Das Ende der Ceauşescu-Herrschaft : Die blutigste Episode der Wendezeit

Die Diktatur in Rumänien war die brutalste im Ostblock. Vor 20 Jahren begann der kurze und blutige Aufstand gegen Nicolae Ceauşescu. Weihnachten wurde er hingerichtet.
Bukarest, Heiligabend 1989: Demonstranten verschanzen sich hinter einem Panzer. Sie liefern sich Schussgefechte mit den Regime-treuen Securitate-Agenten © Joel Robine/AFP/Getty Images

1989. In der Sowjetunion herrscht Tauwetter. Die Ungarn zerschneiden den Eisernen Vorhang. Die Polen wählen ein Parlament, in Berlin fällt die Mauer – und Rumänien ächzt unter der Herrschaft Nicolae Ceauşescus. Unangefochten regiert das "Genie der Karpaten", der "Conducător" (Führer), wie er sich nennen lässt. 22 Jahre lang. Bis zum Dezember 1989.

Der Aufstand beginnt in Timişoara, der zweitgrößten Stadt Rumäniens. Die vielen ethnischen Ungarn hier im Banat nennen die Stadt Temesvár, die Deutschen Temeschwar oder Temeschburg. László Tőkés, Pastor der Ungarischen Reformierten Kirche von Temesvár, wagt es, über die Diskriminierung der ungarischen Minderheit zu predigen, über die Armut, die von Ceauşescu geplante Landreform, der tausende Dörfer zum Opfer fallen sollen.

Der Bischof hat dem aufmüpfigen Pastor ein Ultimatum gesetzt: Bis Freitag, 15. Dezember, soll er in ein abgelegenes Dorf in Siebenbürgen umziehen. Tőkés will nicht gehen. An diesem Freitag versammeln sich Gläubige vor dem Block mit dem Gebetsraum der Gemeinde und der Wohnung des Pastors. Bis zum Abend sind es mehr als tausend. Unter den Augen der Geheimpolizei Securitate singen sie Kirchenlieder, zünden Kerzen an. Securitate-Polizisten knüppeln die Menge auseinander. Rund 150 bleiben als Nachtwache.

Am nächsten Morgen kommen mehr Menschen, auch Rumänen, Deutsche und Serben. Jetzt singen sie das verbotene Revolutionslied von 1848, "Erwache, Rumänien." Heute ist es die Nationalhymne. Die Menge zieht auf den Opernplatz im Zentrum, ruft "Nieder mit Ceauşescu!" Am Abend, nach Schichtende, kommen viele Arbeiter hinzu. Läden werden aufgebrochen, Bücher Ceauşescus zerstört.

In der Nacht rücken Wasserwerfer an. Grenztruppen und Securitate jagen Demonstranten, verprügeln sie, verhaften hunderte. Pfarrer Tőkés wird aus seiner Kirche verschleppt, zusammengeschlagen, nach Siebenbürgen gebracht. Am Morgen herrscht wieder Ruhe.

Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Denn es ist Sonntag, und die Einwohner Timişoaras vermissen den Pastor. Sie befürchten, er sei tot, und stürmen die Zentrale der Kommunistischen Partei. Grenztruppen feuern in die Menge. Mindestens 50 Menschen sterben, darunter zwei Arbeiterkinder. Die Arbeiter wollen wissen, wer sie auf dem Gewissen hat, treten in Streik. Panzer fahren auf. Die Lage ist gespannt. Ministerpräsident Constantin Dăscălescu kommt am Dienstag, will verhandeln. Vergeblich: Er flieht durch einen Hintereingang aus der besetzten Parteizentrale.

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Kommentare

5 Kommentare Kommentieren

Gewalttätige Revolutionen

Der Sturz Ceauşescus und die Art, wie er durchgeführt wurde sind für mich ein weiterer Beleg, dass bei Revolutionen, in denen durch Gewalt der Diktator abgesetzt wird und dann hingerichtet wird, Leute mit der gleichen moralischen Einstellung folgen und sich gleich verhalten, wie der Diktator, den sie umgebracht haben.
Ich persönlich hatte mit dem rumänischen Konsulat in Mailand zu tun und kann die dortigen Verantwortlichen Angestellten nur als unerträglich klassiefizieren.
Meine Frau (die aus der Republik Moldau stammt) hat letztes Jahr ihre Tochter in Bucarest abgeholt. Als sie eines der Dokumente nicht gleich fand, hat sie der militärisch auftretende Grenzer von der rumänischen Polizei angeschrien, sie als Hure und was weiss ich bezeichnet. Ich war nicht vor Ort, weil ich mich während der 3 Tage um unsere erst 3 Monate alte Tochter zu Hause kümmerte. Es war wahrscheinlich besser denn ich weiss nicht, was ich diesem ... geantwortet hätte, mindestens hätte ich aber darauf bestanden, die deutsche Botschaft zu kontaktieren.
Sie hat mir dann das Verhalten des Grenz... (das Wort, das mir durch den Kopf geht schreibe ich nicht, um berechtigte (!) Zensuren zu vermeiden) geschildert und sowohl in Deutschen als auch in Italienischen Behörden würde solch ein Subjekt vom Dienst suspendiert und vor ein Gericht gestellt.
In Rumänien sind solche Leute in öffentlichen Ämtern an der Tagesordnung. Die EU sollte Rumänien zu Aufräumarbeiten zwingen. Und zwar schnell.

im dienste ihrer doppelmoralität

Werter Journalist,

ich, als Rumänin die die Revolution mitgemacht hat, und keine Verbindungen mit der Armee oder weiß ich was gehabt hat, und ich als in Deutschland promovierte Sozialwissenschaftlerin (die freilich Deutschland verlassen hat) finde viele Gründe, Ihre jurnalistische Aufrichtigkeit in dieser Sache zu bezweifeln.
Der Kommentar des deutschen Michels oben ist dann nur Normalität des Identitätswahn, eine Identität die nur sich selbst bestätigt sehen kann, und des kontinuierlichen neoliberales Bashing: Wirtschaft/Finanz gleich Kultur/Mentalität (nach Kriterien die 'wir', nicht 'die', erfunden haben). Erschreckend simplistisch. Ewig mit gehobenem Zeigefinger... Haben Sie den Artikel über Datenspeicherung in der EU, oben in der online-edition, in eigener Zeitung, gelesen? Wie ist mit dem Finanzamt-Skandal in Hessen? Wie ist mit der 'Kundus-Affäre'? Mit Milliarden für Banken und Bankiers? Oder mit Leute wie Edmund Metzger, die jahlrelang nach Kriegsende wie Gott in Frankreich, aber doch in Deutschland, gelebt haben? etc etc. Wissen Sie, andere können es auch, den Zeigefinger heben, es ist doch so einfach....

gruß,

Verstehe nicht

was Sie damit sagen wollen??? Ist und war alles gerecht in Rumänien - nein! Ist und war alles gerecht in Dt. -nein! Das Deutschland genauso Vetternwirtschaft betreibt, alte Nazigrößen in den Ämtern weitergefeiert haben, steht doch auch außer Frage. Vielleicht könnte man der Zeit ankreiden, dass sie manchmal nicht direkt genug auf die eigenen Mißstände im Land eingeht(oder nicht darf). Trotzdem ist doch der Artikel kein Rumänien Bashing, oder empfinden Sie das tatsächlich so?Journalistische Aufrichtigkeit?Verstehe ich nicht. Sie lieben Ihr Land und kennen sich wahrscheinlich gut aus(auch wenn Sie damals dabei waren) doch Mißstände, und es ist nunmal FAKT, das die derzeitige Regierung Rumäniens große Mißstände hat. Deutschland ist nicht der Musterknabe, wie er sich immer darstellt, aber die Auswirkungen auf die Bevölkerung ist nicht so stark wie in Rumänien.
LG

Temeswar - nicht Temeschwar und nicht Temeschburg

Nur eine kleine Korrektur:

"Die vielen ethnischen Ungarn hier im Banat nennen die Stadt Temesvár, die Deutschen Temeschwar oder Temeschburg".

Die Deutschen, die im Banat leben/lebten, sprechen und sprachen von Temeswar - _nicht_ Temeschwar und nicht Temeschburg. Wenn jemand über Temeschburg oder Temeschwar spricht, hat er sich wohl sofort als 'Aussenstehender' oder 'Obagschaita' ge-outet; ein Temeswarer - wie auch ein Banater - spricht von Temeswar.

So erlebt und nie anders - als neben Temeswar Aufgewachsener klingt mir alles außer Temeswar (auf Deutsch) fremd, es kratzt im Ohr.

Zum eigentlichen Thema - das haben sie so insgesamt wohl schon ganz gut zusammengefasst.

Liebe Zeit-Leute, macht's weiterhin gut - und lasst "Die Zeit" weiterleben!

Kleine Korrektur zur "kleinen Korrektur" ;)

Das ist so nicht korrekt! Ich bin in Temeschburg geboren und im Großraum Temeschwar aufgewachsen!
Und diese deutsche Bezeichnung nutzten viele Schwowe, die weder "Außenstehende" noch "Obagschaita"(bissle arg bairisch) bzw. Owwrgscheiti waren.
Zur deutschen Siedlungszeit hieß die Stadt Temeschburg... davor und nach dem Ausgleich mit Ungarn eben die magyarisierte Form: Temeswar/Temesvar.
Ebenso ist Temeschwar richtig. Es war immer abhängig auch aus welchem Dorf man kam... dementsprechend variierten die Namen für Temeschburg. "Die Zeit" hat in diesem Fall ihre Arbeit definitiv richtig gemacht! Es gibt eben nicht immer nur eine Wahrheit!