Zukunftsvisionen vor 100 Jahren: "Nicht alle Straftäter sind heute psychisch krank"
Psychologie hinter Gittern: 2010 seien Zuchthäuser passé und Verbrecher würden als Kranke gelten, wurde 1910 prophezeit. Der JVA-Psychologe M. Brinkmann sieht das anders.
ZEIT ONLINE: Herr Brinkmann, der italienische Kriminalanthropologe Lombroso schrieb 1910 in dem Buch Die Welt in 100 Jahren: "Tatsächlich bricht sich, was das Verbrechen anbelangt, immer mehr unsere Anschauung Bahn, daß auch dieses als eine organische Erscheinung, nicht aber als eine menschliche Willensäußerung aufzufassen ist." Es sind doch aber nicht alle Verbrecher wirklich krank, oder?

Michael Brinkmann ist Diplom-Psychologe und Leiter der Sozialtherapeutischen Abteilung in der Justizvollzugsanstalt Waldheim, etwa 30 Kilometer von Chemnitz entfernt. Seit 15 Jahren arbeitet er im Strafvollzug: Ihn reizte der Umgang "mit schwieriger Klientel".
Michael Brinkmann: Lombroso stellt das so dar, als wenn die Verbrecher so krank wären, dass sie selbst nicht mehr entscheiden können, was sie tun. Mittlerweile ist längst nachgewiesen, dass organische Störungen und Schäden in bestimmten Hirnbereichen das Einfühlungsvermögen, die Impulsivität und andere verhaltensbestimmende Faktoren von Menschen verändern. Täter, die tatsächlich psychisch krank sind, kommen in den Maßregelvollzug. Täter, die zu einer Freiheitsstrafe verurteilt werden und dann in ein Gefängnis kommen, müssen nach deutschem Recht verantwortlich für ihr Handeln sein – also gesund.
ZEIT ONLINE: In einem Punkt hat sich Lombrosos Vision über das Verbrechen im Jahre 2010 hingegen bewahrheitet: Wenn man sich und die Gesellschaft vor einem Verbrecher beschütze, dann dürfe das nicht "in Unmenschlichkeiten gegen den Verbrecher ausarten". Die Zuchthausstrafe wurde 1968 in der DDR und 1969 in der BRD abgeschafft. Heute gibt es in den Justizvollzugsanstalten (JVA) Hilfe statt Bestrafung. Wie sieht Psychotherapie hinter Gittern aus?

Wie stellten sich Forscher und Visionäre vor 100 Jahren die Welt von heute vor?
Brinkmann: Zunächst einmal ist Psychotherapie bei Straftätern in Haft keine Psychotherapie im eigentlichen Sinne. Wir bieten keine Krankenbehandlung, sondern wir behandeln Kriminalität. Es geht um Resozialisierung im weiteren Sinn: Die Gefangenen sollen lernen, ein straffreies Leben zu führen. Dazu gehört, dass sie sich wieder an Regeln und Pünktlichkeit gewöhnen und dass sie in den Arbeitsbetrieben der JVA eine Aus- oder Weiterbildung machen. Auch braucht es Maßnahmen, um soziale Kompetenzen, Frustrationstoleranz, angemessene Konfliktbewältigungsstrategien und vieles mehr zu entwickeln.
Speziell in der Sozialtherapeutischen Abteilung sind das zum Beispiel Kunsttherapie, Einzel- und Gruppenangebote wie ein strukturiertes kognitiv-verhaltenstherapeutisch orientiertes Behandlungsprogramm. Wenn die Täter erkennen, was zur Tat geführt hat, und sich positiv entwickeln, dann senkt das die Rückfallquote und erhöht somit auch den Opferschutz. Außerdem ist die Sozialtherapeutische Abteilung ein in sich offenes Haus: Die Gefangenen können sich hier frei bewegen, soziale Kontakte untereinander pflegen, gemeinsam kochen, Sport treiben und so ein behandlungsfreundliches Klima nutzen, um neue prosoziale Verhaltensweisen zu trainieren.
- Sozialtherapeutische Abteilung
Sexual- und andere Straftäter, die zu mehr als zwei Jahren Haft verurteilt worden sind, sind laut § 9 des Strafvollzugsgesetzes in einer sozialtherapeutischen Anstalt unterzubringen. Auch andere Gefangene können mit ihrer Zustimmung dorthin verlegt werden. Die Sozialtherapeutische Abteilung der JVA Waldheim ist die erste seiner Art in den neuen Bundesländern und in Sachsen die derzeit einzige Therapiestation für männliche Erwachsene, die wegen eines Sexual- oder Gewaltdelikts verurteilt wurden und das erste Mal in Haft sind. Etwa 80 Prozent der 120 Gefangenen in der Abteilung sind Sexualstraftäter. Insgesamt kann die JVA Waldheim bis zu 312 Gefangene unterbringen.
- Cesare Lombroso
Cesare Lombroso war ein international bekannter Kriminalanthropologe. Der italienische Arzt und Psychiater gehörte der sogenannten Abstinenzbewegung an, die Anfang des 20. Jahrhunderts in der ganzen Welt populär war. Die Fehde gegen den Alkoholismus prägte auch seine Vision über die Verbrechen im 21. Jahrhundert (s. Zitat im Interview). Das entsprechende Kapitel für das Buch "Die Welt in 100 Jahren" dürfte Lombrosos letzter Aufsatz gewesen sein, sagt Andreas Mayer vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte: Lombroso starb im Oktober 1909, das Buch mit den Zukunftsvisionen von 23 namhaften Autoren kam 1910 heraus.
- Kriminalstatistik
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"Im Gegensatz zum Wahnsinn wird das Verbrechen sowohl an Zahl wie an Größe und Intensität immer mehr abnehmen", schrieb Lombroso in seiner 100 Jahre vorausschauenden Vision über Verbrechen im 21. Jahrhundert. Er behielt aber nicht gänzlich Recht. Allerdings betrug die Zahl der Diebstähle im ersten Berichtsjahr der Polizeilichen Kriminalstatistik, 1953, noch 544.110 erfasste Fälle, wurde Mitte der 1960er Jahre die Millionen-Grenze überschritten und erreichte um die Jahrtausendwende ihren Höhepunkt mit rund drei Millionen erfassten Diebstählen.
Erst seitdem sinkt die Zahl. Auch die Anzahl der Morde sank in letzter Zeit: Von 1996 bis 2008 hat sich die Zahl der erfassten Mordfälle nahezu halbiert, von 1184 auf 694 Fälle. Lombroso prophezeite 1910 außerdem, das "in den zivilisierten Ländern die durch Frauen begangenen Verbrechen aller Voraussicht nach ganz ordentlich an Zahl zunehmen". Der Polizeilichen Kriminalstatistik zufolge liegt der Anteil der Frauen an Verbrechen allerdings recht konstant zwischen 20 und 25 Prozent.
ZEIT ONLINE: Was halten Sie von Spezialprogrammen, in denen zum Beispiel Häftlinge Hundewelpen zu Blindenhunden ausbilden sollen? Der Kinofilm Underdogs aus dem Jahr 2007 war ja eine kultige Komödie, zeigte zugleich aber sehr einfühlsam, wie Möchtegern-Gangster regelrecht zahm werden.
Brinkmann: Die Behandlung von Straftätern ist unter anderem mit der Entwicklung von Empathie, vor allem von Opfer-Empathie, verknüpft. Sie sollen sich in die Gedanken und die Gefühlswelt anderer einfühlen und dies in ihr eigenes Handeln einbeziehen. Das geschieht zum Beispiel mit Rollenspielen. Auch in der Kunsttherapie bekommen Gefangene Zugang zu ihren Gefühlen.
Es gibt keinen Königsweg, eine einzelne Maßnahme reicht nicht aus. Das Programm, Hunde zu erziehen, ist also nur ein sinnvolles Fragment. Studien zu Faktoren, die sich auf die Rückfallquote auswirken, haben ergeben: Kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungsmöglichkeiten versprechen am meisten Erfolg. Allerdings sind eben auch andere Angebote sinnvoll: Sie unterstützen die Behandlung.






Zitat: "Einerseits dienen Haftbedingungen sicher nicht per se dazu, Menschen zu verbessern – sie verschlechtern ihn aber auch nicht."
Es scheint mir eine grundsätzlich falsche Zielsetzung jeglicher Psychotherapie, auch der Sozialtherapien, Menschen "verbessern" zu wollen. Diese Zielsetzung ist kontraproduktiv, Erfolge daher eher zufällig, durch unterstützende Faktoren begünstigt.
Psycho- oder Sozialtherapien können Menschen weder heilen noch gar "verbessern". Sie können nur die soziale Anpassungsfähigkeit und die Belastbarkeit (Konfliktfähigkeit) des "Patienten" trainieren und seine Fähigkeit, mit sich und seinen Problemen zu leben.
Da die Definition dessen, was kriminell ist, eine menschliche Entscheidung ist (egal ob durch Politiker oder Gläubige getroffen), wäre es sehr verwunderlich, wenn sich das Verbrechen nur auf pathologische Fälle beschränkte.
Oder gibt oder gab es tatsächlich Gesetzesgläubige, die selbst das Verstoßen gegen groteske Unrechtsgesetzgebung als Krankheitsbild ansahen?
Die Rechtspraxis lehrt jedenfalls bis auf den heutigen Tag, daß gelegentlich die "Verbrecher" die Redlichen sind, und die Vertreter des Rechts die Verbrecher.
Das hätte auch Herrn Ambrosio im Jahre 1910 schon auffallen können.
Was uns Herr Brinkmann hier aber verschweigt ist die Tatsache das 60% der Gefangenen auf der Sozialtherapeutischen Station tatsächlich krank im Sinne der Definition sind.Es ist nur nicht machbar jedem Straftäter der an einer Psychosexuellen Störung erkrangt ist,die richtige Behandlung zukommen zu lassen. Es ist viel einfacher und vor allem billiger dem Menschen Sicherugsverwahrung zu verpassen und ihn den Rest seines Lebens weg zu schließen.Wir vertrauen dabei viel zu sehr auf Gutachter,nur vergessen wir immer das Gutachter auch nur Menschen sind, und somit nicht unfehlbar.Mir erscheint es wichtiger das die Gesellschaft an sich mal anfängt Verantwortung zu übernehmen.Denn egal wieviel Straftäter wir für immer wegsperren, die nächste Generation wächst nach.Ich kenne Herrn Brinkmann persönlich, da ich mich selber von 2005 bis 2009 in seiner Einrichtung als "Probant" befunden habe, und ich finde es bedauerlich das er nicht den Schneid hat die Dinge beim Namen zu nennen. Das alle seine guten Absichten und Bemühungen eine Ordentliche und Sinnvolle Therapie zu erreichen, ständig von Politikern der jeweiligen Landesregierung torpdiert werden.Ich persönlich kann nur sagen das ich ein großer Fan von Therapie bin, das schwierige daran ist nur sich darauf ein zu lassen,sich selber den Spiegel vorzuhalten und zu erkennen das man Hilfe braucht!
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