Das hätte Hermann Rorschach sich nicht träumen lassen, dass ein Comic-Superheld seinen Namen tragen würde: In der preisgekrönten Serie Watchmen ist Rorschach eine brutale, schlicht in Gut und Böse denkende Figur, die kalte Dosen-Bohnen liebt. Er trägt eine Maske: ein Muster, das jenen Tafeln ähnelt, mit denen der echte Rorschach die Psyche von Menschen entschlüsseln wollte.

Hermann Rorschach, 1884 in Zürich geboren, aufgewachsen in Schaffhausen, Sohn eines Malers, liebte als Kind ein Spiel, das er "Klecksografie" nannte: Man nehme Farbe oder Tinte, tropfe sie auf ein Blatt, falte es in der Mitte zusammen, solange die Farbe feucht ist – voilà, ein Schmetterling, eine Fledermaus, zwei Gesichter. Oder doch ein zermatschter Käfer, ein verrottender Baumstumpf, zwei kranke Lungenflügel?

Rorschach, den seine Jugendfreunde "Klecks" nannten, wollte erst Künstler werden, studierte dann Medizin in Zürich, Bern und Berlin und wurde Psychiater. 1912 promovierte Rorschach; er gründete die Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse mit, wurde ihr Vizepräsident.
 Die nach ihm benannte Methode hat Rorschach gar nicht erfunden – er entdeckte sie bei einem Schweizer Kollegen. Szyman Hens veröffentlichte 1917 eine Doktorarbeit über seine Versuche, die Fantasie von Probanden mithilfe von Farbflecken zu untersuchen.

Rorschach übernahm die Idee nonchalant. Fünf farbige und fünf schwarz-weiße Tafeln legte er 300 Patienten psychiatrischer Kliniken und 100 als gesund geltenden Menschen vor. Die Bilder wurden – und werden bis heute – in festgelegter Reihenfolge den Probanden gezeigt, die sie beliebig drehen dürfen. Der Frage "Was könnte das sein?" folgt der Hinweis, dass es keine richtigen oder falschen Antworten gibt. Der Psychiater beobachtet auch, wie der Proband mit den Tafeln umgeht. Dann zeigt er sie ein zweites Mal und fragt nach, zum Beispiel, welche Teile der Flecken den Patienten zu seiner Interpretation veranlassen.

Rorschach fasste seine Beobachtungen in Zahlen. Wie oft etwa ein Proband eine Tafel nach ihrer Form deutete, ergab den F-Wert, wie oft er mehr auf die Farbe achtete, den Fb-Wert, und wie oft er eine Bewegung sah, den B-Wert. Interpretierte er die Tafel als Ganze – G-Wert – oder anhand eines Details - D-Wert? Sah er Tiere (T) oder Menschen (M)? Welcher Anteil der Deutungen wich von den statistisch häufigen ab (Orig%)?

Aus hohen F-Werten las Rorschach Intelligenz und (oft zwanghafte) Genauigkeit, geringe B-Werte konnten eine Depression bedeuten. Er verknüpfte die Werte rechnerisch: D minus G ergab den "Erfassungstyp", B geteilt durch F den "Erlebnistyp".

Für sein Hauptwerk Psychodiagnostik fand Rorschach zunächst keinen Verleger. Erst 1921 wurde es veröffentlicht und fand ein skeptisches Echo. Im Jahr darauf starb Rorschach mit 37 Jahren an einer Bauchfellentzüdung, weil er mit entzündetem Blinddarm nicht zum Arzt ging.