Werner von Siemens Ein Kabel zu Ruhm und Ehre
Vor 150 Jahren sollte ein Telegrafenkabel Suez mit Karachi verbinden. Es funktionierte nie richtig – aber für Werner von Siemens war das Projekt ein Schritt zum Erfolg.
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Werner von Siemens leitet die Verlegung des Kabels von Suez nach Karachi. Technisch ein Misserfolg, wurde es für ihn zum Durchbruch
Triumphe der Technik sind manchmal kurzlebig: Das erste Telegrafenkabel auf dem Boden des Atlantik hält gerade mal einen Monat. Am 16. August 1858 gratulieren Queen Victoria und US-Präsident James Buchanan einander durch den Draht zur Leistung der Ingenieure, im September ist Funkstille. Die Isolierung hält dem Wasserdruck nicht stand.
Das Scheitern der einen ist das Glück des anderen. Werner von Siemens erhält nach dem transatlantischen Debakel von der britischen Regierung den Auftrag, alle öffentlichen Telegrafenleitungen auf der Insel zu prüfen. Und die Firma Newall & Co. heuert ihn an, um das Verlegen eines Kabels zwischen Indien und Ägypten zu überwachen. Für seine 1847 gegründete "Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske" bedeutet der Einstieg in den wichtigen britischen Markt einen Schub an internationalem Renommee.
Siemens hat mit Johann Georg Halske den Zeigertelegrafen zur Serienreife entwickelt, ein Gerät, das die Stellung eines Zeigers auf einer Buchstabentafel auf ein Empfangsgerät mit der gleichen Tafel überträgt. Auch, als sich das schnellere Morse-System durchsetzt, benutzen zum Beispiel Eisenbahner noch den Zeigertelergrafen, weil jeder ihn ohne Kenntnisse eines besonderen Alphabets bedienen kann.
- Siemens' Abenteuer
In seinen Lebenserinnerungen beschreibt Siemens etliche Abenteuer am Rande des Kabelprojekts. Zum Beispiel Zwischenfälle mit Haien: "Der Haifisch spielt im Matrosenleben der heißen Zone eine große Rolle, da er dem Schiffsvolke das erquickende Seebad verleidet. Der Matrose haßt denselben daher leidenschaftlich und martert ihn mit Vergnügen, wenn es ihm gelingt, eines solchen habhaft zu werden."
- in Ägypten
Nach Fertigstellung des ersten Kabelabschnitts gönnt Siemens sich Urlaub und besucht in Ägypten die Cheops-Pyramiden. In Karl-May-Manier erzählt er, wie er Ägypter in die Flucht schlägt, die ihn wegen seiner physikalischen Experimente für einen Hexer halten: mit Stromschlägen aus der Versuchsanordnung. "Der Scheik (… ) fiel lautlos zu Boden."
- Schiffbruch
Auf der Rückreise erleidet Siemens' Dampfer Schiffbruch, die Reisenden stranden auf einem Korallenfelsen und organisieren sich in den fünf Tagen bis zu ihrer Rettung zu einer Art Staat samt Standrecht gegen plündernde Matrosen. Kabelunternehmer Newall, ebenfalls unter den Gestrandeten, holt mit einem der Rettungsboote Hilfe.
- Linoleumsandalen
Siemens findet die schiffbrüchigen "Damen fast ohne Ausnahme in einem höchst bedauernswerthen Zustande, da sie nur nothdürftig bekleidet und größtentheils ohne Schuhzeug waren". Der Ingenieur holt aus dem gestrandeten Schiff Linoleum und schneidet mit dem Taschenmesser Sandalen zurecht. Er "erinnerte sich noch nach Jahren mit Freude der dankbaren Blicke aus schönen Augen".
- Pass verloren
Nach der Rettung reist Siemens etwas derangiert weiter: "Weder in Kairo noch in Alexandria hatten wir Muße, unsere sehr defecte äußere Erscheinung zu verbessern." Er hat seinen Pass verloren; während die Schiffbrüchigen anderer Länder in Alexandria Ersatz erhalten, macht der Konsul Preußens Schwierigkeiten: "Erst nach sehr heftigen Scenen gab er nach, und wir konnten das Schiff noch eben vor der Abfahrt erreichen."
Siemens und Halske entwickeln 1847 auch eine Maschine, die halbwegs verlässliche unterirdische und unterseeische Kabel erst ermöglicht: die Extrusionspresse. Bis dahin wird Guttapercha, eine besonders dichte Gummiart, als Isolierung um den Draht gewalzt. Die Naht löst sich jedoch zu schnell. Mit der Presse kann das Baumharz nahtlos um den Draht gepresst werden.
Die preußische Regierung lässt Siemens eine unterirdische Versuchsleitung zwischen Berlin und Großbeeren legen. Im Revolutionsjahr 1848 verbindet er dann Berlin über die damals längste Leitung Europas mit Frankfurt am Main, wo die Nationalversammlung berät. Als sie im April 1849 dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserwürde anträgt, erfährt Berlin es noch in derselben Stunde – umso schneller kann Friedrich Wilhelm ablehnen.
Siemens ist jetzt gut im Geschäft. Auch in Russland baut seine Firma zahlreiche Leitungen. Dass er während des Krimkrieges – der erste Konflikt, in dem der Telegraf eine strategische Rolle spielt – kriegswichtige Verbindungen für den Zaren legt, macht ihn bei dessen Gegnern, den Briten, Franzosen und Türken, nicht eben beliebt. Umso wichtiger für sein internationales Image ist seine Kooperation mit britischen Firmen.
Schon 1857 ist Siemens an Bord, als Robert Stirling Newall Sardinien und Algerien verbindet. Unterwegs hat Siemens mal eben, glaubt man seinen recht vollmundigen Memoiren, die Idee einer Bremsvorrichtung, die für die richtige Spannung des Kabels sorgt. Das Schiff wird entsprechend ausgestattet, das Kabel erfolgreich verlegt.
Auch für die gut 3000 Seemeilen (mehr als 5000 Kilometer) lange Leitung von Suez nach Karachi in Indien entwickelt Siemens mehrere Verbesserungen, etwa Zwischenstationen, die selbsttätig Signale weiter schalten, und die Entstörung per Kondensator.
Um schon beim Legen des Kabels Fehler zu finden, "hatte ich eine systematische Methode zur Controle der elektrischen Eigenschaften des Kabels eingeführt", wie Siemens in seinen Lebenserinnerungen schreibt: "Es wurde am Ausgangsorte der Legung eine Uhr aufgestellt, die in bestimmten Zeitabschnitten das Kabelende selbstthätig isolirte, darauf mit der Erdleitung und endlich mit dem Telegraphenapparate verband". Das Schiff erhält daher fortwährend Messdaten, die Siemens nach von ihm entwickelten Formeln auswerten kann.
Als das Kabel in Aden anlandet, zeigen die Messungen einen Fehler. Siemens ortet ihn: "Obgleich Mr. Newall und seine Ingenieure kein rechtes Vertrauen zu meiner Bestimmung der Fehlerlage hatten, wurde das Kabel doch dicht hinter der von mir angegebenen Stelle aufgefischt und geschnitten. (…) Der Fehler lag ziemlich genau an der berechneten Stelle und wurde durch Einfügung eines kurzen Stückes neuen Kabels beseitigt."
Siemens überlässt die Überwachung der Arbeiten am zweiten Teilstück, die am 17. Januar 1860 beginnen, seinem Oberingenieur und Prokuristen William Meyer. Am 12. Februar ist das Kabel in Karachi. Doch das warme Wasser des Roten Meeres weicht das Guttapercha rasch auf; das Kabel kann nie in ganzer Länge benutzt werden, nur über einzelne Abschnitte werden Nachrichten geschickt. Schon nach einem Jahr muss es ganz aufgegeben werden.
Für die Firma Newall ist das Kabel von Suez nach Karachi ein Fehlschlag, von dem sie sich lange nicht erholt. Siemens wirft Newall vor, am Material gespart zu haben. Er schreitet weiter zu den nächsten internationalen Großprojekten, etwa der 1870 fertiggestellten Indo-Europäischen Telegrafenlinie, die über Land endlich London mit Indien verbindet, und einem Transatlantikkabel.
1866 entdeckt Werner von Siemens das dynamoelektrische Prinzip – nicht als erster, aber er entwickelt daraus leistungsfähige Generatoren und erschließt seinem Unternehmen neue Geschäftsfelder wie die Elektrifizierung von Eisenbahnstrecken und die Produktion von Glühlampen. Siemens wird zum Weltkonzern.
- Datum 16.01.2010 - 19:29 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Der Artikel ist eine nette Reprise der Siemens'schen Autobiografie. Einem Satz im Artikel muss allerdings entschieden widersprochen werden.
Er lautet:" Unterwegs hat Siemens mal eben, glaubt man seinen recht vollmundigen Memoiren ... "
"Vollmundige Memoiren" - oGottoGott !!!
Wer hat das Buch denn tatsächlich gelesen und nicht nur überflogen ?????!
In der Situation, auf die sich der Satz bezieht, stand man kurz vor dem Abriss oder dem unkontrollierten Abspulen des Seekabels. Und da hat Siemens zugepackt, aber nicht "mal eben" , und er hat auch kein Substrat für eine spätere "vollmundige" Erzählung geliefert.
Es ist der Charme der Siemens'schen Autobiografie, dass sie knochentrocken daherkommt. Da schreibt der Ingenieur und mitnichten der Literat. Und das generiert eine ganz hervorragende Leseatmosphäre. Denn Siemens hat nicht nur ständig höchst Interessantes zu berichten, er leidet auch unter eigenen Fehlern und ist ziemlich uneitel, wenngleich natürlich auch ihm nicht entgangen ist, dass er zu den Topleuten der Branche aufgestiegen war. Die Biografie schrieb er übrigens nicht so sehr aus Berichtensdrang, sondern der Befürchtung, dass andernfalls andere über seine vita schrieben - und dem wollte er scribendo einen Riegel vorschieben.
Siemens ist sich selbstverständlich seines Status bewusst und vergibt auch an Geschwister und Mitarbeiter "Schulnoten", aber er bleibt stets auf dem Teppich und ist an keiner Stelle überheblich oder gar "vollmundig".
"Die Isolierung hält dem Wasserdruck nicht stand."
Jungs, gebt euch mal ein bisschen mehr Mühe bitte. Den Rest des Artikels hab ich jetzt gar nicht mehr gelesen -Zeitverschwendung.
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