Wettlauf am Südpol Vivian Fuchs – der Bezwinger der Antarktis
1959 gelang dem britischen Geologen Vivian Fuchs die erste Antarktis-Durchquerung. Sir Edmund Hillary, sein Partner, erwies sich als Rivale. Ein Rückblick zu Fuchs' zehntem Todestag.
© Rodrigo Arangua/AFP/Getty Images

Eiskalt: Sir Vivian Fuchs durchquerte als Erster die Antarktis
Eis. Wind. Kälte. Der Südpol liegt rund 3200 Meter hoch auf dem Polarplateau, einer flachen, gleichförmigen weißen Wüste. Nichts bietet Schutz vor dem ewigen Wind. Die wärmste Temperatur, die hier je gemessen wurde, betrug minus 14 Grad Celsius. Die tiefste lag bei minus 83 Grad. Nicht einmal Bakterien leben hier.

Vivian Ernest Fuchs wurde am 11. Februar 1908 in England geboren. 1929 begab sich der Geologe erstmals ins Eis und ging auf eine Grönland-Reise. Die dreißiger Jahre hingegen verbrachte Fuchs größtenteils auf mehreren Afrika-Expeditionen. Vom 24. November 1957 bis zum 2. März 1958 durchquerte er als Erster die Antarktis. Danach erhob ihn Königin Elizabeth dafür in den Ritterstand. Zudem wurde er der Direktor des Polarforschungsinstituts British Antarctic Survey; dieses Amt hatte er bis 1973 inne. Von 1982 bis 1984 war er Präsident der Royal Geographical Society. Sir Vivian Ernest Fuchs starb am 11. November 1999.
In dieser unwirtlichen Gegend begrüßt am 19. Januar 1958 ein Gentleman einen anderen: "Hullo Bunny", sagt Sir Edmund Hillary. "Verdammt froh, dich zu sehen, Ed", antwortet Vivian Fuchs. Der Brite trägt seit Studententagen den Spitznamen Bunny, "Häschen", trotz seiner gut 1,85 Meter Körpergröße. Das bärtige Gesicht mit den markanten Augenbrauen erinnert an Sean Connery.
Fuchs will als erster die Antarktis auf dem Landweg durchqueren; der Neuseeländer Hillary leitet sein Unterstützungsteam. Die Commonwealth Trans-Antarctic Expedition (CTAE) ist die letzte der großen Antarktis-Expeditionen. Sie ist zwar erst die dritte Gruppe, die den Südpol auf dem Landweg erreicht (nach Roald Amundsen 1911 und Robert F. Scott 1912). Aber der Pol ist nicht mehr einsam: Die US-Amerikaner sind mit Flugzeugen hier gelandet und haben die Scott-Amundsen-Basis errichtet.
Mit den halsbrecherischen Abenteuern Scotts, der nicht vom Pol zurückkehrte, hat die CTAE wenig gemein. Privat organisiert, aber von zahlreichen Ländern, Firmen und Forschungsinstituten des britischen Commonwealth unterstützt, ist sie minutiös vorbereitet und logistisch ausgeklügelt. Ihr Budget beträgt nach heutigen Maßstäben mehr als zehn Millionen Euro.
Die Männer sind gut ausgerüstet – dennoch friert ihr Schiff im Packeis ein
Doch die Antarktis ist nicht käuflich: Fuchs friert im Eis ein. Er ist auf dem Schiff Theron mit einer Vorhut unterwegs in die Weddell-See. Sie soll dort im antarktischen Sommer 1955/1956 eine nach dem Polarforscher Ernest Shackleton benannte Basisstation errichten. Der Name entpuppt sich als schlechtes Omen; die Theron friert wie Shackletons Endurance 1914 im Packeis fest.
Das Schiff kommt wieder frei, schwer beschädigt, doch kostbare Zeit ist verloren. Es wird schon kalt und windig, als die acht Männer der Vorhut die Shackleton-Basis bauen, die Arbeit geht langsam voran. Nur das Skelett der Hütte steht, als ein Blizzard losbricht. Bei minus 20 Grad kauern die Männer in einem Verschlag oder suchen in den vier Zelten Schutz vor den geschossgleichen Eiskristallen.
Als der Schneesturm sich nach mehr als einer Woche legt, ist das Baumaterial unter meterdicken Schichten aus Schnee und Eis vergraben. Vorräte, auf dem Packeis der Bucht gelagert, sind versunken, Lebensmittel, Treibstoff, ein Traktor. Die acht Männer graben sich durch den Schnee zu den Kisten. Die Hütte wird fertig – mit einem Loch im Dach: Ein Bauteil bleibt verschollen.
Die Vorhut kundschaftet den Weg Richtung Pol aus. Fuchs plant denselben Kurs, an dem vor ihm Shackleton und 1911 der Deutsche Wilhelm Filchner gescheitert sind: vom Weddell- zum Ross-Meer, über die schmalste Stelle des Weißen Kontinents. Im McMurdo-Sund im Ross-Meer errichtet Hillarys neuseeländisches Unterstützungsteam die Scott-Basis.
Mit Flugzeugen und Pistenraupen kämpfen sie sich durchs Eis
© Central Press/Getty Images

3. März 1958: Der englische Geologe Sir Vivian Fuchs steht neben seinem Sno-Cat-Fahrzeug, mit dem er die Antarktis durchquerte
Fuchs und 19 Männer brechen am 24. November 1957 aus der Shackleton-Basis auf, mit Sno-Cats, einer Art früher Pistenwalze, und Weasel-Kettenfahrzeugen, wie sie im Zweiten Weltkrieg eingesetzt waren. Die schweren Gefährte kommen nur langsam voran, bleiben oft im Schnee stecken. Wo das Packeis auf die Landmasse trifft, ist die Landschaft zerklüftet. Hundeschlitten suchen eine sichere Route über die klaffenden Spalten. Auch Flugzeuge unterstützten die Expedition.
Der antarktische Sommer 1957/58 ist zum Internationalen Geophysikalischen Jahr erklärt worden. Zwölf Nationen beteiligen sich; 55 Stationen entstehen in der Antarktis. Auch Fuchs' Team nimmt seismische und gravimetrische Messungen vor. Sie finden heraus, dass die Eiskappe in der Gegend des Südpols rund 2800 Meter dick ist und dass darunter ein großes Tal liegt.
Hillarys Gruppe legt Depots an der Strecke Richtung Pol an, den sie laut Plan nicht erreichen soll. Doch Hillary, der wohl gern anderen zuvorkommt, bewältigt seine Aufgabe im leichteren Terrain mit umgebauten Ferguson-Traktoren schneller als erwartet. Als alle Depots angelegt sind, eilt er zum Südpol – und erreicht ihn zwei Wochen vor Fuchs, am 5. Januar 1958. Knapp fünf Jahre, nachdem er den Mount Everest als erster bestiegen hat, ist Hillary der dritte Expeditionsleiter am Pol.
Hillary hat sich nicht an die Pläne gehalten und drängt Fuchs auch noch per Funk, die Reise für den schon nahenden Winter zu unterbrechen; er hat ja seinen Erfolg. Fuchs lehnt ab. Die Zeitungen schreiben vom großen Streit am Pol, doch die Begrüßung in der US-Basis, vor eigens eingeflogenen Journalisten, bleibt freundlich. Später spielt Fuchs die Spannungen herunter, lobt Hillarys Arbeit.
Der Rest der Reise über Polarplateau und Skelton-Gletscher geht leichter als erwartet. Nach 99 Tagen und insgesamt 3473 Kilometern erreicht die Expedition am 2. März 1958 die Küste. Noch in der Scott-Basis erfährt Fuchs, das er zum Ritter geschlagen wird. Auch da war Hillary schneller: Er darf sich schon seit seiner Rückkehr vom Everest Sir Edmund nennen.
- Datum 11.11.2009 - 15:31 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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