Die tödliche Wolke kommt im Dunkeln. Seit kurz nach Mitternacht entweichen in der Nacht zum 3. Dezember 1984 stundenlang fast 40 Tonnen Gift aus der Pestizidfabrik des US-Konzerns Union Carbide im indischen Bhopal. Die Fabrik liegt mitten im Armutsviertel der zentralindischen Stadt. Das Giftgas verätzt die Haut, die Augen, die Lungen, innere Organe, die Schleimhäute. Allein in den ersten drei Tagen nach dem Unglück sterben rund 8000 Menschen.

"Um 1.20 Uhr in der Nacht war auf einmal Panik. Menschen schrien. Meine Lungen brannten wie Feuer, meine Augen schwollen zu. Ich packte zwei meiner Kinder und rannte los. Dann brach ich bewusstlos zusammen." So erinnert sich Mohammed Sultan an das Unglück, 25 Jahre nach dem schlimmsten Chemieunglück der Geschichte.

Meine Lungen brannten wie Feuer, meine Augen schwollen zu. Ich packte zwei meiner Kinder und rannte los
Mohammed Sultan, Überlebender

Ausgelöst wird die Katastrophe durch Wasser, das in einen Tank für Methylisocyanat eindringt. Bis heute ist ungeklärt, ob Arbeiter eine Wasser- mit einer Stickstoffleitung verwechselten, Ventile leck waren oder jemand absichtlich Wasser einleitete. Union Carbide bevorzugt die Sabotage-These – sie verringert die Verantwortung des Unternehmens.

Weil das Wasser mit dem Methylisocyanat zu Kohlenstoffdioxid reagiert, steigt der Druck im Tank. Mitarbeiter riechen Gas, wollen ihre Schichtleiter alarmieren. Doch die sind offenbar allesamt in einer Teepause. Überdruckventile öffnen sich, 24 Tonnen hochgiftiges Methylisocyanat und mindestens zwölf Tonnen weiterer Chemikalien, Reaktionsprodukte des Tankinhalts, strömen in einer Wolke dicht über dem Boden in die Stadt.

Die Gesamtzahl der Todesopfer schätzen Hilfsorganisationen auf bis zu 25.000. Rund 500.000 Menschen sollen das Gas eingeatmet haben, auf 100.000 wird die Zahl derer geschätzt, die mit chronischen Krankheiten überlebten. Sie haben Hirnschäden, Lähmungen, Lungenödeme, Herz-, Magen-, Nieren- und Leberschäden, sind blind oder unfruchtbar. Eine große indische Studie über die Folgen wurde 1994 abgebrochen, die Resultate wurden nie veröffentlicht.

Die 1977 gegründete Fabrik in Bhopal betrieb Union Carbide India Limited (UCIL), die zu 50,9 Prozent Union Carbide gehörte, den Rest hielten der indische Staat, Finanzinstitute und Privatinvestoren. UCIL produzierte in Bhopal das Schädlingsbekämpfungsmittel Sevin. Weil Verkauf und Gewinne  in den achtziger Jahren sanken, sparte der Produzent, entließ Personal, senkte die Sicherheitsstandards. Gleichzeitig wuchs die Bevölkerung der Region Bhopal binnen 20 Jahren von rund 100.000 auf mehr als 670.000 Einwohner – ein schlechter Standort für eine Chemiefabrik, aber gut für einen Konzern auf der Suche nach billigen Arbeitskräften.

Union Carbide kaufte sich für 470 Millionen Dollar von allen Schadenersatzforderungen frei; 1989 bestätigte das Oberste Gericht Indiens dieses Ergebnis. Bis heute hat der indische Staat das Geld offenbar nicht komplett ausbezahlt. Die Opfer bekamen Summen, mit denen sie mit etwas Glück ein paar Monate lang Medikamente und Arztrechnungen bezahlen konnten.