ChileSpäte Ehrung für Victor Jara

Pinochets Schergen folterten und erschossen ihn. 36 Jahre nach seinem Tod, geben die Chilenen dem Volks- und Protestsänger Victor Jara ein würdiges Begräbnis. von 

Seit Donnerstagabend standen Chilenen Schlange vor dem Victor-Jara-Kulturzentrum in der Hauptstadt Santiago. Sie erwiesen der Stimme ihres Landes die letzte Ehre - einer Stimme, die 1973 verstummte, wenige Tage nach dem Putsch, der das Land in die Diktatur stürzte. Victor Jara wurde, wie Tausende andere Chilenen, am 11. September 1973 verhaftet. Fünf Tage später war er tot.

Jara wird am 28. September 1938 im Süden Chiles geboren. Eine gewöhnliche Kindheit in Südamerika: Hunger, barfuß zur Schule, schlafen auf dem Fußboden. Über ein Priesterseminar findet er zur Musik, spielt Theater und führt Regie. Er singt in Armenvierteln, Universitäten, wird der bekannteste Volkssänger Chiles. Jara heiratet die britische Tänzerin Joan Turner, die er bei einem Ballettabend in Santiago kennenlernt. Die Ehe dauert mehr als zehn Jahre - bis Jara am Tag des Putschs von 1973 verschwindet.

Anzeige

Es sind die USA, von denen an diesem 11. September der Terror ausgeht: Sie stehen hinter dem Putsch des Generals Augusto Pinochet. Kampfjets bomben die demokratisch gewählte Regierung der sozialistischen Unidad Popular aus dem Präsidentenpalast. Präsident Salvador Allende, die Hoffnung Chiles, stirbt, wahrscheinlich von eigener Hand. Eine Militärjunta übernimmt die Macht, Pinochet wird Präsident.

Allein am ersten Tag des Putsches verhaften Soldaten und Polizisten mehr als 2000 Menschen, bis Jahresende sind es schon mehr als 13.000, Sympathisanten der Regierung Allende, der linken Parteien und Gewerkschaften, aber auch Intellektuelle und Künstler.

Victor Jara wird in den ersten Stunden des Putsches mit tausenden anderen ins Nationalstadion von Santiago geschleppt. Sein Verbrechen ist seine Musik: Er ist einer der Begründer der Nueva Cancion, des neuen Liedes. Die oft schlichten, folkloristischen Stücke thematisieren politische Geschehnisse und das Leben der armen Menschen. In „Plegaria a un labrador", Gebet an einen Landarbeiter, singt Jara „erhebe dich", „befreie uns". Sie nennen ihn auch den Che Guevara der Gitarre.

Tagelang wird Jara gefoltert. Es heißt, er habe gesungen, bis man ihm die Hände brach. Einige Tage später wird sein Leichnam gefunden, wahrscheinlich ist Jara am 16. September ermordet worden. Rechtsmediziner stellen 44 Einschüsse fest. Wer gefeuert hat, wird nie geklärt. Am 18. September beerdigt ihn seine Witwe, nur zwei Trauergäste dürfen dabei sein.

In Jaras letztem Gedicht heißt es trotzig: „Unsere Faust wird wieder kämpfen". Seine weiche, sanfte Stimme bleibt mächtig über den Tod hinaus: Er wird zu einem Symbol der Grausamkeit der Pinochet-Diktatur; Jaras Schicksal rührt auch in Europa die Menschen. Viele linke und kirchliche Gruppen solidarisieren sich mit der Opposition in Chile.

Leserkommentare
  1. Bis zum heutigen Tage warte ich auf die Verurteilungen derer, die mit Gewalt in Chile die demokratsche Regierung gestürzt und eines der schlimmsten Nachkriegsregime eingesetzt haben. Es wäre für meine Mutter, die ihre Heimat verlassen musste, eine späte Genugtuung.

    Eine Leserempfehlung
  2. nicht nur die USA machten sich an diesem 11. Sep, schuldig. Auch andere Länder der <em>sogenannten Freien Welt</em> lobten den Diktator, statt die Republik zu verteidigen. Franz Joseph Strauss sagte nach dem Putsch "Angesichts des Chaos, das in Chile geherrscht hat, erhält das Wort Ordnung für die Chilenen plötzlich wieder einen süßen Klang".Bruno Heck, damals Generalsekretär der CDU, schrieb in seinen Untersuchungsbericht <em>Das Leben im Stadion ist bei schönem Wetter ganz angenehm</em>. Wirkliche Hilfe, beispielsweise durch ausschleussen von politisch Verfolgten, gab es in nennenswertem Umfang nur aus dem Osten. Gerade der Osten, dem wir uns hier im Westen moralisch so überlegen fühlten.
    Und so wundert es nicht, dass der Greise Erich Honecker Asyl im zwischenzeitlich wieder demokratischen Chile fand. War es doch die DDR, die vielen Angehörigen der Regierung Allende aufnahm. Und das ist der Grund warum Frau Honecker, noch immer politisches Asyhl geniest. Und auch, warum die Präsidentin Chiles, Michelle Bachelet, in der DDR aufwuchs. Weitere Informationen zum Thema in diesem Artikel http://www.heise.de/tp/r4/artikel/15/15606/1.html

  3. 3. Chile

    ...und in der BDR ist man auf dem rechten Auge blind!!!!!

    • ArthurS
    • 05. Dezember 2009 17:54 Uhr
    4. Genau!

    Ich kann den drei ersten Kommentaren nur zustimmen! Eine Ergänzung will ich noch liefern, da der Artikel die Rolle der "kirchlichen Gruppen" etwas einseitig als contra Diktatur nennt: Die kath. Organisation Opus Dei hat bei der Diktatur kräftig mitgeholfen (Pinochet war ja sooo katholisch) und der Vatikan hatte nach der Verhaftung Pinochets nichts besseres zu tun, als seine Freilassung zu fordern! *grummel*

    Die rechten Brüder halten halt immer zusammen...

    • Azenion
    • 05. Dezember 2009 18:02 Uhr

    Zu erinnern ist auch an Henry Kissinger, der in Deutschland trotz seiner Rolle bei der Putschvorbereitung in Chile noch immer als Ehrenmann hofiert wird.

  4. [ entfernt: Bitte beschränken Sie sich auf das Verlinken längerer Textpassagen. Danke. Die Redaktion/m.e. ]
    http://de.wikipedia.org/w...

    Schade, dass er auswandern musste.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Azenion
    • 05. Dezember 2009 19:38 Uhr

    Stimmt, denn in Deutschland hätte Kissinger wahrscheinlich nicht soviel Unheil anrichten können.

    Ich verstehe nicht recht, warum Sie von Wikipedia ausgerechnet das Kapitel über Kindheit und Jugend zitieren.
    Damals war er unbestrittenerweise noch harmlos.

    "Insbesondere Kissingers Rolle beim Putsch in Chile 1973 sowie eine vermutete Beteiligung an der Operation Condor führte bis heute zu mehreren gerichtlichen Vorladungen in verschiedenen Ländern, denen Kissinger allerdings nie nachgekommen ist."

    Und dann noch Osttimor, wo die Indonesier mit amerikanischem Segen einen souveränen Staat überrollten -- ebenfalls als Maßnahme gegen den "Kommunismus". Folge auch hier: zigtausende Tote.

    "Kissinger bestritt, überhaupt von den Plänen für die Invasion gewusst zu haben, bis durch die US-Behörden aufgrund des Freedom of Information Act freigegebene Dokumente das Gegenteil aufzeigten."

    Kissinger ist ein Lügner und Imperialist der ganz alten Schule.

    Das nur am Rande.

    • Azenion
    • 05. Dezember 2009 19:38 Uhr

    Stimmt, denn in Deutschland hätte Kissinger wahrscheinlich nicht soviel Unheil anrichten können.

    Ich verstehe nicht recht, warum Sie von Wikipedia ausgerechnet das Kapitel über Kindheit und Jugend zitieren.
    Damals war er unbestrittenerweise noch harmlos.

    "Insbesondere Kissingers Rolle beim Putsch in Chile 1973 sowie eine vermutete Beteiligung an der Operation Condor führte bis heute zu mehreren gerichtlichen Vorladungen in verschiedenen Ländern, denen Kissinger allerdings nie nachgekommen ist."

    Und dann noch Osttimor, wo die Indonesier mit amerikanischem Segen einen souveränen Staat überrollten -- ebenfalls als Maßnahme gegen den "Kommunismus". Folge auch hier: zigtausende Tote.

    "Kissinger bestritt, überhaupt von den Plänen für die Invasion gewusst zu haben, bis durch die US-Behörden aufgrund des Freedom of Information Act freigegebene Dokumente das Gegenteil aufzeigten."

    Kissinger ist ein Lügner und Imperialist der ganz alten Schule.

    Das nur am Rande.

    Antwort auf "@ 5 ja schade..."
  5. http://de.wikipedia.org/w...

    und völlig unangebracht.

    Auch das nur am Rande.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service