Nato-Doppelbeschluss Als der Kalte Krieg auftaute
Vor 30 Jahren fiel der Nato-Doppelbeschluss: Ohne ihn hätte es keine Friedensbewegung gegeben und keine grüne Partei – und vielleicht gäbe es die Sowjetunion heute noch.
© Heinz Wieseler/dpa

Nach den Nato-Doppelbeschluss zur "Nachrüstung" mit Atomraketen demonstrierten Hunderttausende gegen die beabsichtigte Stationierung amerikanischer Pershing-II-Mittelstreckenraketen und Cruise Missiles auf deutschem Boden. Diese Bundeswehrsoldaten nahmen trotz Verbots an einer Großkundgebung in Bonn in Uniform teil
Manchmal sind es die Konservativen, die eine Gesellschaft am meisten verändern. Manchmal sind es die Kriegstreiber, die wie aus Versehen den Frieden erreichen. Und oft ist es schwer zu sagen, was gewesen wäre wenn... es zum Beispiel den Nato-Doppelbeschluss nicht gegeben hätte.
Nehmen wir Helmut Schmidt. Der Sozialdemokrat war nie ein Träumer: Wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen, findet er. Die Konfrontation des Kalten Krieges sah der Ex-Verteidigungsminister, der 1974 Bundeskanzler wurde, als nüchterner Stratege. Als Mitte der siebziger Jahre die Sowjetunion ihre auf Westeuropa gerichteten atomaren Mittelstreckenwaffen durch moderne SS-20-Raketen ersetzte, glaubte er das Gleichgewicht in Europa in Gefahr.
Also hielt Schmidt 1977 eine Brandrede im Londoner International Institute for Strategic Studies. Am 12. Dezember 1979 verabschiedeten die Außen- und Verteidigungsminister des Nordatlantikpaktes in Brüssel den Nato-Doppelbeschluss. Er sah Abrüstungsverhandlungen mit der Sowjetunion vor, aber auch eine Drohung: Sollten sie keinen Erfolg zeitigen, wollten die USA nach vier Jahren – also Ende 1983 – ebenfalls atomare Mittelstreckenraketen vom Typ Pershing II in Europa stationieren. Das war die Logik der Abschreckung, des Muskelspiels im Kalten Krieg.
- Atomwaffen in Deutschland
In Westdeutschland stationierten die US-Streitkräfte seit Herbst 1953 Atomwaffen, zeitweise an rund 100 Standorten in der gesamten Bundesrepublik mit Ausnahme von Berlin. Die nukleare Munition war für unterschiedliche Waffen vorgesehen, darunter Atomgranaten, Raketen, Jagdbomber und Marschflugkörper. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde sie nach und nach abgezogen, aber auch heute befinden sich noch rund 20 Wasserstoffbomben auf dem Fliegerhorst Büchel in der Eifel.
- Adenauers Pershing
Kanzler Konrad Adenauer (CDU) wollte auf seinem Nato-Kurs unbedingt die "nukleare Teilhabe". Mitte der sechziger Jahre bekam die Bundeswehr 79 Pershing-IA-Raketen. Weil die Bundesrepublik aber keine nuklearen Waffen besitzen durfte, blieben die Sprengköpfe unter US-Zugriff. 1987 verzichtete die Bundesregierung auf die Raketen, um den Washingtoner Abrüstungsvertrag zu ermöglichen.
- Mobile Waffen
Die Nato-Strategie sah vor, dass die seit 1983 in Südwestdeutschland stationierten Mittelstreckenraketen auch auf mobilen Abschussrampen per Sattelschlepper bewegt wurden. Tagsüber versteckten sie sich in den Wäldern auf der Schwäbischen Alb und im Schwäbisch-Fränkischen Wald. Immer wieder kam es zu Verkehrsunfällen. Bei Heilbronn starben am 11. Januar 1985 drei Menschen, als eine Treibstufe einer Pershing explodierte.
- Mutlangen
Auf der Mutlanger Heide am Ortsrand von Mutlangen befand sich das zentrale Depot für die Pershing-Raketen, die einer US-Einheit im nahen in der Nähe von Schwäbisch Gmünd unterstanden. Immer wieder hielten Atomwaffengegner hier „Friedenscamps“ ab und blockierten die Zufahrt zum Depot. Die Urteile gegen fast 3000 Blockierer wegen Nötigung hob das Bundesverfassungsgericht später auf. Das Gelände des ehemaligen Atomwaffenlagers ist heute Neubaugebiet.
Viele in Europa sahen in dieser Logik eine große Gefahr. Deutschland war prädestiniert als Schlachtfeld eines Atomkrieges: "Fulda Gap", die Lücke zwischen Thüringer Wald und Harz, sei das erste Ziel russischer Panzer, hieß es. Die Nato plante, sie mit einem "begrenzten Atomschlag" zu stoppen – die Pazifisten sprachen von "Euroshima". Die Friedensbewegung, aus den Schrecken der Weltkriege entstanden, in den fünfziger Jahren geschrumpft, wuchs binnen Monaten rasant an.
Das Kalkül der Nato, die Sowjets an den Verhandlungstisch zu zwingen, ging nicht auf; der Kalte Krieg wurde noch ein paar Grad kälter. Am 24. Dezember 1979 marschierten sowjetische Truppen in Afghanistan ein. Warschauer Pakt und Nato modernisierten ihre Waffensysteme. Die 1981 gewählte US-Regierung Ronald Reagans war an Verhandlungen wenig interessiert. Der Präsident stand dem nahe, was man damals den Militärisch-Industriellen Komplex nannte: jenem Geflecht aus Verteidigungsapparat und Rüstungskonzernen, das an Krieg und Aufrüstung gut verdient.
Erst am 30. November 1981 bequemten USA und UdSSR sich zu Verhandlungen nach Genf. Im Juli 1982 verabredeten die Unterhändler Paul Nitze und Yuli Kvitsinsky auf einem Waldspaziergang die Abrüstung sämtlicher Mittelstreckenraketen in Europa – doch Moskau und Washington lehnten ab.
Die Friedensbewegung quittierte die Lage mit Sprüchen wie "Make Love Not War", "Petting statt Pershing", "Schießt dem Reagan ohne Eil / die Pershing II ins Hinterteil". Sie fand Anhänger selbst in bürgerlichen Kreisen, in Kirchengruppen und unter Soldaten. Am 22. Oktober 1983 demonstrierte eine halbe Million Menschen im Bonner Hofgarten für Frieden und Abrüstung, zusammen mit Kundgebungen anderswo in der Republik setzten sich an diesem Tag rund 1,3 Millionen Menschen gegen Atomwaffen ein.
Auf dem Nährboden der Großdemonstrationen, Menschenketten und Sitzblockaden keimte eine neue Partei: Die Grünen wuchsen zur vierten politischen Kraft Westdeutschlands und brachten dauerhaft neue Themen in die Parlamente. Der wertkonservative Kanzler Schmidt musste zusehen, wie seine sozialliberale Koalition zerbrach. Der neue Kanzler Helmut Kohl (CDU) sagte in seiner Regierungserklärung: Nur wenn die Sowjetunion wisse, "dass sie mit einer Stationierung amerikanischer Systeme ab Ende 1983 in Europa fest rechnen muss, kann mit ihrer Bereitschaft gerechnet werden, zu guten Verhandlungsergebnissen beizutragen."
Kohl hatte falsch gerechnet: Im Herbst 1983 gab es in Genf noch immer kein Ergebnis. Die neue Bonner Regierungsmehrheit stimmte am 22. November 1983 im Bundestag der Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Westdeutschland zu. Einen Tag später brach die Sowjetunion die Gespräche in Genf ab. Die Fronten waren eingefroren, die Skeptiker hatten Recht behalten.
Frieden schaffen ohne Waffen: Das ist ein verständlicher Wunsch, ein schöner Traum, aber er ist vor allem eine lebensgefährliche Illusion. Frieden schaffen nur durch Waffen: Das wäre eine tödliche Verblendung. Frieden schaffen mit immer weniger Waffen: Das ist die Aufgabe unserer Zeit.
Helmut Kohl (CDU) in seiner Regierungserklärung vor dem Deutschen Bundestag, 13. Oktober 1982
Doch wenig später begann ein Prozess, der ein anderes Licht auf den Nato-Doppelbeschluss wirft. In diesem Licht kann man ihn als ersten Schritt sehen auf dem Weg zu Glasnost und Perestroika, zum Zerfall der Sowjetunion und zum Ende des Kalten Krieges. Denn es waren vor allem die durch die Rüstungsspirale in die Höhe getriebenen Kosten des Militärapparats, die die Wirtschaft der UdSSR in die Knie und damit den im März 1985 eingesetzten Staatschef Michail Gorbatschow zu Reformen zwangen.
Im Jahr seines Amtsantritts wurden die Verhandlungen in Genf wieder aufgenommen, die am 8. Dezember 1987 zum Abschluss des Washingtoner Vertrages führten. Beide Seiten verpflichteten sich zur Vernichtung aller Raketen mit Reichweiten zwischen 500 und 5500 Kilometern. Es war der erste Durchbruch im Ringen um Abrüstung; 1991 folgte der Start-Vertrag zur Begrenzung von Atomraketen mit längerer Reichweite. Der Kalte Krieg war aufgetaut – und ausgerechnet die kalten Krieger hatten die Heizung aufgedreht. Das hätte auch schief gehen können.
- Datum 12.12.2009 - 10:23 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Korrekt.
Das hätte es allerdings auch im umgekehrten Fall. (Schon vor 50 Jahren sagt die personifizierte Bombe in einer Karikatur: "Sie sprechen hier stets von dem Frieden. Der Friede, meine Herren, der Friede bin ich.")
Herzlichst Crest
Schmidt und Kohl behielten am Ende Recht. Wer sich was Anderes vormacht, blendet wesentliche Bestandteile der Entwicklung aus.
Die Stationierung der SS20 war ein aggressiver Akt, der mit Verteidungungsoptionen der Sowjetunion nichts zu tun hatte.
Man durfte also völlig zu Recht befürchten, dass ohne passende Reaktion, die russischen Kriegstreiber sich möglicherweise durchgesetzt hätten.
Mit dem Natodoppelbeschluss war das unmöglich geworden, die finanzielle Überforderung der Sowjetunion nicht mehr durch aggressive Akte kompensierbar.
Ein Staat, das westliche Bündnis, kann es sich schlicht nicht leisten, ein militärische Übergewicht eines potentiell feindlichen Staates hinzunehmen, der dieses ggf. nur durch Aggression nach außen aufrechterhalten könnte.
Letztlich reduziert sich die Frage darauf ob das nackte Leben, egal wie, dem Widerstand mit der Option zu sterben der Vorrang einzuräumen ist.
Die Weltgeschichte und auch die deutsche Geschichte hat da ein eindeutiges Urteil gefällt, weil das Beugen gegenüber einer Diktatur am Ende immer noch mehr kostet, als auch der blutige Widerstand. Das galt und gilt selbst für hoffnungslos Unterlegene (siehe Naturvölker, die ohne Widerstand schneller ausgerottet wurden).
H.
Kohl und Schmidt hatten Recht?
Kohl und Schmidt haben Europa an den Rand eines Atomkriegs geführt. Heute ist bekannt, dass die sowjetische Seite die Stationierung der Pershing II als Vorbereitung auf einen nuklearen Erstschlag bewertete und entsprechend hochnervös war. Die Stationierung verkürzte die Vorwarnzeit auf 4-8 Minuten; die Gefahr eines "Atomkriegs aus Versehen" war immens hoch. Vor allem bei der Stabsrahmenübung "Able Archer" im November 1983 standen wir aufgrund der Fehlinterpretationen des KGB kurz vorm 3. Weltkrieg. Ebenso wie die östlichen haben übrigens auch die westlichen Geheimdienste hier völlig versagt und die reale Gefahr nicht erkannt.
Wir hatten unglaubliches Glück. Heute von "nüchterner Strategie" zu sprechen, ist Geschichtsverklärung.
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