Man könnte allerdings auch vermuten, dass die Erinnerungswut sich aus der Verzweiflung speist, Verzweiflung darüber, dass Erinnern schwerer geworden ist und täglich schwerer wird. Früher wurde Geschichte erzählt, den Jungen von den Älteren und Alten, Geschichte mit kargen Strichen – Namen und Familien, Daten und Charaktere, mancherlei Volk und wenig Details, leicht fasslich und jederzeit wiederholbar, Cäsar überschritt den Rubikon, Geschichte fürs Leben.

Geschichte wurde auch aufgeschrieben oder gemalt, in Rinden geschnitzt und in Stein gehauen. In allen Fällen ging Geschichte durch den Menschen. Heute geht Geschichte nicht mehr durch den Menschen. Sie entsteht nicht in den Köpfen und Körpern, sondern geht zuerst durch Maschinen. Die Akten gehen ihrem Ende entgegen. Geschichte wird gefilmt, Geschichte wird digitalisiert, Geschichte wird eingegeben und ausgegeben. Sie ist nicht da, sondern sie wird gesucht. Die Speicher schrumpfen und werden gigantisch zugleich.

Was weiß Google von Otto von Bismarck? 81.700 Nachweise in zehn Sekunden – Geschichte als Lawine aus elektronischem Schutt, der Sucher zugeschüttet bis zum Scheitel mit Information, das heißt, Gestalt gewordener Belanglosigkeit. Die Brocken müssen zusammengesucht und geordnet werden. Doch was zählt als Erinnerung und was nicht? Der Magen ist endlich, der Informationsbrei nicht. Wo steht eine Struktur? Wer sagt, was gilt? Sogar die Juristen sind verzweifelt. Sie brauchen eine herrschende Meinung und finden sie nicht mehr. Geschichte kriecht ins Detail und fordert weitere Details. Die Erinnerung wird wütend und schlägt um sich: Der Nationalsozialismus in der Pfalz, der Nationalsozialismus in Kaiserslautern, Die nationalsozialistische Belegschaft in der Firma Pfaff-Nähmaschinen in Kaiserslautern in der Pfalz, Familie Hoffmann, die Belegschaft von Pfaff-Nähmaschinen und der pfälzische Nationalsozialismus. Nur Vater Hoffmann ist noch nicht dicht beschrieben. Eine Meta-Maschine bringt zuerst, wonach am häufigsten gefragt wurde. Die Häufigkeit kann man manipulieren, nur so oder zum Zwecke der Werbung. Der Sucher findet, was er finden soll, seine Geschichte ist geplant. Er erinnert die Strukturen von Marketing. Wem die Fakten vor den Augen tanzen, der kneift sie zusammen und sucht sich zu erinnern.

Uns tanzen die Fakten vor den Augen. Wer hat am 24. Dezember Geburtstag? Jesus oder Josef? Fußballweltmeisterschaft in Portugal, Wahlen in Russland, Heiliger Abend in Groß-Ziethen, Unfall in Brixton – was war wichtig? Was soll ich lesen. Auch dem Hartnäckigsten kann nicht geholfen werden. Die Archive schrumpfen nicht nur, sie werden auch schwindsüchtig, so schwindsüchtig, dass das Verschwinden droht. Vorn wird die Welt zusammengerafft und eingefahren, aber hinten kommt sie nicht an. Die Konservierung ist unser Hauptproblem – nachhaltige, Nichthaltbarkeit, vor zehn Jahren noch mühelos aufzurufen, heute nicht mehr zu entziffern, die Maschinen verschrottet, die Schlüssel unbekannt, die Datenträger unbrauchbar. Wie soll man sich erinnern?

Erinnern ist schwer geworden. Vielleicht arbeiten deshalb immer mehr immer unermüdlicher an ihr, vielleicht.

Dieter Simon