Wissenschaftsjahr Berlin 2010 Preußische Präzision
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Wissenschaft in großem Stil

Bei Boetticher & Halske entstehen filigrane Laborinstrumente: Stative, Klemmen und Schrauben, Kontaktschalter, Elektromotoren, Waagen, die auf den Bruchteil eines Tausendstelgramms genau sind, und vor allem die unentbehrlichen kostbaren "Multiplikatoren" – feine Strommesser, in denen ein kilometerlanger Kupferdraht vieltausendfach zu einer Magnetspule aufgewickelt ist. Multiplikatoren sind imstande, die winzigen bioelektrischen Ströme in einem Froschmuskel oder Nerv zu registrieren.

Es verwundert nicht, dass Du Bois die Künste seiner Handwerkerkollegen in höchsten Tönen lobte und die schnörkellose Sachlichkeit der Laborinstrumente als Ästhetik eines naturwissenschaftlichen Zeitalters pries, in dem Handwerk, Wissenschaft und Kunst verschmolzen.

In mancher Hinsicht war Berlin das Silicon Valley seiner Zeit, wie der Biologe Hubert Markl festgestellt hat. Begnadete Instrumentenbauer wie Halske und Siemens haben mit ihrer preußischen Präzision entscheidenden Anteil daran, dass die Stadt zum Weltzentrum der exakten Wissenschaften wird. Forschung, Technik und Produktion gehen eine enge Verbindung ein.

Nach der Reichsgründung 1871 beginnt der fulminante Aufstieg der Berliner Naturwissenschaft, die Zeit der Do-it-yourself-Laboratorien ist längst Geschichte. Du Bois-Reymond und Helmholtz, als "Reichskanzler der Physik" gefeiert, bekommen Seite an Seite eigene, großzügige Institute im Herzen der Hauptstadt. Du Bois’ gründerzeitliches Institut hat sich in der Dorotheenstraße erhalten, am Platz von Helmholtz’ im Krieg zerstörten Physik-Institut befindet sich heute das ARD-Hauptstadtstudio.
 

In Berlin wird im ausgehenden 19. Jahrhundert Wissenschaft in großem Stil betrieben, und das verändert auch ihren Charakter. Ihr Vorbild ist die Fabrik, wissenschaftliche Veröffentlichungen werden zum intellektuellen Produkt – eine Entwicklung, die sich bis in die Gegenwart mit ihrer Massenproduktion von wissenschaftlichen Studien fortsetzt.

Du Bois-Reymond ist dagegen heute weitgehend vergessen, sein Fach, die Physiologie, steht völlig im Schatten der Molekularbiologie. Aus Du Bois’ vielen Reden wird vor allem ein Wort zitiert, das den fortschrittsgläubigen Physiologen ironischerweise als tiefen Skeptiker ausweist: Ignorabimus, "wir werden nicht wissen". Der Wissenschaft werde es niemals gelingen, so dachte Du Bois, das Rätsel des Bewusstseins aufzuklären.

Nur wenige hundert Meter von seinem Institut entfernt haben sich Hirnforscher aufgemacht, ihren Berliner Urahn zu widerlegen. In der Philippstraße ist 2007 das Bernstein-Zentrum für Computational Neuroscience eröffnet worden, benannt nach Julius Bernstein, einem Schüler von Du Bois. Schon der hatte seinem Lehrer widersprochen.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 22.01.2010)

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