Seit 4000 Jahren leben die Menschen im Niltal von den Nährstoffen und Mineralien, die der Fluss jeden Sommer aus seinem ostafrikanischen Einzugsgebiet anschwemmt: Das alljährliche Hochwasser lagert Nilschlamm auf den Feldern ab, bewässert und düngt sie. "Kemet" heißt das alte Ägypten, "Schwarzes Land", nach dem saftigen Boden, den der Nil bringt.

Doch der Rhythmus des Flusses birgt Gefahren: Fluten und Dürren, biblische Plagen. In modernen Zeiten wächst die Bevölkerung Ägyptens, die Versorgung wird zu knapp, um die Ernte den Launen des Flusses preiszugeben; die Baumwolle für den Export ist zu wertvoll. Eine Möglichkeit muss her, die Fluten zu regulieren. Einen ersten Staudamm bei Assuan (auch Aswan geschrieben) bauen die britischen Besatzer von 1882 bis 1902. Er ist zu niedrig, um das saisonale Hochwasser zurückzuhalten.

Als die Offiziere um Gamal Abdel Nasser 1952 die Monarchie und den britischen Einfluss beseitigt haben, gehen sie voller Tatendrang auch die Planung eines neuen Dammes an. Nasser spielt die Großmächte gegeneinander aus. Waffen lässt er sich von den Sowjets liefern, dient sich zugleich den USA und den Briten als Führer eines antikommunistischen arabischen Nationalbewusstseins an. Sie sind zu einem Kredit für den Dammbau bereit. Aber Nasser erkennt die Volksrepublik China an und gründet mit dem Jugoslawen Josip Broz Titos und anderen die Konferenz der Blockfreien Staaten. Die USA wollen den Wackelkandidaten disziplinieren, ziehen ihr Angebot zurück.

Nasser verstaatlicht den Suez-Kanal, auch, um den Dammbau zu finanzieren. Aus dem Suez-Krieg von 1956 geht Ägypten zwar als militärischer Verlierer, aber diplomatisch gestärkt hervor; die Sowjetunion gewinnt an Einfluss, die Briten sind endgültig keine Kolonialmacht mehr.

Und so sind es nicht die USA, die Briten oder die Weltbank, die den Assuan-Damm finanzieren, es sind die Sowjets, die Geld, Techniker und Maschinen schicken. Am 9. Januar 1960 beginnt mit einer ersten Sprengung der Bau. Rund 2000 sowjetische Ingenieure und 30.000 Arbeiter sind beteiligt. Mehr als 400 Menschen kommen bei den Arbeiten zu Tode.

Für die Ingenieure des Sowjetischen Hydroprojekt-Instituts ist das 3830 Meter lange Bauwerk ein Prestigeprojekt. Staatschef Nikita Chruschtschow reist 1964 zur Einweihung des ersten Abschnitts an. Im gleichen Jahr beginnt das Befüllen des Stausees – und eine riesige Aktion zur Umsiedlung von Menschen und Bauwerken.

24 jahrhundertealte Monumente werden unter Aufsicht der Unesco abgetragen und oberhalb des Wasserspiegels neu aufgebaut, darunter so berühmte wie Abu Simbel. Zum Lohn für ihre Hilfe erhalten manche Länder gleich ganze Bauwerke: Der Debod-Tempel steht heute in Madrid, der Tempel von Dendur im Metropolitan Museum of Art in New York. Andere, etwa die Festung von Buhen aus dem zweiten Jahrtausend vor Christus, versinken im See.