"Man kann nur so weit fliegen, wie weit man im Kopf schon ist", sagte einmal der Skispringer Jens Weißflog, der viermal die Vierschanzentournee gewann. Die ehemalige Hochspringerin Heike Henkel kam ohne "Kopf-Doping" nicht über die Latte. Und Basketball-Profi Dirk Nowitzki, der 2007 als erster Europäer zum wertvollsten Spieler einer NBA-Saison gekürt wurde, schwört auf die "Freiheit im Kopf". Kurzum: Die mentale Fitness wird im Leistungssport immer wichtiger.

Bereits in dem 1910 erschienenen Buch "Die Welt in 100 Jahren" wurde prognostiziert: Der Sport 2010 werde "der Sport mehr des Intellekts, als der physischen Kraft sein". Und tatsächlich scheint sich nur mit Kraft und Kondition kaum noch ein Pokal oder eine Medaille zu gewinnen. Das sogenannte Coaching für die mentale Fitness, das in den USA und in Australien längst etabliert ist, hat mittlerweile auch den deutschen Spitzensport erreicht.

Dazu beigetragen hat unter anderem Hans-Dieter Hermann. Der Sportpsychologe wurde Ende 2004 von Jürgen Klinsmann als erster Mentaltrainer in die deutsche Fußballnationalmannschaft geholt. Als "Leistungsoptimierer" sorgte Hermann für "Training im Kopf und für den Kopf". Die Teamfähigkeit wurde beispielsweise an einer Kletterwand trainiert oder mit einer Übung, bei der die Spieler im Kreis stehen und einen Fußball hin- und herkicken, während sie ein rohes Ei von Hand zu Hand weiterreichen.

Wie stellten sich Forscher und Visionäre vor 100 Jahren die Welt von heute vor? © FPG/Hulton Archive/Getty Images

Auch eine Trainingseinheit mit der Bogenschützen-Nationalmannschaft stand auf dem Programm. "Man kann ganz schlüssig demonstrieren, dass Spieler körperlich erst dann aufgeben, wenn der Kopf sagt: Jetzt ist Schluss", sagte Hermann ein Jahr vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Was folgte, war das Fußball-Sommermärchen. Für die deutsche Nationalelf war erst in der Verlängerung des Halbfinals Schluss, als Italien in der 119. und 120. Minute das 0:2 besiegelte.

Doch verfügt bislang nur ein Drittel der Vereine aus der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga über einen Psychologen, der stetig und eng mit dem Team zusammenarbeitet, schätzte jüngst der Psychologe Jörg Scholz, der Fußball- und Basketball-Profis betreut. "Die Branche unterschätzt die Möglichkeiten, die eine professionelle psychologische Behandlung bietet." Die Expertendatenbank des Bundesinstituts für Sportwissenschaft zählt aktuell 116 Sportpsychologen mit Fachkompetenz und Renommee auf – wohlgemerkt für insgesamt zwei Dutzend olympische Disziplinen.

Bald werden es wohl mehr, denn seit eineinhalb Jahren gibt es in Deutschland sogar drei Master-Studiengänge, die sich speziell der Sportpsychologie widmen. Zuvor war es noch üblich für Trainer in diesem Bereich, Sportwissenschaften oder Psychologie auf Diplom studiert zu haben und dann an einer Fortbildung teilzunehmen. Mentaltrainer hingegen darf sich im Prinzip jeder nennen: Diese Berufsbezeichnung ist nicht geschützt – und Qualität deswegen nicht garantiert.