Jubiläum des NullmeridianDie chaotische Vernetzung der Erde

Wo endet die Welt, wo beginnt sie? Vor 125 Jahren wurde ihr ein Koordinatensystem übergezogen. Nullpunkt und Datumsgrenze orientieren sich seither an Greenwich bei London. von 

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Längen- und Breitengrade zeigen dem Menschen seinen Standort auf dem Globus. Der Meridian mit der Nummer Null feiert heute sein 125. Geburtstag, zumindest jener, der durch Greenwich bei London verläuft  |  © sam7/Photocase

Irgendwo muss die Scheibe ja einen Rand haben, sagten sich die Menschen bereits im Mittelalter, zu der Zeit also, als die Erde in der Vorstellung gemeinhin noch keine Kugel war. Der Versuch, die Welt nach Länge und Breite aufzuteilen, ist alt und eher wirr. Denn die Suche nach einem festen Ausgangspunkt ist so eine Sache. Wo soll er liegen, der Nullmeridian, also jener Längengrad mit der Nummer Null, von dem aus alle weiteren Angaben zur Lage auf dem Erdball getroffen werden?

Auf mittelalterlichen Karten vermischten sich gar Religion und Geografie: Die Kontinente waren oft um Jerusalem angeordnet oder bildeten den Leib Christi, mit Jerusalem als Nabel der Welt. Seefahrer konnten damit wenig anfangen – sie brauchten andere Karten auf die sie sich verlassen und natürlich ihre Position eindeutig bestimmen konnten.

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Die Technik dafür gab es schon lange: Der Astronom Hipparch von Nikaia (ca. 190 bis 120 v. Chr.) entwickelte als einer der ersten eine Methode, mithilfe der Gestirne, die eigene Position auf dem Erdball nach Länge und Breite zu bestimmen. Seine Karte, auf die er rund 900 Sterne einzeichnete, war von einem Netz aus Linien überzogen, dessen nullter Längengrad da lag, wo Hipparch arbeitete: auf Rhodos. Doch hier sollte der Bezugspunkt nicht lange bleiben. Denn anders als der längste Breitengrad, der Äquator ist der Nullmeridian astronomisch nicht festgelegt und kann praktisch willkürlich gesetzt werden.

Deshalb verlegte ihn Claudius Ptolemaeus dann auch kurzerhand ans Ende der Welt: Um 150 n. Chr. zog er die Linie durch den westlichsten damals bekannten Landpunkt, den Westzipfel der kanarischen Insel Ferro, die heute El Hierro heißt und von Ptolemaeus den Namen Isla del Meridiano bekam.

Der Ferro-Meridan blieb für Jahrhunderte gebräuchlich, auch wenn es immer wieder Versuche gab, neue Nullmeridiane zu bestimmen, etwa 1432 nach der Entdeckung der Azoren und nach 1492, als Columbus in Amerika gelandet war. Auch gab es in unterschiedlichen Ländern zeitgleich verschiedene Nulllinien: Russische Karten setzten seit den Zeiten von Peter dem Großen Sankt Petersburg als Null, die sturen Franzosen kaprizierten sich zunehmend auf Paris, und seit 1738 benutzten die Briten ihr Observatorium in Greenwich bei London als Bezugspunkt.

Meridiane

Meridiane oder Längengrade sind gedachte Linien, die senkrecht zum Äquator stehen und zusammen mit den parallel zum Äquator verlaufenden Breitengraden ein virtuelles Netz über die Erdkugel legen, das Bezugspunkte für die Navigation zu Wasser, zu Lande und in der Luft bietet. Während der Äquator als Nulllinie der Breitengrade astronomisch vorgegeben ist als die Linie, die von beiden Polen gleich weit entfernt ist, wird der Nullmeridian willkürlich festgelegt.

Weltzeit

Die Konferenz von 1884 legte auch die erste weltweit gültige Standardzeit fest: 12 Uhr Greenwich Mean Time (GMT) war, wenn die Sonne in Greenwich im Zenit stand. Weil allerdings wegen der ungleichmäßigen Geschwindigkeit der Erde und ihrer elliptischen Umlaufbahn der tatsächliche Mittag um 16 Minuten in beide Richtungen abweichen kann, wurde eine Durchschnittsbahn errechnet. Heute gilt die Koordinierte Weltzeit (UTC), die das Zeitsignal eines Netzes von Atomuhren an die Schwankungen der Erdrotation anpasst.

Datumsgrenze

Dem Nullmeridian gegenüber auf der anderen Seite der Weltkugel, also mit ihm zusammen einen Kreis bildend, liegt der 180. Längengrad, der ohne den Zusatz "westlich" oder "östlich" auskommt. Er markiert auch die Datumsgrenze: Ist es am 1. Januar in London 12 Uhr, so ist auf der Linie 24 Uhr und östlich davon schon der 2. Januar. Beim Überschreiten der Linie von Ost nach West muss man das Datum um einen Tag reduzieren, in umgekehrter Richtung addieren.

"Millennium Island"

Verliefe die Datumsgrenze mitten durch besiedelte Gebiete, würde für relativ nah beieinander wohnende Menschen ein unterschiedliches Datum gelten. Deshalb weicht die Linie mehrfach nach Westen und Osten vom 180. Längengrad ab – unter anderem, damit im gesamten Inselstaat Kiribati das selbe Datum gilt. Weil dafür eine sehr große Ausbuchtung nötig ist, war das östlichste Eiland Kiribatis offiziell der erste Teil der Welt, auf dem das Jahr 2000 begann, und wurde in "Millennium Island" umbenannt.

Weltweit

Arabische Seefahrer benutzten zunächst die Westspitze Afrikas als Bezugslinie, seit Ende des 11. Jahrhunderts lag ihr Nullmeridian jedoch bei Bagdad, der Stadt des Kalifen, auf anderen Karten auch bei der heiligen Stadt Mekka. Indische Astronomen benutzten einen Meridian durch Ujjain, eine der sieben heiligen Städte im Hinduismus. In Japan war die Kaiserstadt Kyoto gebräuchlich. Viele US-Bundesstaaten haben West- und Ost-Grenzen, die in Referenz zum Meridian von Washington definiert wurden, etwa die Westgrenze von Kansas 27 Grad westlich, die Ostgrenze von Nevada 37 Grad westlich.

Durch das Meridian-Chaos waren Missverständnisse auf See programmiert: Wenn Seefahrer Karten falsch lasen oder Kursansagen falsch verstanden, konnten Schiffe und ihre Ladung verloren gehen.

Nicht nur die genaue Standortangabe auf dem Globus gewann zunehmend an Bedeutung. Grenzübergreifende Eisenbahnlinien machten zudem die Festlegung einer Weltstandardzeit und die genaue Bestimmung von Zeitzonen notwendig. Bis dahin hatten die europäischen Länder jeweils eigene Zeiten, die sich an der Hauptstadt orientierten – wenn es dort Mittag war, war es im ganzen Land Mittag.

Reine Willkür, denn wenn etwa England festlegte, es sei 12 Uhr, konnte es in Frankreich genauso gut ein paar Minuten später oder früher sein. Das führte dort, wo sich grenzüberschreitende Bahnlinien trafen, zu Abweichungen mit unangenehmen Folgen für umsteigende Reisende.

Leserkommentare
    • ztc77
    • 13. Oktober 2009 18:15 Uhr

    Wirklich ganz nett zu lesen, Herr Vensky!
    Zu kurz kommt der gesellschaftliche Aspekt: Mittels der Navigationsdaten kann z.B. ein Pilot sehr genau das Feld treffen, über welchem er Düngemittel ausstreuen soll.
    Genau so leicht ist es aber auch, eine bombentragende Rakete mit den Koordinaten eines Objekts zu versehen, das zerstört werden soll.

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    Viel wichtiger als ihr Düngemittel/Bombenbeispiel ist die einheitliche Uhrzeit. Würde man die "echte Uhrzeit", also die Sonnenzeit heranziehen, lägen zwischen Görlitz und Aachen ca. eine Stunde Zeitverschiebung. Aber ich fand den Artikel etwas unsauber formuliert:

    1. wird 12 Uhr nicht festgelegt, sondern am höchsten Sonnenstand definiert.
    "Reine Willkür, denn wenn etwa England festlegte, es sei 12 Uhr, konnte es in Frankreich genauso gut ein paar Minuten später oder früher sein." Wenn es in England 12 Uhr war, war es zum Beispiel in Bordeaux nicht 12 Uhr, sondern etwas früher.

    2. Ist die Aussage, dass man im Mittelalter eine flache Erdscheibe vermutet hat, ein Mythos. Spätestens seit der Antike war bekannt und berechnet (ich glaube Anaximander wars..), dass die Erde eine Kugel mit einem Umfang von ca. 40000km sein musste. Auch Aristoteles vertrat diese Ansicht und war im Mittelalter eine der naturwissenschaftlichen Autoritäten, auch wenn er schon lange tot war. Hier dazu die Quelle:
    http://www.spiegel.de/wis...

    sicherlich ist der Hinweis auf den potentiellen Missbrauch richtig; allerdings lassen sich sehr viele technische Errungenschaften missbrauchen. Daraus lassen sich m.E. allerdings keine Werturteile ableiten.

    Werturteile für(?)/gegen(!) Bomben sind wieder etwas ganz anderes, aber das ist ein großes Fass.

  1. 2.

    Viel wichtiger als ihr Düngemittel/Bombenbeispiel ist die einheitliche Uhrzeit. Würde man die "echte Uhrzeit", also die Sonnenzeit heranziehen, lägen zwischen Görlitz und Aachen ca. eine Stunde Zeitverschiebung. Aber ich fand den Artikel etwas unsauber formuliert:

    1. wird 12 Uhr nicht festgelegt, sondern am höchsten Sonnenstand definiert.
    "Reine Willkür, denn wenn etwa England festlegte, es sei 12 Uhr, konnte es in Frankreich genauso gut ein paar Minuten später oder früher sein." Wenn es in England 12 Uhr war, war es zum Beispiel in Bordeaux nicht 12 Uhr, sondern etwas früher.

    2. Ist die Aussage, dass man im Mittelalter eine flache Erdscheibe vermutet hat, ein Mythos. Spätestens seit der Antike war bekannt und berechnet (ich glaube Anaximander wars..), dass die Erde eine Kugel mit einem Umfang von ca. 40000km sein musste. Auch Aristoteles vertrat diese Ansicht und war im Mittelalter eine der naturwissenschaftlichen Autoritäten, auch wenn er schon lange tot war. Hier dazu die Quelle:
    http://www.spiegel.de/wis...

    Eine Leserempfehlung
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    • postit
    • 14. Oktober 2009 19:42 Uhr

    Eratosthenes war's, nicht Anaximander! Und den Kilometer hat er natürlich noch nicht gekannt...
    Aber in der Sache haben Sie absolut recht, egal, was madoschilus davon hält.

  2. sicherlich ist der Hinweis auf den potentiellen Missbrauch richtig; allerdings lassen sich sehr viele technische Errungenschaften missbrauchen. Daraus lassen sich m.E. allerdings keine Werturteile ableiten.

    Werturteile für(?)/gegen(!) Bomben sind wieder etwas ganz anderes, aber das ist ein großes Fass.

  3. Man hat im Mittelalter tatsächlich die Erde für eine Scheibe gehalten. Allerdings nur im von der Kirche beherrschten Europa.

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    Warum diese plumpe Kirchenschelte? Ihre Aussage wurde von der Forschung längst in aller gebotenen Ausführlichkeit widerlegt. Sie propagieren einen Mythos.

    ich empfehle den verlinkten Artikel. Die Erde für eine Kugel zu halten war in Ordnung, verboten war allerdings die Idee der Rotation und der Bewegung um die Sonne. Dies wird oft mit der Kugelgestalt Diskussion in einen Topf geworfen. Der Beweis für die Kugelgestalt der Erde wurde in der Antike geometrisch derart erschlagend geführt, dass keinerlei Zweifel (der wissenschaftlichen Welt, der einfache Dorfpfarrer hat vielleicht noch die Scheibe gepredigt..) an der Kugelgestalt geherrscht hat.

    Sorry, aber das ist eine moderne Legende. So gut wie niemand im Mittelalter hielt die Erde für eine Scheibe.

  4. Die Datumsgrenze liegt im Ostpazifik in der Nähe von Japan. Wäre sie bei Greenwich, würde das bedeuten, wir hätten in Europa einen frühen Morgen, und in den USA einen späten Abend, der am vorigen Kalendertag liegt.

    Ein heftiger Fehler.

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    Redaktion

    Lieber Leser,

    auch die Datumsgrenze orientiert sich an Greenwich – wie im Text richtig beschrieben: "Wenn man die Standardzeit am Meridian von Greenwich orientiert, verläuft die Datumsgrenze, ihm gegenüber auf 180 Grad, durch dünn besiedeltes Gebiet, größtenteils sogar durch Wasser." Dieser 180. Längengrad ist die gedankliche Verlängerung des Greenwich-Nullmeridians.

    Allerdings haben Sie Recht, dass dies in der Unterzeile nicht deutlich geworden ist, das haben wir jetzt geändert. Vielen Dank und Grüße aus der Wissenschaftsredaktion.

    • eeee
    • 14. Oktober 2009 8:53 Uhr

    Müssen diese sturen und trotzigen Franzosen doch ständig den angloamerikanischen Alleinbestimmungsanspruch in Frage stellen, da ist doch wirklich nicht gentlemenlike!

    [Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

  5. Hut ab vor diesem Claudius Ptolemaeus, der in der Antike ein astreines Spanisch verwendete. Reschpeckt!

    Das erinnert mich an eine Donald-Duck-Sentenz aus einem Heft der späten 1950er Jahre, wie sie nur der unvergessenen, unvergleichlichen Dr. Erika Fuchs einfallen konnte. Donald ist mit seinem Dampfer in einem Atoll gestrandet und funkt um Hilfe: "Schiffo kaputto in Laguno! – Dummköpfe! Verstehen mein Spanisch nicht." ... Wird doch nicht in der Nähe der "Isla del Meridiano" gewesen sein?

    Eine Leserempfehlung
  6. 8. Warum

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    Antwort auf "Datumsgrenze?"

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  • Schlagworte Jubiläum | England | Frankreich | Großbritannien | USA | Österreich
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