Manchmal sind es die Konservativen, die eine Gesellschaft am meisten verändern. Manchmal sind es die Kriegstreiber, die wie aus Versehen den Frieden erreichen. Und oft ist es schwer zu sagen, was gewesen wäre wenn... es zum Beispiel den Nato-Doppelbeschluss nicht gegeben hätte.

Nehmen wir Helmut Schmidt. Der Sozialdemokrat war nie ein Träumer: Wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen, findet er. Die Konfrontation des Kalten Krieges sah der Ex-Verteidigungsminister, der 1974 Bundeskanzler wurde, als nüchterner Stratege. Als Mitte der siebziger Jahre die Sowjetunion ihre auf Westeuropa gerichteten atomaren Mittelstreckenwaffen durch moderne SS-20-Raketen ersetzte, glaubte er das Gleichgewicht in Europa in Gefahr.

Also hielt Schmidt 1977 eine Brandrede im Londoner International Institute for Strategic Studies. Am 12. Dezember 1979 verabschiedeten die Außen- und Verteidigungsminister des Nordatlantikpaktes in Brüssel den Nato-Doppelbeschluss. Er sah Abrüstungsverhandlungen mit der Sowjetunion vor, aber auch eine Drohung: Sollten sie keinen Erfolg zeitigen, wollten die USA nach vier Jahren – also Ende 1983 – ebenfalls atomare Mittelstreckenraketen vom Typ Pershing II in Europa stationieren. Das war die Logik der Abschreckung, des Muskelspiels im Kalten Krieg.

Viele in Europa sahen in dieser Logik eine große Gefahr. Deutschland war prädestiniert als Schlachtfeld eines Atomkrieges: "Fulda Gap", die Lücke zwischen Thüringer Wald und Harz, sei das erste Ziel russischer Panzer, hieß es. Die Nato plante, sie mit einem "begrenzten Atomschlag" zu stoppen – die Pazifisten sprachen von "Euroshima". Die Friedensbewegung, aus den Schrecken der Weltkriege entstanden, in den fünfziger Jahren geschrumpft, wuchs binnen Monaten rasant an.