Stadtgründung Wie Friedrich I. Berlin zu wahrer Größe verhilft
Bis 1. Januar 1710 ist Berlin kaum mehr als ein kleines Städtchen. Preußenkönig Friedrich I. ändert das durch eine angeordnete Vereinigung. Von Hellmuth Vensky
Nur eine Stadt in Deutschland kann sich berechtigt Metropole nennen. Na gut, man mag Erfurt die Thüringenmetropole nennen, Nürnberg die Frankenmetropole und Euskirchen die Eifelmetropole. Aber die einzige Stadt in Deutschland, die keinen Lachkrampf auslöst, wenn sie als Metropole bezeichnet wird, ist ja wohl Berlin. Dabei gibt es dieses hauptstädtische Berlin erst seit 300 Jahren.
Zwar schwangen schon in der Weichseleiszeit vor gut 60000 Jahren hier Urmenschen ihre Faustkeile. Ein großer Teil des heutigen Stadtgebietes ist damals ein sumpfiges Urstromtal, eine jener Rinnen, durch die nach der Eiszeit das Schmelzwasser abfließt. Südlich liegt das Teltow-Plateau, nördlich die Hochfläche Barnim.
Die Germanen, die hier siedeln, ziehen größtenteils im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. Richtung Oberrhein ab. Die Völker Europas sind in Bewegung, seit die Hunnen aus dem Osten anrücken. Im Berliner Raum übernehmen Slawen die fast verwaisten Germanen-Siedlungen und gründen neue, die Städte Spandau und Köpenick etwa.
Erst Albrecht der Bär aus dem Geschlecht der Askanier besiegt die Slawen und gründet 1157 die Mark Brandenburg. Die Markgrafen betreiben eine kluge Siedlungspolitik, auch mit Hilfe der mächtigen Mönchsorden wie der Tempelritter, von denen der Berliner Stadtteil Tempelhof seinen Namen hat.
Jetzt erst, im späten 12. Jahrhundert, entsteht am rechten Ufer der Spree Berlin, dessen Name wohl auf ein altslawisches Wort für "Sumpf" zurückgeht und 1244 erstmals schriftlich auftaucht. Der Ortskern ist in der Gegend des Roten Rathauses und der St. Marienkirche.
Auf einer Insel in der Spree wächst gleichzeitig Cölln, erstmals erwähnt 1237. In seinem alten Zentrum, auf dem Petriplatz, legen Archäologen seit 2007 die Fundamente der Petrikirche frei und Reste des alten Cöllner Rathauses. Dass es Händler aus Köln am Rhein waren, die Cölln den Namen gaben, ist eine Legende – er stammt wohl vom slawischen "Kolum" für Hügel oder Sumpfinsel.
Die preußische Residenz-, spätere Reichs- und heutige Bundeshauptstadt könnte auch Spandau heißen oder Köpenick, die sind älter als Berlin – hätten nicht die askanischen Markgrafen Berlin und Cölln gegen die Konkurrenz im Besitz der Wettiner so erfolgreich gefördert. Beide Städte geben sich 1307 einen gemeinsamen Magistrat, in dem Berlin mehr Stimmen hat.
Kurfürst Friedrich II. missfällt allerdings die Stärke der Doppelstadt, er zwingt sie zur Trennung und lässt sich von Cölln ein Gelände zum Bau einer Burg abtreten. Daraus wird jenes Berliner Stadtschloss, das demnächst wieder erstehen soll. Kurioserweise gehört das Terrain bis 1920 nicht zum Stadtgebiet, sondern bildet einen eigenen Gutsbezirk.
Eine Hauptstadt, angemessen für einen König
Im ausgehenden 17. Jahrhundert werden die Brandenburger Kurfürsten zu starken Spielern im europäischen Mächtepoker. Friedrich III. lässt sich 1701 zu Friedrich I. König in Preußen (aus komplizierten diplomatischen Gründen nicht "von Preußen") krönen. Um eine angemessene Hauptstadt zu bekommen, ordnet er die Vereinigung von Berlin, Cölln und den drei Vorstädten Friedrichswerder, Dorotheenstadt und Friedrichstadt an.
Die neue Stadt entwickelt sich zu einer großen Kaserne: 1709 dienen 5000 der 55.000 Einwohner in der Armee, 1755 ist fast ein Viertel der auf 100.000 gewachsenen Einwohnerzahl beim Militär – der ganze Rest sind Soldatenfrauen, Soldatenkinder, Soldatendienstmädchen, Soldatenliebchen und Händler, die ihren Umsatz mit Soldaten machen.
In den 1730er Jahren lässt König Friedrich Wilhelm I., der "Soldatenkönig", eine neue Stadtmauer bauen, die Akzisemauer mit 14 Stadttoren. Erhalten ist nur eins, allerdings in einer 60 Jahre später gebauten Version: das Brandenburger Tor. Die Mauer dient nicht nur der Zollkontrolle, sie soll auch Soldaten am Desertieren hindern. Doch die Stadt wächst, weit über die Mauer hinaus. 1861 werden Wedding, Moabit und mehrere Vorstädte eingemeindet. Die Mauer wird bis 1870 abgerissen.
Schon im 17. Jahrhundert ist am Südufer des Spreekanals die Vorstadt Neu-Cölln entstanden – nicht identisch mit dem heutigen Berliner Stadtbezirk Neukölln: Der heißt bis 1912 Rixdorf und ist eine unabhängige Stadt etwas südlich von Neu-Cölln. Weil ihr Name zum Synonym für lasterhafte Unterhaltung wird – "in Rixdorf ist Musike", singen die Gassenjungen –, beschließen die kaiserlichen Image-Berater die Namensänderung.
Aber Neukölln wird bald eingemeindet, als 1920 Groß-Berlin entsteht. Die neue Stadtgemeinde darf sich endlich auch die einstigen Konkurrenten Spandau und Köpenick einverleiben, außerdem die bis dahin kreisfreien Städte Lichtenberg, Schöneberg, Wilmersdorf, Charlottenburg und Spandau sowie 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke. Fast vier Millionen Einwohner hat Berlin jetzt.
Es ist die ganz große Zeit der Metropole, die Zeit, in der Fritz Langs "Metropolis" hier uraufgeführt wird. Es sind die Goldenen Zwanziger. Dann kommt Hitler. Dann kommt der Krieg. Dann kommt die Mauer. Hauptstadt der Bundesrepublik wird ein gewisses Bonn. Erst 1990 kommt Berlin zu alter Größe zurück – fast: Heute hat es rund 3,4 Millionen Einwohner. Es war schon mal metropoliger.
- Datum 02.01.2010 - 16:03 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Liebe Zeit-Redaktion,
das Bild auf S. 1 sieht verdächtig nach Friedrich Wilhelm I. und nicht nach Friedrich I. (III.) aus.
shiro31
Lieber Leser,
da die Könige im Volksmund beide Friedrich I. heißen, muss sich dieser Fehler eingeschlichen haben. Wir haben das Bild jetzt geändert.
Herzlichen Dank für den Hinweis und Grüße aus der Wissenschaftsredaktion.
Lieber Leser,
da die Könige im Volksmund beide Friedrich I. heißen, muss sich dieser Fehler eingeschlichen haben. Wir haben das Bild jetzt geändert.
Herzlichen Dank für den Hinweis und Grüße aus der Wissenschaftsredaktion.
das nicht zum Deutschen Reich gehörte. Dort konnte er sich zum König krönen, ohne dass der Kaiser etwas dagegen machen konnte. In Brandenburg, das zum Reich gehörte, war er allerdings nur Kurfürst, weil der Kaiser der Königskrönung seines Reichsfürsten nicht zustimmen wollte.
Sind das wirklich so komplizierte nicht darstellungsfähige diplomatische Gründe?
... und er nannte sich König "in" Polen, weil es noch immer das sogenannte königliche, polnische Ostpreußen gab. Aber der Artikel ist ohnehin unsinnig, denn die beiden Städte wurden 1709 zusammen gelegt.
... und er nannte sich König "in" Polen, weil es noch immer das sogenannte königliche, polnische Ostpreußen gab. Aber der Artikel ist ohnehin unsinnig, denn die beiden Städte wurden 1709 zusammen gelegt.
Na, das ist ja aber nicht alles.
In der Tat: Für die Frage König in oder von Preußen war das Verhältnis zum Königreich Polen-Litauen wohl weit wichtiger als das zum Römischen Kaiser; nur - was hat das mit Erika Steinbach zu tun??
In der Tat: Für die Frage König in oder von Preußen war das Verhältnis zum Königreich Polen-Litauen wohl weit wichtiger als das zum Römischen Kaiser; nur - was hat das mit Erika Steinbach zu tun??
Könnte dieser Bericht Erika Steinbach weiter helfen...?
In der Tat: Für die Frage König in oder von Preußen war das Verhältnis zum Königreich Polen-Litauen wohl weit wichtiger als das zum Römischen Kaiser; nur - was hat das mit Erika Steinbach zu tun??
besonders schön ist dieses "ist ja wohl" ... ham set nich n bissken kleener?
Wenn man sich schon auf diese komische "Metropolen-Diskussion" einläßt - bei genauerem Hingucken kämen da auch Hamburg, München, Köln, Frankfurt und Stuttgart als "Metropolen" in Frage.
Was das alles mit Friedrich Wilhelm I zu tun haben soll, bleibt aber unklar. Kleiner Tipp: nicht wegen seiner Einwohnerzahl oder seiner Grundfläche, sondern wegen seiner Rolle als Hauptstadt des schnell mächtiger werdenden Preussen, und später Deutschlands wurde Berlin wichtig.
Preussen aber ist futsch, und Deutschland hat sich nach dem Krieg zu einem Land mit vielen Zentren entwickelt. Das sagt nichts gegen Berlin - ich war immer für den Regierungsumzug - aber man sollte die Kirche im Dorf lassen. Überheblichkeit im Armenhaus Deutschlands ist unpassend.
"die einzige Stadt in Deutschland, die keinen Lachkrampf auslöst, wenn sie als Metropole bezeichnet wird, ist ja wohl Berlin."
@shiro31
"Im Berliner Raum übernehmen Slawen die fast verwaisten Germanen-Siedlungen und gründen neue, die Städte Spandau und Köpenick etwa.
Erst Albrecht der Bär aus dem Geschlecht der Askanier besiegt die Slawen und gründet 1157 die Mark Brandenburg"
Denn eine genauere Betrachtung lässt vermuten, dass die Vertreibungen hier ihren Ursprung hatten...
... und er nannte sich König "in" Polen, weil es noch immer das sogenannte königliche, polnische Ostpreußen gab. Aber der Artikel ist ohnehin unsinnig, denn die beiden Städte wurden 1709 zusammen gelegt.
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