100 Jahre Fortschritt Ein Telefon für die Westentasche
Im Jahr 2010 werde jeder Mensch ein Taschentelefon haben, prophezeite Robert Sloss vor 100 Jahren. Seine Vision wurde übertroffen: Heute haben viele sogar mehrere Handys.
© theelectriclowrider/Photocase

Das war einmal. Mittlerweile sind Telefone nicht mehr nur zum Telefonieren da, sondern übernehmen eine Reihe von Aufgaben
"Netz besetzt": Da will man noch während des Feuerwerks per Handy Neujahrsgrüße loswerden – und kommt einfach nicht durch. Kein Wunder, denn zum Jahreswechsel verschicken die Deutschen etwa 300 Millionen SMS, fünfmal so viele wie an einem Durchschnittstag.
Vor 20 Jahren noch waren diese Massen an Mobiltelefonen undenkbar – dabei prophezeite Robert Sloss bereits vor 100 Jahren in einem Aufsatz für das 1910 erschienene Buch Die Welt in 100 Jahren: "Jedermann [wird] sein eigenes Taschentelefon haben, durch welches er sich, mit wem er will, wird verbinden können, einerlei, wo er auch ist." Wer Robert Sloss war, ist nicht genau überliefert; es heißt, er sei ein US-Journalist gewesen. Seine Vision vom "drahtlosen Jahrhundert" jedenfalls wurde Wirklichkeit.
Bereits 1918 gab es den ersten deutschen Mobilfunkdienst, den Seefunkdienst. Hinzu kamen Hafen-, Zug- und Stadtfunkdienste – 1958 wurden sie alle zum ersten nationalen Netz zusammengeschlossen – dem A-Netz. Ein einziges Standardgerät kostete bis zu 15.000 D-Mark, so viel wie damals drei VW-Käfer.
1972 ging das B-Netz in Betrieb: Kein "Fräulein vom Amt" vermittelte die Anrufe mehr, außerdem waren nun auch Mobiltelefone in Österreich und den Niederlanden erreichbar. Fast 27.000 Deutsche nutzen 1986 das B-Netz, als dieses vom C-Netz abgelöst wurde: Von da an war die 0161 die bundesweit einheitliche Vorwahl für Mobiltelefone. Als 1993 rund 850.000 Menschen mobil telefonierten, waren die Kapazitäten des analogen Netzes ausgeschöpft.
Es wurde digitalisiert, der Mobilfunkstandard Global System for Mobile Communications (GSM) eingeführt, das D-Netz aufgebaut. "Selbst als im Sommer 1992 das digitale Netz startete, waren noch einige Experten skeptisch, ob es überhaupt einen Markt für die Mobiltelefone gibt, wer sie braucht, außer vielleicht Ärzten und Managern", sagt der Informatiker Friedemann Mattern von der ETH Zürich, der sich mit Visionen zum Computer- und Informationszeitalter beschäftigt hat.
Doch das Handy wurde zum Selbstläufer. Die Digitalisierung, die technischen Fortschritte in der Mikroelektronik, die Konkurrenz zwischen den Herstellern brachten immer kleinere und preiswertere Geräte hervor. Und während Sloss vom "Taschentelefon für die Westentasche" sprach, erfanden die Deutschen den Begriff "Handy".
Im Jahr 2006 überschritt Deutschland die 100-Prozent-Versorgungsrate: Nun kam rein statistisch auf jeden Einwohner mindestens ein Handy. Laut jüngsten Zahlen der Bundesnetzagentur gab es im ersten Halbjahr 2009 rund 107,2 Millionen Handynutzer. Sie tragen ihren "Empfänger" zwar nicht am Hut, wie Sloss es vorhersagte. Doch die Lebensgewohnheiten wurden tatsächlich wie vermutet "noch weit mehr beeinflusst […], als sie dies schon jetzt durch die Einführung unseres gewöhnlichen Telephons geworden sind". Erreichbar zu sein ist zum Normalzustand geworden. "Das ist verrückt! Immerhin ging es vor fünf Jahren noch ohne", sagt Informatiker Mattern.
Dank UMTS, iPhone und Application ist ein Handy ja längst alles Mögliche: Jukebox und Mailbox, Fotoapparat und Videokamera, Stadtführer und Supermarkt. Was also wird das Handy in 100 Jahren können? "Man kann vielleicht höchstens zehn Jahre vorausschauen", bremst Informatiker Mattern die Erwartungen. Langfristiger ließe sich die technische Entwicklung nicht vorhersagen.

Wie stellten sich Forscher und Visionäre vor 100 Jahren die Welt von heute vor?
Videos ließen sich in Zukunft wohl per Laser vom Handy an eine Wand projizieren. Ob es aber auch Videokonferenzen per Handy geben wird, wie das Informationszentrum Mobilfunk meint? Sloss schrieb bereits 1910, dass es keine zehn Jahre dauern würde, bis man sich problemlos beim Telefonieren auch sehen könne. Doch selbst heute funktioniert die Videotelefonie via Handy noch nicht einwandfrei. "Ich habe diese Funktion fünfmal in insgesamt fünf Jahren genutzt", erzählt Jörg Eberspächer, Telekommunikationswissenschaftler an der TU München. Zwei Probleme gebe es immer wieder: Entweder der Angerufene hat die nötige zweite Kamera nicht in seinem Handy, oder sie sei nicht kompatibel mit dem Gerät des Anrufers.
Vielleicht sollte man sich einfach mal wieder auf den "Stimm-Zeiger" besinnen, den Sloss 1910 beschrieb. Man müsse ihn nur auf die Nummer der gewünschten Person einstellen – und schon klingele es am anderen Ende.
- Datum 28.12.2009 - 16:01 Uhr
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- Serie Zukunftsvisionen
- Quelle ZEIT ONLINE
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Meine Vorhersage für die Kommunikation in 100 Jahren wäre, dass wir dann wieder soweit sind wie zu Zeiten von Sloss ... ein paar findige, begabte unserer Urenkel werden versuchen, aus den Resten unserer untergegangenen technischen Zivilisation Sende- und Empfangsgeräte oder Stromgeneratoren zu basteln, um sich im dann wieder gewachsenen Urwald darüber zu unterhalten, wie weit das Meer inzwischen vorgedrungen ist und wo es jagbares Wild gibt (falls der Golfstrom nicht kollabiert ist, in unseren Breiten dann vermutlich Gazellen und Gnus).
Und die ständige Erreichbarkeit nervt...
Ich verpasse eigetlich die meisten der wenigen Anrufe die ich bekomme...
Weil ich sie nicht bemerke.
Es gibt sicherlich Situationen da sind Mobiltelefone ein Segen - aber überwiegend sind sie eine Plage.
Jetzt liegt wohl auf der Hand, was Einstein damit meinte:
"Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt."
Da stimmt doch was nicht so ganz. Die meisten Menschen haben kein eigenes Telefon und ein paar Milliarden haben nicht einmal Zugang zu einem.
Nicht einmal in Deutschland hat jeder ein Telefon (oder Taschentelefon).
Sicher hat dort nicht jeder ein Handy (in China "nur" jeder dritte, in Indien etwas über 2%, wenn ich das richtig verstehe), aber Zugang haben dann doch relativ viele Leute - es ist gerade in solchen Ländern mit geringer Telefondichte ein Geschäftsmodell, ein solches zu haben, und dann für andere Leute Botschaften durch die Gegend zu funken.
Ständig erreichbar sein ist natürlich auch ein Fluch. Ich schätze an der E-Mail gerade die Asynchronität.
Dass soetwas außer Acht gelassen wird hat, denke ich, einen ganz einfachen Grund. Für die meisten Europäer ist Europa die Welt, vielleicht zählt man noch die USA dazu, Staaten anderer Kontinente werden aber in aller Regel außer Acht gelassen.
Sicher hat dort nicht jeder ein Handy (in China "nur" jeder dritte, in Indien etwas über 2%, wenn ich das richtig verstehe), aber Zugang haben dann doch relativ viele Leute - es ist gerade in solchen Ländern mit geringer Telefondichte ein Geschäftsmodell, ein solches zu haben, und dann für andere Leute Botschaften durch die Gegend zu funken.
Ständig erreichbar sein ist natürlich auch ein Fluch. Ich schätze an der E-Mail gerade die Asynchronität.
Dass soetwas außer Acht gelassen wird hat, denke ich, einen ganz einfachen Grund. Für die meisten Europäer ist Europa die Welt, vielleicht zählt man noch die USA dazu, Staaten anderer Kontinente werden aber in aller Regel außer Acht gelassen.
Sicher hat dort nicht jeder ein Handy (in China "nur" jeder dritte, in Indien etwas über 2%, wenn ich das richtig verstehe), aber Zugang haben dann doch relativ viele Leute - es ist gerade in solchen Ländern mit geringer Telefondichte ein Geschäftsmodell, ein solches zu haben, und dann für andere Leute Botschaften durch die Gegend zu funken.
Ständig erreichbar sein ist natürlich auch ein Fluch. Ich schätze an der E-Mail gerade die Asynchronität.
Dass soetwas außer Acht gelassen wird hat, denke ich, einen ganz einfachen Grund. Für die meisten Europäer ist Europa die Welt, vielleicht zählt man noch die USA dazu, Staaten anderer Kontinente werden aber in aller Regel außer Acht gelassen.
Würde ich Hut tragen, dann hätte der ein Headset eingebaut.
Wer sich gerne mittlerweile überholte Visionen durchliest, dem empfehle ich die Bücher von Hans Dominik.
Dieser geniale Techniker war mit seinen Gedanken sehr weit voraus und musste darunter leiden, das seine Romane als Schund abgetan wurden.
Heutzutage sind allerdings viele dieser Ideen verwirklicht und gehören zum Alltag.
Besonders zu empfehlen ist der Wettflug der Nationen, Atomgewicht 500 und Land aus Feuer und Wasser.
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