Auf dem Nährboden aus Großdemonstrationen, Menschenketten wuchsen die Grünen
Auf dem Nährboden der Großdemonstrationen, Menschenketten und Sitzblockaden keimte eine neue Partei: Die Grünen wuchsen zur vierten politischen Kraft Westdeutschlands und brachten dauerhaft neue Themen in die Parlamente. Der wertkonservative Kanzler Schmidt musste zusehen, wie seine sozialliberale Koalition zerbrach. Der neue Kanzler Helmut Kohl (CDU) sagte in seiner Regierungserklärung: Nur wenn die Sowjetunion wisse, "dass sie mit einer Stationierung amerikanischer Systeme ab Ende 1983 in Europa fest rechnen muss, kann mit ihrer Bereitschaft gerechnet werden, zu guten Verhandlungsergebnissen beizutragen."
Kohl hatte falsch gerechnet: Im Herbst 1983 gab es in Genf noch immer kein Ergebnis. Die neue Bonner Regierungsmehrheit stimmte am 22. November 1983 im Bundestag der Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Westdeutschland zu. Einen Tag später brach die Sowjetunion die Gespräche in Genf ab. Die Fronten waren eingefroren, die Skeptiker hatten Recht behalten.
Frieden schaffen ohne Waffen: Das ist ein verständlicher Wunsch, ein schöner Traum, aber er ist vor allem eine lebensgefährliche Illusion. Frieden schaffen nur durch Waffen: Das wäre eine tödliche Verblendung. Frieden schaffen mit immer weniger Waffen: Das ist die Aufgabe unserer Zeit.
Helmut Kohl (CDU) in seiner Regierungserklärung vor dem Deutschen Bundestag, 13. Oktober 1982
Doch wenig später begann ein Prozess, der ein anderes Licht auf den Nato-Doppelbeschluss wirft. In diesem Licht kann man ihn als ersten Schritt sehen auf dem Weg zu Glasnost und Perestroika, zum Zerfall der Sowjetunion und zum Ende des Kalten Krieges. Denn es waren vor allem die durch die Rüstungsspirale in die Höhe getriebenen Kosten des Militärapparats, die die Wirtschaft der UdSSR in die Knie und damit den im März 1985 eingesetzten Staatschef Michail Gorbatschow zu Reformen zwangen.
Im Jahr seines Amtsantritts wurden die Verhandlungen in Genf wieder aufgenommen, die am 8. Dezember 1987 zum Abschluss des Washingtoner Vertrages führten. Beide Seiten verpflichteten sich zur Vernichtung aller Raketen mit Reichweiten zwischen 500 und 5500 Kilometern. Es war der erste Durchbruch im Ringen um Abrüstung; 1991 folgte der Start-Vertrag zur Begrenzung von Atomraketen mit längerer Reichweite. Der Kalte Krieg war aufgetaut – und ausgerechnet die kalten Krieger hatten die Heizung aufgedreht. Das hätte auch schief gehen können.
- Datum 12.12.2009 - 10:23 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Korrekt.
Das hätte es allerdings auch im umgekehrten Fall. (Schon vor 50 Jahren sagt die personifizierte Bombe in einer Karikatur: "Sie sprechen hier stets von dem Frieden. Der Friede, meine Herren, der Friede bin ich.")
Herzlichst Crest
Schmidt und Kohl behielten am Ende Recht. Wer sich was Anderes vormacht, blendet wesentliche Bestandteile der Entwicklung aus.
Die Stationierung der SS20 war ein aggressiver Akt, der mit Verteidungungsoptionen der Sowjetunion nichts zu tun hatte.
Man durfte also völlig zu Recht befürchten, dass ohne passende Reaktion, die russischen Kriegstreiber sich möglicherweise durchgesetzt hätten.
Mit dem Natodoppelbeschluss war das unmöglich geworden, die finanzielle Überforderung der Sowjetunion nicht mehr durch aggressive Akte kompensierbar.
Ein Staat, das westliche Bündnis, kann es sich schlicht nicht leisten, ein militärische Übergewicht eines potentiell feindlichen Staates hinzunehmen, der dieses ggf. nur durch Aggression nach außen aufrechterhalten könnte.
Letztlich reduziert sich die Frage darauf ob das nackte Leben, egal wie, dem Widerstand mit der Option zu sterben der Vorrang einzuräumen ist.
Die Weltgeschichte und auch die deutsche Geschichte hat da ein eindeutiges Urteil gefällt, weil das Beugen gegenüber einer Diktatur am Ende immer noch mehr kostet, als auch der blutige Widerstand. Das galt und gilt selbst für hoffnungslos Unterlegene (siehe Naturvölker, die ohne Widerstand schneller ausgerottet wurden).
H.
Kohl und Schmidt hatten Recht?
Kohl und Schmidt haben Europa an den Rand eines Atomkriegs geführt. Heute ist bekannt, dass die sowjetische Seite die Stationierung der Pershing II als Vorbereitung auf einen nuklearen Erstschlag bewertete und entsprechend hochnervös war. Die Stationierung verkürzte die Vorwarnzeit auf 4-8 Minuten; die Gefahr eines "Atomkriegs aus Versehen" war immens hoch. Vor allem bei der Stabsrahmenübung "Able Archer" im November 1983 standen wir aufgrund der Fehlinterpretationen des KGB kurz vorm 3. Weltkrieg. Ebenso wie die östlichen haben übrigens auch die westlichen Geheimdienste hier völlig versagt und die reale Gefahr nicht erkannt.
Wir hatten unglaubliches Glück. Heute von "nüchterner Strategie" zu sprechen, ist Geschichtsverklärung.
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