Eine "Renaissance der Kernenergie" mag Jürgen Trittin nicht erkennen. Die sich häufenden Meldungen über Kraftwerksneubauten und Baupläne – etwa aus Frankreich, Finnland und Brasilien – überzeugen den erklärten Kernkraftgegner nicht. Auf dem ZEITForum der Wissenschaft im Leibniz-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Berlin diskutierte der Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Friedrich Merz, dem Framatome-Geschäftsführer Ralf Güldner, dem Energieexperten Alfred Voß und dem Juristen Hasso Hofmann über die Zukunft der Energieversorgung in Deutschland. Während Merz den "Ausstieg aus dem Ausstieg" fordert, Kraftwerkserbauer Framatome sich über neue Verträge – unter anderem mit Finnland – freut und Alfred Voß wenigstens die Option Kernkraft für Deutschland erhalten will, sieht Trittin keinen Grund, die Gesetzeslage zu ändern. Lesen Sie im Folgenden das Protokoll des Gesprächs

Dr. Philipp-Christian Wachs: Im Namen der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius möchte ich Sie alle heute Abend herzlich begrüßen. Radioaktivität für dich und mich im All entsteht. Radioaktivität, wenn es um unsere Zukunft geht – der leicht lyrische Text der Düsseldorfer Pop-Gruppe Kraftwerk von 1976 kondensiert den positiven Fortschrittsglauben der 60er Jahre in einer späten Blüte, zusätzlich genährt durch die Ölkrise von 1973. Doch die Wahrnehmung von Risiken der Atomkraft ist dem gesellschaftlichen Wandel unterworfen. 1991 legte Kraftwerk das gleiche Lied noch einmal mit verändertem Text auf. Aus der Beschwörung einer glorreichen Zukunft war eine düstere Beschwörung der Gefahren geworden, die mit der Nutzung von Atomenergie verbunden sein konnten.

Der Widerstand gegen Atommeiler und Atomenergie ist – Herr Trittin wird mir sicherlich zustimmen – zum identitätsstiftenden Konsens mindestens einer politischen Generation geworden. Die Auseinandersetzungen darüber wurden mit kreuzzugsgleicher Inbrunst geführt. Nicht immer stand dabei auf beiden Seiten das Sachargument an oberster Stelle. Tschernobyl war Menetekel für das Restrisiko bei der Nutzung der Kernenergie.

Die Generation, die ihr Leben dem Antiatomkampf verschrieben hat, kommt in die Jahre und verbringt diese Jahre an den Schalthebeln der Macht. Der Atomausstieg wurde Gesetz. Und mit fröhlicher Hauruckstimmung werden Windräder und Solarpaneele im Land gefördert, im Land im Kampf für eine bessere Welt. Krieg um Öl oder Frieden durch Wind und Sonne hätte Franz Alt das wahrscheinlich genannt.

In den letzten Jahren ist die Wahrnehmung von Risiken der Kernenergie erneut einem gesellschaftlichen Wandel unterworfen. Doch bei der Diskussion um die Atomkraft vermitteln beide Seiten manchmal den Eindruck, als seien sie allein auf der Welt. Was nützt uns ein energiepolitisches Reinheitsgebot, wenn Deutschland sich für seine Grundlast an Energie von Stromimporten abhängig macht, die in veralteten Kraftwerken der Ukraine produziert werden? Soll der Erhalt und der Ausbau von Spitzenforschung auf diesem Gebiet zukünftig ohne deutsche Forscher stattfinden? Sind die so gepriesenen erneuerbaren Energien überhaupt in der Lage, auch in liberalisierten Energiemärkten bestehen zu können? So fragen die einen.

Immer noch zu teuer, immer noch zu gefährlich, sagen die anderen. Können wir es uns leisten, durch die Restrisiken der Atomkraft flächendeckend Leben und körperliche Unversehrtheit zu riskieren? Trägt die Gegenwart hier nicht eine Verantwortung für die Zukunft, wenn wir an ungelöste Fragen der Entlagerung und dergleichen denken? Sind erneuerbare Energien die einzige Chance, der Pest und Cholera unserer Zeit zu entgegen, nämlich der Klimaveränderung und der atomaren Katastrophe? Fragen über Fragen und beide Positionen sind, wenn ich mir das Podium angucke, heute prominent vertreten.

Ob mit alter oder neue Strahlkraft, Kernenergie ist eine politische Energie – aus drei Gründen: Erstens ist Energie immer politisch. Der Irak wäre nicht der Irak, gäbe es dort kein Öl. Zweitens bedarf die Sicherheit der Kernenergie politischer Anstrengungen. Und drittens ist sie zum Negativsymbol einer ganzen politischen Generation in Deutschland geworden. Der Ausstieg aus dem Ausstieg wäre das Waterloo der altgewordenen 68er.