Erinnerung hat Konjunktur, eine seltsame Sache. Seit etwa 15 Jahren erscheinen Bücher über Erinnern und Vergessen, viele Bücher als Früchte von Symposien und Kongressen, noch mehr Bücher als Grabstätten beflissener Gelehrsamkeit, fast alle Bücher als Dokumente intelligenter Bohrungen im Gedächtnis der Gegenwärtigen und der Vergangenen. Was hat das zu bedeuten?

Zwei Vermutungen zu Ihrer Begrüßung und zur Einführung in das heutige Zeitforum der Wissenschaft:

Man könnte vermuten, Erinnerung sei wichtiger geworden. Ist Erinnerung wichtiger geworden? Es gibt eigentlich keinen Grund, dies anzunehmen. Erinnerung war schon immer wichtig, so wichtig wie Vergessen. Schon immer sollte manches nie wieder aus dem Gedächtnis fallen, weil die Erinnerer die ewige Mahnung wollten und eine unvergängliche Anleitung – Erinnerung an Siege und Niederlagen, an Triumph und Schande.

Vergessen sollte dagegen für alle Zeiten die Erinnerung tilgen an die ehemals strahlenden Helden einer peinlich gewordenen Vergangenheit. Vergessen sollte den Platz fegen für die Errichtung neuer Monumente der Erinnerung. Wenn aber die Wichtigkeit weder abgenommen hat noch zugenommen, was ist es dann, das die Erinnerungswilligkeit so befördert, diese Erinnerungsbereitschaft, die hier und da sich schon zur Erinnerungswut steigert? Vielleicht liegt es an der Geschichte. Die Geschichte ist Erinnerung. Das hat man schon immer gehört, aber es war so ernst nicht gemeint, eher instrumentell – Erinnerung als emsige Tätigkeit, um sich der Geschichte zu bemächtigen, Erinnern als Sammeln, Sichten und Ordnen, um die Muster nachzuzeichnen und vielleicht die Zukunft zu schauen, Historia magistra vitae.

Die Geschichte selbst aber objektiv ein mächtiger Strom, in den man nicht zweimal steigt, möglicherweise sogar reguliert durch eherne Gesetze, jedenfalls aber Struktur, Perioden, Aufstieg und Abstieg, Fortschritt und Rückschritt, Kreisbewegung oder Pendelschlag. So weit war alles möglich.

Unmöglich dagegen: Geschichte als Anhäufung von Geschichten; Geschichte als das Ereignis und sonst nichts; Geschichte als die Gedanken eines alten Mannes und die Träume einer alten Frau; Geschichte subjektiv, an die sich die jungen Mädchen anders erinnern als die jungen Männer und die Katzen anders als die Fliegen; Geschichte des Geruchs, Geschichte des Fegefeuers, Geschichte des Lächelns, also die Welt segmentiert, Perspektiven wie Sand am Meer, Geschichte zerfallen in das Zusammenhanglose schlechthin, zerfetzt durch Erkenntnistheorie und Hirnforschung, zusammenbindbar nur noch durch rohe pädagogische Gewalt oder die Macht der Kollektive, die Fragmente ausgeliefert an Geschichtspolitik und Erinnerungsstrategien – Sozialpsychologie statt Tacitus und Ranke, Bauchweh und Verzückung eines nicht verallgemeinerungsfähigen Individuums.

Vielleicht hat die Kontingenz inzwischen die Geschichte gefressen. Deshalb stellen wir in jedes Dorf ein Dorfmuseum, in dem der verehrte Besucher zerstreut auf die Scherben der Bauern starrt. Deswegen sprießen allerorten die Mahnmale für große oder kleine Verbrechen und für große oder kleine Gruppen. Keine darf vergessen werden. Erinnerung und Gedenken darf sich schließlich nicht an Quantitäten orientieren, infolgedessen auch Tafeln und Tage, Gedenktage, Mahntafeln, Erinnerungstafeln, Hinweistafeln. Sollte es ein Haus geben, in dem keine Berühmtheit genächtigt hat? Die Tage stehen im Kalender. Jeden Tag kann mehrerer gedacht werden, Frauen auch hier progressiv. All dies vielleicht, weil Geschichte den Geschichten Platz gemacht hat, vielleicht.

Man könnte allerdings auch vermuten, dass die Erinnerungswut sich aus der Verzweiflung speist, Verzweiflung darüber, dass Erinnern schwerer geworden ist und täglich schwerer wird. Früher wurde Geschichte erzählt, den Jungen von den Älteren und Alten, Geschichte mit kargen Strichen – Namen und Familien, Daten und Charaktere, mancherlei Volk und wenig Details, leicht fasslich und jederzeit wiederholbar, Cäsar überschritt den Rubikon, Geschichte fürs Leben.

Geschichte wurde auch aufgeschrieben oder gemalt, in Rinden geschnitzt und in Stein gehauen. In allen Fällen ging Geschichte durch den Menschen. Heute geht Geschichte nicht mehr durch den Menschen. Sie entsteht nicht in den Köpfen und Körpern, sondern geht zuerst durch Maschinen. Die Akten gehen ihrem Ende entgegen. Geschichte wird gefilmt, Geschichte wird digitalisiert, Geschichte wird eingegeben und ausgegeben. Sie ist nicht da, sondern sie wird gesucht. Die Speicher schrumpfen und werden gigantisch zugleich.

Was weiß Google von Otto von Bismarck? 81.700 Nachweise in zehn Sekunden – Geschichte als Lawine aus elektronischem Schutt, der Sucher zugeschüttet bis zum Scheitel mit Information, das heißt, Gestalt gewordener Belanglosigkeit. Die Brocken müssen zusammengesucht und geordnet werden. Doch was zählt als Erinnerung und was nicht? Der Magen ist endlich, der Informationsbrei nicht. Wo steht eine Struktur? Wer sagt, was gilt? Sogar die Juristen sind verzweifelt. Sie brauchen eine herrschende Meinung und finden sie nicht mehr. Geschichte kriecht ins Detail und fordert weitere Details. Die Erinnerung wird wütend und schlägt um sich: Der Nationalsozialismus in der Pfalz, der Nationalsozialismus in Kaiserslautern, Die nationalsozialistische Belegschaft in der Firma Pfaff-Nähmaschinen in Kaiserslautern in der Pfalz, Familie Hoffmann, die Belegschaft von Pfaff-Nähmaschinen und der pfälzische Nationalsozialismus. Nur Vater Hoffmann ist noch nicht dicht beschrieben. Eine Meta-Maschine bringt zuerst, wonach am häufigsten gefragt wurde. Die Häufigkeit kann man manipulieren, nur so oder zum Zwecke der Werbung. Der Sucher findet, was er finden soll, seine Geschichte ist geplant. Er erinnert die Strukturen von Marketing. Wem die Fakten vor den Augen tanzen, der kneift sie zusammen und sucht sich zu erinnern.

Uns tanzen die Fakten vor den Augen. Wer hat am 24. Dezember Geburtstag? Jesus oder Josef? Fußballweltmeisterschaft in Portugal, Wahlen in Russland, Heiliger Abend in Groß-Ziethen, Unfall in Brixton – was war wichtig? Was soll ich lesen. Auch dem Hartnäckigsten kann nicht geholfen werden. Die Archive schrumpfen nicht nur, sie werden auch schwindsüchtig, so schwindsüchtig, dass das Verschwinden droht. Vorn wird die Welt zusammengerafft und eingefahren, aber hinten kommt sie nicht an. Die Konservierung ist unser Hauptproblem – nachhaltige, Nichthaltbarkeit, vor zehn Jahren noch mühelos aufzurufen, heute nicht mehr zu entziffern, die Maschinen verschrottet, die Schlüssel unbekannt, die Datenträger unbrauchbar. Wie soll man sich erinnern?

Erinnern ist schwer geworden. Vielleicht arbeiten deshalb immer mehr immer unermüdlicher an ihr, vielleicht.

Dieter Simon