50 Jahre Assuan-Staudamm Marodes Machtsymbol

Als der Bau vor 50 Jahren begann, war der Assuan-Staudamm ein Symbol für arabische Aufbruchsstimmung, erfolgreiche sowjetische Machtpolitik und den Fortschritt. Heute ist er ein Denkmal für die fatalen Folgen des Glaubens an die Technik.

Der Assuan-Staudamm wurde 1971 fertiggestellt, und der Hochdamm staute den größten menscherzeugten See, der sich über 500 Kilometer erstreckt.

Der Assuan-Staudamm wurde 1971 fertiggestellt, und der Hochdamm staute den größten menscherzeugten See, der sich über 500 Kilometer erstreckt.

Seit 4000 Jahren leben die Menschen im Niltal von den Nährstoffen und Mineralien, die der Fluss jeden Sommer aus seinem ostafrikanischen Einzugsgebiet anschwemmt: Das alljährliche Hochwasser lagert Nilschlamm auf den Feldern ab, bewässert und düngt sie. "Kemet" heißt das alte Ägypten, "Schwarzes Land", nach dem saftigen Boden, den der Nil bringt.

Doch der Rhythmus des Flusses birgt Gefahren: Fluten und Dürren, biblische Plagen. In modernen Zeiten wächst die Bevölkerung Ägyptens, die Versorgung wird zu knapp, um die Ernte den Launen des Flusses preiszugeben; die Baumwolle für den Export ist zu wertvoll. Eine Möglichkeit muss her, die Fluten zu regulieren. Einen ersten Staudamm bei Assuan (auch Aswan geschrieben) bauen die britischen Besatzer von 1882 bis 1902. Er ist zu niedrig, um das saisonale Hochwasser zurückzuhalten.

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Als die Offiziere um Gamal Abdel Nasser 1952 die Monarchie und den britischen Einfluss beseitigt haben, gehen sie voller Tatendrang auch die Planung eines neuen Dammes an. Nasser spielt die Großmächte gegeneinander aus. Waffen lässt er sich von den Sowjets liefern, dient sich zugleich den USA und den Briten als Führer eines antikommunistischen arabischen Nationalbewusstseins an. Sie sind zu einem Kredit für den Dammbau bereit. Aber Nasser erkennt die Volksrepublik China an und gründet mit dem Jugoslawen Josip Broz Titos und anderen die Konferenz der Blockfreien Staaten. Die USA wollen den Wackelkandidaten disziplinieren, ziehen ihr Angebot zurück.

Nasser verstaatlicht den Suez-Kanal, auch, um den Dammbau zu finanzieren. Aus dem Suez-Krieg von 1956 geht Ägypten zwar als militärischer Verlierer, aber diplomatisch gestärkt hervor; die Sowjetunion gewinnt an Einfluss, die Briten sind endgültig keine Kolonialmacht mehr.

Und so sind es nicht die USA, die Briten oder die Weltbank, die den Assuan-Damm finanzieren, es sind die Sowjets, die Geld, Techniker und Maschinen schicken. Am 9. Januar 1960 beginnt mit einer ersten Sprengung der Bau. Rund 2000 sowjetische Ingenieure und 30.000 Arbeiter sind beteiligt. Mehr als 400 Menschen kommen bei den Arbeiten zu Tode.

Für die Ingenieure des Sowjetischen Hydroprojekt-Instituts ist das 3830 Meter lange Bauwerk ein Prestigeprojekt. Staatschef Nikita Chruschtschow reist 1964 zur Einweihung des ersten Abschnitts an. Im gleichen Jahr beginnt das Befüllen des Stausees – und eine riesige Aktion zur Umsiedlung von Menschen und Bauwerken.

24 jahrhundertealte Monumente werden unter Aufsicht der Unesco abgetragen und oberhalb des Wasserspiegels neu aufgebaut, darunter so berühmte wie Abu Simbel. Zum Lohn für ihre Hilfe erhalten manche Länder gleich ganze Bauwerke: Der Debod-Tempel steht heute in Madrid, der Tempel von Dendur im Metropolitan Museum of Art in New York. Andere, etwa die Festung von Buhen aus dem zweiten Jahrtausend vor Christus, versinken im See.

Auch fast 100.000 Menschen werden umgesiedelt. Die meisten sind Nubier. In antiken Ägypten stellte diese Ethnie Generationen von Pharaonen, im modernen sind sie eine Minderheit, die ihre kulturelle Identität mühsam erhält. Mit der Umsiedlung geht sie weitgehend verloren.

Der Staudamm lindert wie geplant die Folgen starker Hochwasser, und an den Dürren etwa der Jahre 1972 und 1983 leidet Ägypten weniger stark als zum Beispiel Somalia. Die zwölf Generatoren des Staudamms liefern 2,1 Gigawatt Strom – zeitweise die Hälfte des ägyptischen Bedarfs. Viele Dörfer bekommen erstmals Elektrizität.

Doch die Nachteile überwiegen bei weitem. Der wichtigste: Der Damm schadet der Landwirtschaft mehr, als er ihr nutzt. Er hält einen großen Teil der wertvollen Schwemmstoffe zurück, der Boden wird weniger fruchtbar. Die Bauern verwenden zum Ausgleich teuren Kunstdünger, der das Ökosystem im Nil gefährdet.

Weil der Wasserstand nicht mehr wie früher stark schwankt und die Salze auswäscht, versalzt der Boden. Das beeinträchtigt die Landwirtschaft und zerfrisst die Fundamente altägyptischer Kulturdenkmäler. An den Rändern des Niltals wächst die Wüste, weil der auf die Felder gewehte Sand nicht mehr weggespült und durch Nilschlamm ersetzt wird.

Der Schlamm fehlt den Fellachen, den ägyptischen Bauern, auch zum Hausbau: Sie brannten einst Ziegel daraus. Jetzt greifen sie auf die in Jahrhunderten aufgeschüttete fruchtbare Bodenschicht zurück. Ohnehin erodiert der Boden, weil die Sedimente fehlen. Sie bleiben im Stausee, der immer kleiner wird.

Profiteure des Damms sind ganz spezielle Tiere: die Egel der Gattung Schistosoma. Sie leben auf Wasserschnecken und verursachen beim Menschen Bilharziose (oder Schistosomiasis), nach der Malaria die gefährlichste Bedrohung in der Region. Früher trockneten die Bewässerungskanäle saisonal aus, die Schnecken und mit ihnen die Egel starben, der Infektionskreislauf war unterbrochen – heute sind die Ägypter ganzjährig gefährdet.

Nasser wolle sich eine Pyramide bauen, lästerten Kritiker schon beim Baubeginn, ein Monument von historischen Dimensionen. Es ist ihm gelungen, aber anders, als er es sich vorgestellt haben dürfte: Der Assuan-Staudamm ist das eindrucksvollste Denkmal des fatalen Fortschrittswahns der sechziger und siebziger Jahre.
 

 
Leser-Kommentare
  1. Bricht der Damm nächstens ein?
    Oder war das nur ein Reflex des Autoren, der das Wort "sowjetisch" nicht schreiben kann ohne das Wort "marode" anzuhängen (warum nicht gleich "Plattenbau"?).

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    Es wirkt nicht mehr wie ein Machtsymbol sondern es erinnert mehr und mehr daran, dass Abdel Nasser mit diesem Bau mehr Plagen als Segen über das Land gebracht hat.
    Daher wird es auch als "Marode" bezeichnet.

    Zum Autor: Ich nehme an, dass sie Auf die Plagen des Pharaos zur Zeit Mose anspielen wollen. Fluten und Dürren sind hier aber keine biblische Plagen, noch nicht mal Plagen biblischen Ausmaßes. (Beispiel: Nilwasser wird zu Blut, Frösche die das ganze Land bedeckten, Stechmücken über ganz Ägypten, Hundsfliegen über ganz Ägypen, außer über Gosen, Viehpest, Geschwüre, Hagel der die Ernte vernichtet,
    Heuschrecken die alles grün auffressen, Drei Tage Finsternis, der Tod aller Erstgeborenen von Mensch und Vieh)

    Es wirkt nicht mehr wie ein Machtsymbol sondern es erinnert mehr und mehr daran, dass Abdel Nasser mit diesem Bau mehr Plagen als Segen über das Land gebracht hat.
    Daher wird es auch als "Marode" bezeichnet.

    Zum Autor: Ich nehme an, dass sie Auf die Plagen des Pharaos zur Zeit Mose anspielen wollen. Fluten und Dürren sind hier aber keine biblische Plagen, noch nicht mal Plagen biblischen Ausmaßes. (Beispiel: Nilwasser wird zu Blut, Frösche die das ganze Land bedeckten, Stechmücken über ganz Ägypten, Hundsfliegen über ganz Ägypen, außer über Gosen, Viehpest, Geschwüre, Hagel der die Ernte vernichtet,
    Heuschrecken die alles grün auffressen, Drei Tage Finsternis, der Tod aller Erstgeborenen von Mensch und Vieh)

    • uman
    • 09.01.2010 um 14:38 Uhr

    steht bevor, wenn der Meeresspiegel steigt und einige Hafenstädte wegsinken und nochmal fruchtbarer Ackboden zu Meeresboden wird. Vor etwa 20 Jahren waren Staudämme noch die großen Heilsbringer. Es gibt heute kaum mehr Fortschritt zu bejahen überall kommen sofort negative Folgen, besonders bei der Stromerzeugung. Vielleicht ist nicht nur der Staudamm marode sondern unser Fortschrittsdenken.
    Unser Denken sollte mal umgesiedelt werden, bevor es austrocknet.

  2. Leider wurde vergessen, dass der Damm von dt. Ingenieuren der Firmen Hochtief AG und Rheinstahl geplant wurde und es somit auch eine deutsche Beteiligung an dem Projekt gab! Das hätte man erwähnen können/müssen!

  3. Einen gravierenden Nachteil für Ägypten hat der Autor nicht erwähnt: Man stelle sich vor, was von Ägypten übrig bliebe, wenn jemand den Damm sprengen würde. Ein paar Selbstmordattentäter reichen dazu zwar nicht, aber Israel hat ja - angeblich - die Atombombe. Kein Wunder, dass die Ägypter mit Israel Frieden geschlossen haben. Reine Friedensliebe war das sicherlich nicht.

  4. Derselbe Fortschrittswahn hat allerdings auch NASA, Computer und mechanisierte Landwirtschaft hervorgebracht. Ohne Technik wäre unsere Lebensmittelversorgung heute nicht selbstverständlich. Wer das leugnet, weil Technik nicht poetisch genug ist, ist bewusst realitätsfern - und nutzt dennoch meistens nur zu gerne ihre Vorteile.

  5. Es wirkt nicht mehr wie ein Machtsymbol sondern es erinnert mehr und mehr daran, dass Abdel Nasser mit diesem Bau mehr Plagen als Segen über das Land gebracht hat.
    Daher wird es auch als "Marode" bezeichnet.

    Zum Autor: Ich nehme an, dass sie Auf die Plagen des Pharaos zur Zeit Mose anspielen wollen. Fluten und Dürren sind hier aber keine biblische Plagen, noch nicht mal Plagen biblischen Ausmaßes. (Beispiel: Nilwasser wird zu Blut, Frösche die das ganze Land bedeckten, Stechmücken über ganz Ägypten, Hundsfliegen über ganz Ägypen, außer über Gosen, Viehpest, Geschwüre, Hagel der die Ernte vernichtet,
    Heuschrecken die alles grün auffressen, Drei Tage Finsternis, der Tod aller Erstgeborenen von Mensch und Vieh)

  6. Mein Kommentar ist wieder einmal zu lang; also findet er nur in meinem Blog Platz. Wer ihn dort lesen möchte, suche nach "Kritik essen Denken auf: Wider die geistige Massendesertation der denkfaulen westlichen Intelligentsia!" bzw. klicke hier:
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