die zeit: Die Idee von der Chancengleichheit war wahrscheinlich die wichtigste Leitlinie deutscher Bildungspolitik in den vergangenen 30 Jahren. Doch aktuelle Studien belegen, dass Chancengleichheit nie mehr als eine Idee, ein Ideal war. Sie wurde nie wirklich realisiert. In kaum einem anderen Land der Welt hat der soziale Status der Eltern einen so großen Einfluss auf das Berufsleben, die Karriere, wie in Deutschland. Chancengleichheit – nichts als eine große Illusion? Wenn das so ist, was bedeutet das für die hierzulande immer so tabuisierte Förderung von Eliten? Darüber wollen wir heute Abend hier auf dem Podium diskutieren Ich begrüße ganz herzlich Frau Prof. Dagmar Schipanski, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Thüringen und Vizepräsidentin der Kultusministerkonferenz. Frau Schipanski, Bundespräsident Johannes Rau sagt: „Deutschland braucht mehr Elite.“ Für einen Politiker, der wie kaum ein anderer für Werte wie Gerechtigkeit und Gleichheit steht, ein überraschendes Wort. Hat er Recht?

Dagmar Schipanski: Es ist wahr, dass Deutschland Elite braucht. Ob es mehr Elite braucht, werden wir heute diskutieren müssen. Ich bin überzeugt, jedes Volk hat seine Eliten, ob man das wahrhaben will oder nicht.

zeit: Prof. Dr. Michael Hartmann ist Sozialwissenschaftler an der TU Darmstadt und hat ein provozierendes Buch zum Thema geschrieben. Titel: „Der Mythos von den Leistungseliten“. Herr Hartmann, Sie schreiben: Wer in Deutschland zur Elite gehören will, der muss vor allem eines mitbringen, die richtigen Eltern. Ist Chancengleichheit nur eine Illusion?

Michael Hartmann: Chancengleichheit ist dann eine Illusion, wenn es um Spitzenpositionen – vor allem der Wirtschaft – geht. Durch die Bildungsreformen der letzten Jahrzehnte hat sich durchaus etwas verändert. Schauen Sie sich an, wie viele Arbeiterkinder heute studieren. Die Veränderungen sind nur nicht durchgeschlagen bis in die Spitze großer Unternehmen oder in die Spitze von großen Verwaltungen.

zeit : Prof. Dr. Herfried Münkler lehrt Theorie der Politik an der Humboldt-Universität in Berlin. Er ist Mitglied Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, also quasi hier zu Hause. Herr Münkler, Sie haben bereits vor einigen Jahren – ähnlich wie Herr Hartmann jetzt – darauf hingewiesen, dass „die soziale Rekrutierungsbasis der Elite heute breiter ist als je zuvor“. Sehen Sie den Trend fortgesetzt?

Herfried Münkler: Sicherlich hat sich dieser Trend fortgesetzt. Und daran wird man auch nichts umkehren können. Denn je breiter die Basis einer Elite ist, desto besser ist man in der Lage, auszuwählen und diejenigen, die wirklich die Fähigkeit haben, in schwierigen Situationen Belastungen auszuhalten und unter diesen Umständen auch besondere Leistungen zu bringen, zu finden.