ZEIT ONLINE: Herr Brinkmann, der italienische Kriminalanthropologe Lombroso schrieb 1910 in dem Buch Die Welt in 100 Jahren: "Tatsächlich bricht sich, was das Verbrechen anbelangt, immer mehr unsere Anschauung Bahn, daß auch dieses als eine organische Erscheinung, nicht aber als eine menschliche Willensäußerung aufzufassen ist." Es sind doch aber nicht alle Verbrecher wirklich krank, oder?

Michael Brinkmann: Lombroso stellt das so dar, als wenn die Verbrecher so krank wären, dass sie selbst nicht mehr entscheiden können, was sie tun. Mittlerweile ist längst nachgewiesen, dass organische Störungen und Schäden in bestimmten Hirnbereichen das Einfühlungsvermögen, die Impulsivität und andere verhaltensbestimmende Faktoren von Menschen verändern. Täter, die tatsächlich psychisch krank sind, kommen in den Maßregelvollzug. Täter, die zu einer Freiheitsstrafe verurteilt werden und dann in ein Gefängnis kommen, müssen nach deutschem Recht verantwortlich für ihr Handeln sein – also gesund.

ZEIT ONLINE: In einem Punkt hat sich Lombrosos Vision über das Verbrechen im Jahre 2010 hingegen bewahrheitet: Wenn man sich und die Gesellschaft vor einem Verbrecher beschütze, dann dürfe das nicht "in Unmenschlichkeiten gegen den Verbrecher ausarten". Die Zuchthausstrafe wurde 1968 in der DDR und 1969 in der BRD abgeschafft. Heute gibt es in den Justizvollzugsanstalten (JVA) Hilfe statt Bestrafung. Wie sieht Psychotherapie hinter Gittern aus?

Wie stellten sich Forscher und Visionäre vor 100 Jahren die Welt von heute vor? © FPG/Hulton Archive/Getty Images

Brinkmann: Zunächst einmal ist Psychotherapie bei Straftätern in Haft keine Psychotherapie im eigentlichen Sinne. Wir bieten keine Krankenbehandlung, sondern wir behandeln Kriminalität. Es geht um Resozialisierung im weiteren Sinn: Die Gefangenen sollen lernen, ein straffreies Leben zu führen. Dazu gehört, dass sie sich wieder an Regeln und Pünktlichkeit gewöhnen und dass sie in den Arbeitsbetrieben der JVA eine Aus- oder Weiterbildung machen. Auch braucht es Maßnahmen, um soziale Kompetenzen, Frustrationstoleranz, angemessene Konfliktbewältigungsstrategien und vieles mehr zu entwickeln.

Speziell in der Sozialtherapeutischen Abteilung sind das zum Beispiel Kunsttherapie, Einzel- und Gruppenangebote wie ein strukturiertes kognitiv-verhaltenstherapeutisch orientiertes Behandlungsprogramm. Wenn die Täter erkennen, was zur Tat geführt hat, und sich positiv entwickeln, dann senkt das die Rückfallquote und erhöht somit auch den Opferschutz. Außerdem ist die Sozialtherapeutische Abteilung ein in sich offenes Haus: Die Gefangenen können sich hier frei bewegen, soziale Kontakte untereinander pflegen, gemeinsam kochen, Sport treiben und so ein behandlungsfreundliches Klima nutzen, um neue prosoziale Verhaltensweisen zu trainieren.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie von Spezialprogrammen, in denen zum Beispiel Häftlinge Hundewelpen zu Blindenhunden ausbilden sollen? Der Kinofilm Underdogs aus dem Jahr 2007 war ja eine kultige Komödie, zeigte zugleich aber sehr einfühlsam, wie Möchtegern-Gangster regelrecht zahm werden.

Brinkmann: Die Behandlung von Straftätern ist unter anderem mit der Entwicklung von Empathie, vor allem von Opfer-Empathie, verknüpft. Sie sollen sich in die Gedanken und die Gefühlswelt anderer einfühlen und dies in ihr eigenes Handeln einbeziehen. Das geschieht zum Beispiel mit Rollenspielen. Auch in der Kunsttherapie bekommen Gefangene Zugang zu ihren Gefühlen.

Es gibt keinen Königsweg, eine einzelne Maßnahme reicht nicht aus. Das Programm, Hunde zu erziehen, ist also nur ein sinnvolles Fragment. Studien zu Faktoren, die sich auf die Rückfallquote auswirken, haben ergeben: Kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungsmöglichkeiten versprechen am meisten Erfolg. Allerdings sind eben auch andere Angebote sinnvoll: Sie unterstützen die Behandlung.