Es ist offensichtlich angenehm kuschelig in der etwa eimergroßen Höhle aus Plastik, in der ein Dutzend Nacktmulle auf-, über-, unter- und nebeneinander schläft. Ebenso augenfällig ist, dass die Hüter der insgesamt neun Nacktmullkolonien am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin Buch (MDC) wohl Fans der Fernsehserie Game of Thrones sind. Denn auf einer der Nacktmulltiefburgen prangt das Wappen des House of Stark, die benachbarte Schlafstatt hingegen gehört der Barathon-Dynastie. 

In der Tat leben Nacktmulle auch in freier Natur in streng hierarchischen sozialen Gruppen mit einer Königin als Oberhaupt und Arbeitern, Soldaten und anderen Kasten als Untertanen. Mittelalterliches Schlachtgemetzel gibt es im Keller des Berliner Forschungszentrums allerdings nicht zu sehen. Bei konstant 32 Grad Celsius kriechen die Nacktmulle, die live wesentlich putziger aussehen als auf Fotos, gemütlich und piepsend durch transparente Plastikrohre, die ihre Behausungen miteinander verbinden – fast so, wie in den weitverzweigten unterirdischen Gängen in ihrem natürlichen, sandigen Lebensraum im ostafrikanischen Somalia, Kenia und Äthiopien. Dort, wie auch im Berliner Forschungskeller, schlafen die Tiere stets zusammen in Knäueln aus Körpern.

Die Kunst, ohne Sauerstoff zu überleben

Das brachte Forscher wie Gary Lewin und seinen Kollegen Thomas Park von der Universität Illinois in Chicago ins Grübeln: Wenn in den ohnehin sauerstoffarmen, metertiefen Gängen Dutzende Tiere übereinander liegen, warum ersticken dann die untersten nicht? "In der Tat wirken die, die ganz unten schlafen, zunächst wie tot und brauchen eine Weile länger, um wieder aufzuwachen", sagt Lewin. Wie überstehen die Tiere einen Sauerstoffentzug, der für Menschen tödlich wäre? Um diese Frage zu klären und womöglich daraus zu lernen, wie Patientinnen und Patienten mit Herzinfarkten, Schlaganfällen oder sonstigen Fällen von Sauerstoffmangel geholfen werden könnte, machten die Forscher ein naheliegendes Experiment. Sie testeten, wie lange Nacktmulle ohne Sauerstoff überleben können und was dabei in den Zellen der Tiere passiert.

Tierquälerei im Labor?

Das legen Aktivisten des Vereins Ärzte gegen Tierversuche nun Gary Lewin persönlich zur Last und wollen ihm am Donnerstag das "Herz aus Stein" verleihen – eine Auszeichnung für das "schlimmste Tierexperiment des Jahres".

In der Tat wurden die Tiere für das Experiment in Behälter mit Atemluft ohne Sauerstoff gesetzt. "Die Tiere merken das erst einmal gar nicht, sondern schlafen nach etwa 40 Sekunden einfach ein", sagt Wissenschaftler Lewin. Anders als Mäuse, deren Herz bereits nach weniger als einer Minute stehen bleibt, arbeiteten Hirn und Herz der Nacktmulle hingegen ruhig weiter. Nach bis zu 18 Minuten ohne Sauerstoff standen die Tiere einfach wieder auf, berichtet der Forscher. "Sie zeigten keine Bewegungsprobleme, Anzeichen von Stress oder sonstige Schäden." Entzogen die Forscher den Sauerstoff für 30 Minuten, wachten die Tiere, insgesamt drei, allerdings nicht mehr auf. Ein weiteres Tier kam nach 24 Minuten zwar wieder zu sich, hatte aber schlaganfallartige Schäden davongetragen und wurde getötet.

Im Schlaf angepasst

Haben diese Tiere gelitten? "In der freien Wildbahn ist Sauerstoffentzug bei Nacktmullen etwas Alltägliches", meint Lewin. In den langen Gängen fällt der Sauerstoffanteil von normalerweise 20 Prozent oft auf unter fünf Prozent. Während bei Menschen und Mäusen schon nach kurzer Zeit Atemnot und die dazugehörigen Panikreaktionen einsetzen, würden Nacktmulle mit gelassener Schläfrigkeit reagieren. "Sie haben sich in 30 Millionen Jahren Evolution angepasst und zwar mit einem Genom, das dem der Maus und des Menschen sehr ähnlich ist." Das Forscherteam fand heraus, dass die Tiere ihren Stoffwechsel umstellen. Nicht mehr nur der Blutzucker Glukose, sondern große Mengen Fruktose und Saccharose fließen bei Sauerstoffmangel durch die Gefäße. Ein spezielles Transportmolekül schafft den Spezialzucker in die Zellen.

Auch Menschen und andere Säugetiere nutzen Fruktose, jedoch nicht in solchen Mengen und nicht in allen Geweben. Darüber hinaus ergaben die Versuche, dass Nacktmulle bei Sauerstoffmangel die Kraftwerke in ihren Zellen, die Mitochondrien, abschalten können. Bei Menschen und Mäusen laufen diese Energiefabriken ohne Sauerstoff gewissermaßen heiß. "Das zerstört die Maschinerie", sagt Lewin. Der Nacktmull hingegen drückt gewissermaßen auf den Aus-Knopf. Das geschieht sekundenschnell. "Es ist ein Rätsel, wie sie das machen, das wollen wir lösen." Die Chance ist gut, dass im vergleichsweise ähnlichen Erbgut des Menschen ein solcher Mechanismus schlummert, der, wenn er medikamentös aktiviert oder unterstützt würde, den Folgen von Herzinfarkten oder Schlaganfällen entgegen wirken könnte, sagt Lewin. "Der Nacktmull hat nichts Neues erfunden, er nutzt nur lange existente Mechanismen und hat sie optimiert."

Ablehnung "jeglicher Tierversuche"

Die Tierschutzorganisation Ärzte gegen Tierversuche, die "jegliche Tierversuche aus ethischen und wissenschaftlichen Gründen ablehnt", also auch Experimente an Fruchtfliegen und Fadenwürmern, hält all das nur für "vorgeschobene Gründe". Es handele sich um "Neugierforschung ohne jeglichen Bezug zum kranken Menschen". Zwar lehne die Organisation Grundlagenforschung (und auch daraus hervorgegangene Medikamente) nicht generell ab, wohl aber "Grundlagenforschung an Tieren mit vorgeblichem Nutzen für den Menschen", antwortete Claus Kronaus, Geschäftsführer des Vereins, auf Anfrage des Tagesspiegels. "Tierversuche schüren Hoffnungen für (tod-)kranke Menschen, die sich mit Tierversuchen nicht erfüllen lassen." Ergebnisse von Tierversuchen ließen sich nicht auf den Menschen übertragen.