frontiers in Psychology: Dediu & Levinson, 2013). Das Schreiben hingegen ist evolutionär eher ein Nebenprodukt besserer motorischer Fähigkeiten, wie sie beispielsweise auch beim Herstellen von Werkzeugen gebraucht wurden. "Die Fähigkeit zu schreiben ist deshalb noch nicht derart stark in unser Erbgut eingebaut wie das Sprechen", sagt Kell.

Schriftzeichen kennen wir erst seit 5.000 bis 6.000 Jahren: Damals entwickelten die Sumerer im heutigen Irak die sumerische Keilschrift. Eine Bilderschrift mit knapp 2.000 Zeichen, die dazu diente, den Handel zu verwalten. Die Sumerer ritzten sie mit Holzstäbchen in Lehmplatten. Über die Jahrhunderte entwickelte sich aus dieser Schrift unser heutiges Alphabet.

Während sich das Sprechen von Anfang an alle Menschen aneigneten, war das Schreiben lange Zeit nur einer Minderheit vorbehalten. Nur Händler, Adlige und Geistliche lernten es. Auch in Deutschland ist es erst knapp 100 Jahre her, dass wirklich jeder das Schreiben lernt: 1919 wurde die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Noch heute können 7,5 Millionen Menschen in Deutschland nicht oder nur unzureichend lesen und schreiben. Weltweit sind es knapp 750 Millionen. Kell glaubt deshalb: "Es würde den Menschen sicher nicht von Grund auf verändern, wenn er nicht mehr mit der Hand schreiben würde."

Mit der Hand zu schreiben trainiert das Gehirn

Trotzdem könnte es Folgen haben, wenn wir die Fähigkeit, einen Laut in eine Handbewegung umzuwandeln, im Alltag nicht mehr nutzen. Wir werden schlechter darin, sagt Christian Marquardt. Die Handschrift sei außerdem eines der besten Mittel, um die Motorik, also das gezielte Ausführen von Bewegungen, zu schulen. Christian Kell erklärt: "Grundlegende feinmotorische Fähigkeiten wie das Zeigen oder Greifen entwickelt jeder." Anders sei es bei den sogenannten "skills", also dem Zeichnen oder dem Spielen eines Instruments. Diese Weiterentwicklung der motorischen Fähigkeiten müsse man lernen. Und das fordere und schule das Nervensystem. "Wenn Menschen sich motorisch nicht fordern, ist das weder gut für die Hirnentwicklung noch für die Aufrechterhaltung von Hirnleistung im Alter", sagt Kell. Christian Marquardt hält es deswegen auch für "wichtig, dass jeder Mensch sich in seinem Leben mindestens eine feinmotorische Fähigkeit aneignet." Wenn es nach ihm geht, wäre es das Schreiben.

Außerdem gibt es Studien, die zeigen, dass das Schreiben per Hand Kindern das Lernen erleichtern könnte. Das fängt beim Lesenlernen an: Kinder, die einen Buchstaben per Hand nachmalen, können ihn besser im Gedächtnis behalten als Kinder, die ihn auf einer Tastatur eintippen, zeigte eine Studie an 23 Kindergartenkindern (Advances in Cognitive Psychology: Kiefer et al., 2015).

Ähnlich verhält es sich beim Fakten-Lernen: In den USA ließen eine Psychologin und ein Psychologe eine Gruppe von 67 Studenten der Princeton University an einer Vorlesung teilnehmen. Die Studentinnen und Studenten durften entweder Notizen mit dem Laptop oder per Hand machen, anschließend wurden die Teilnehmenden getestet. Das Ergebnis: Die, die per Hand geschrieben hatten, schnitten signifikant besser ab. Die Forscher führten das darauf zurück, dass sie das Gehörte bereits stärker verarbeitet und gedeutet hatten als ihre tippenden Kommilitonen (Psychological Science: Müller & Oppenheimer, 2014). "Wenn wir per Hand mitschreiben, hören wir bewusster zu", sagt auch Marquardt. Die Verbindung von Inhalt und Bewegung hinterlässt eine Art Erinnerungsspur. Trotzdem müsse man aufpassen, nicht zu sehr zu verallgemeinern, sagt Kell: Manche Menschen lernten besser durch Hören, Aufsagen oder Lesen. "Lernen ist etwas sehr Individuelles", sagt Kell.

Die Handschrift wird nur überleben, wenn sich in den Schulen etwas ändert

Wie aber wollen Forscher wie Christian Marquardt, die die Handschrift wegen all dieser positiven Effekte erhalten möchten, das anstellen? "Im Unterricht muss sich etwas ändern", sagt er. "Es wäre viel effektiver, den Kindern direkt zu ermöglichen, ihre eigene Handschrift auszubilden." In der Schweiz wird das momentan ausprobiert – und es funktioniere gut, sagt Marquardt. Die Kinder lernen eine Grundschrift, die der Druckschrift ähnelt, und dürfen selbst entscheiden, welche Buchstaben sie verbinden und welche nicht. Unterstützt werden sie dabei von den Lehrern. Auch in einigen anderen Ländern setzt sich diese Herangehensweise durch. In Finnland lernen Kinder seit 2016 diese Grundschrift, während gleichzeitig das Tippen auf der Tastatur unterrichtet wird. In Hamburg steht es Lehrern seit 2011 frei, ob sie Schreibschrift oder Grundschrift unterrichten.

"Früher wurde die ordentliche Handschrift als Erziehungsmittel eingesetzt, das ist heute nicht mehr ihr Zweck", sagt Marquardt. Das müsse auch in den Schulen ankommen, Lehrer müssten kindgerechtere Wege finden, ihren Schülern das Schreiben beizubringen. Dazu zähle auch, die Digitalisierung nicht zu verteufeln, sondern beide Bereiche zu verbinden. Etwa durch Stifte, die das Geschriebene direkt digitalisieren oder durch Tablets. Marquardt arbeitet auch an Computerprogrammen, die mithilfe von Tablets die Schreibfähigkeiten von Schülern analysieren. Die Software erfasst den individuellen Bewegungsablauf des Schreibenden und schlägt gezielt Übungen für die jeweiligen Probleme des Kindes vor.

Wer die Handschrift rettet, helfe Kindern also nicht nur, sich Wissen besser einzuprägen und sich motorisch gut zu entwickeln, glaubt Christian Kell, er rettet auch den persönlichen Ausdruck, der in der Schrift stecken kann. Denn in den kurzen Strichen, weiten Bögen und engen Windungen einer Handschrift erkennt man den Schreibenden wieder.