Wissenschaftsjahr Berlin 2010 Preußische Präzision

Zuckende Froschschenkel, selbst gewickelte Magnetspulen und zornige junge Männer: Wie Berlin zum Zentrum der aufstrebenden Naturwissenschaften wurde.

Apoll im Labor. Mit diesem Experiment ermittelte der Berliner Physiologe Emil Du Bois-Reymond um 1850 elektrische Ströme im Muskel

Apoll im Labor. Mit diesem Experiment ermittelte der Berliner Physiologe Emil Du Bois-Reymond um 1850 elektrische Ströme im Muskel

Ein Abend im November 1847. Ort der Handlung: Berlin. Genauer: das dicht bevölkerte "Medizinerviertel" südlich der Charité, in etwa das, was man heute ein "Szeneviertel" nennen würde. Hier leben Künstler, Studenten, Lebedamen neben Handwerkern, Kaufleuten, Gelehrten und Offizieren. Die meisten Häuser sind schon dunkel. Nur in einer kleinen Wohnung in der Karlstraße 21, der heutigen Reinhardtstraße, brennt noch Licht.

Beim Schein einer Petroleumlampe beugt sich ein junger Mann über einen Experimentiertisch. Zwischen zwei Metallstativen ist ein enthäuteter Froschmuskel eingespannt. Feine Drähte führen von der Aufhängung zu elektrischen Apparaturen. Das blasse, kaum bleistiftdicke Gebilde zieht sich zusammen – der Muskel zuckt. Der junge Mann ist begeistert. Freudig erregt notiert er das Ergebnis des Versuchs. Dann springt er auf, geht in der halbdunklen Stube auf und ab. "Elektrizität!", ruft er aus. Sein Name: Emil Du Bois-Reymond, 28, Arzt und Wissenschaftler, Spross einer Hugenottenfamilie.

Zugegeben, die Szene ist erfunden. Aber vielleicht hat sie sich so ähnlich zugetragen, im Berlin des Jahres 1847. Du Bois-Reymond gehört zu einer Gruppe junger Forscher, die sich in den Kopf gesetzt haben, der Naturwissenschaft endgültig zum Sieg zu verhelfen. Denn noch immer geistern in den Köpfen der Gelehrten die vagen Ideen der Naturphilosophie herum. Sie besagen, dass Lebewesen von einer Art spiritueller Energie erfüllt sind. Erst diese Energie verhilft der toten Materie zum Leben. Lebende und tote Materie unterscheiden sich also grundsätzlich. Mit naturphilosophischen Spekulationen sind große Namen verknüpft: Johann Wolfgang von Goethe, die Berliner Philosophen Schelling und Hegel.

Aber Du Bois-Reymond und seine Gefährten Hermann Helmholtz, Ernst Brücke und Carl Ludwig strotzen vor Zuversicht. "Organische Physiker" nennen sich die zornigen jungen Männer. Zwar glaubt ihr wissenschaftlicher Lehrer, der Physiologe Johannes Müller, noch an das Vorhandensein einer "Lebenskraft", einer "vis vitalis". Doch das Gedankengebäude der Vitalisten hat längst tiefe Risse bekommen. 1828 war es dem erst 28-jährigen Chemiker Friedrich Wöhler, Lehrer an der Berliner Gewerbeschule, gelungen, Harnstoff, Bestandteil lebendiger Organismen, künstlich herzustellen. Eine Sensation – das Leben gehorchte offenkundig den gleichen chemischen Gesetzen wie tote Materie!

Und am 26. Juli 1847 begründet der 26-jährige Helmholtz vor der Berliner Physikalischen Gesellschaft das Gesetz von der Erhaltung der Kraft überzeugend. Es besagt, dass Energie in einem abgeschlossenen System weder erzeugt noch vernichtet, sondern nur umgewandelt werden kann, etwa in Wärme. Helmholtz wendet es auch auf Tiere und Pflanzen an, die offenbar ganz ohne immaterielle Lebenskraft auskommen. "An diesem Tag begann die Vorstellung von der völligen Begreiflichkeit der Welt, ihrer Begreiflichkeit als Mechanismus", notiert Gottfried Benn rückblickend dazu.
 

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Vor allem die Elektrizität fasziniert Du Bois-Reymond und seine Zeitgenossen. Als er im Auftrag seines Lehrers Müller mit seinen Experimenten "über tierische Elektrizität" beginnt, ist bereits bekannt, dass Tiere nicht nur auf elektrische Ströme reagieren, sondern sie auch erzeugen. Elektrizität tritt an die Stelle der Lebensenergie. Winzige elektrische Ströme durchfließen den Körper, bringen Muskeln zum Zucken, das Herz zum Pumpen und das Gehirn zum Denken.

Du Bois-Reymond stürzt sich mit Feuereifer in seine Experimente mit Fröschen, den "Märtyrern der Wissenschaft", wie sie sein Freund Helmholtz nennt, dazu mit Kaninchen und Hunden. Zunächst im Haus seiner Eltern, dann in seinem Stubenlabor in der Karlstraße und schließlich in einer Mansarde des Hauptgebäudes der Berliner Universität.

1848 erscheint der erste, bereits mehr als 700 Seiten umfassende Band seiner "Untersuchungen über die thierische Elektricität". Der Körper wird dem Experimentator zur Maschine. Du Bois vergleicht den Froschmuskel mit dem Zylinder einer Dampfmaschine, die Nervenfasern mit den Telegrafenkabeln, die das Land zu durchziehen beginnen.

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