Der Zusammenbruch des römischen Imperiums hatte viele Ursachen. Der unmittelbare Auslöser war die Völkerwanderung: Die Hunnen drangen aus Asien nach Ostmitteleuropa ein. Andere Völker zogen daraufhin nach Westen und Süden und bedrängten wiederum das Römische Reich.

Seit 395 war das Reich in West- und Ost-Rom geteilt, die sich zwar als ein Imperium verstanden, aber von zwei Kaisern beherrscht wurden. Ost-Rom hielt den andrängenden Völkern stand, unter anderem, weil diese das stark befestigte und strategisch entscheidende Konstantinopel an der Pforte zu Kleinasien nie erobern konnten; es stand aber zu sehr unter Druck, um der westlichen Reichshälfte beistehen zu können.

West-Rom hatte den angreifenden Stämmen wenig entgegenzusetzen. Es hatte reiche Provinzen verloren, allen voran "Africa", konnte deshalb nicht mehr genug Truppen unterhalten und musste verstärkt "foederati" anwerben, Hilfstruppen aus den romanisierten germanischen Stämmen. Die waren ohnehin schwerer zu kontrollieren als die im engeren Sinne römischen Truppen, neigten nun zur Verbrüderung mit ihrer Verwandtschaft von jenseits der Grenzen und errichteten schließlich eigene Reiche auf dem Gebiet des Imperiums. Im 5. Jahrhundert übernahmen sie die Herrschaft in Italien – so weit das Ende Roms im Schnelldurchgang. Und wo bleibt die Dekadenz?

Den Begriff "décadence" prägte Nicolas Boileau im 17. Jahrhundert; Montesquieu und Edward Gibbon wendeten ihn auf den Untergang des Römischen Reiches an, mit dem er seither untrennbar verbunden ist. Dahinter steht eine Weltsicht, derzufolge jedes soziale Gebilde einem natürlichen, zwangsläufigen Entstehungs- und Verfallsprozess unterliegt. Dazu gehört, dass die ursprünglich zum Aufstieg beitragenden Eigenschaften nach einer Phase der Blüte in die Degeneration umschlagen.

Rom wuchs und wurde reich – und dann lief etwas schief. Zwar herrschte auch nach der Blütezeit des Reiches ein Wohlstand im gesamten Imperium, der über Jahrhunderte nicht mehr erreicht wurde. Aber die Verteilungsungerechtigkeit wurde zu krass. Knapp ein Prozent der 50 bis 80 Millionen Menschen, die um Christi Geburt im Römischen Reich lebten, teilten den Reichtum unter sich auf. Die Elite der Grundbesitzer, Staatsbeamten und Militärs lebte dank der hohen Steuereinnahmen aus den Provinzen im Überfluss, lateinisch "luxuria".

Die Macher der Wanderausstellung Luxus und Dekadenz. Römisches Leben am Golf von Neapel nennen die Preise: 4000 Sesterzen für ein Pfund Purpur, 100.000 für einen guten Lustsklaven, eine Million für einen edlen Tisch aus Zitrusholz. Ein freier Bürger der Unterschicht verdiente als Tagelöhner vier Sesterzen am Tag. Sklaven verdienten nichts.

Die im Überfluss lebende Elite neigte offenbar zu Exzessen, die ihre Urteilsfähigkeit trübten und die Verteidigungsbereitschaft Roms schwächten – wobei man vorsichtig sein muss: Die in Hollywood so beliebten Ausschweifungen und Orgien gehen auf zeitgenössische Beschreibungen zurück, die oft von politischen Interessen gefärbt sind.

Ein bekanntes Beispiel für die Exzentrik der herrschenden Klasse ist Incitatus, das Lieblingspferd des berüchtigten Kaisers Caligula. Dieser habe, erzählen die Geschichtsschreiber Sueton und Cassius Dio, das Ross zum Konsul ernannt, um den Senat zu provozieren. Caligula, der Überlieferung zufolge größenwahnsinnig, soll seinem Pferd (und nicht einem Esel, wie der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler im Zusammenhang mit Guido Westerwelle meinte) einen eigenen Palast, Sklaven, kostbare Elfenbein-Möbel, Schmuck und Kleider geschenkt haben. Weil der grausame Herrscher auch noch Senatoren und Adelige hinrichten ließ, wandte sich die Oberschicht gegen ihn und ließ die Prätorianergarde putschen.

Auch unterhalb der Schwelle, die Caligula mit seiner Willkürherrschaft überschritten hatte, galt die Luxuria den Zeitgenossen keineswegs als Tugend: Die allzu üppige Zurschaustellung des Reichtums verletze traditionelle römischen Werte und den Sinn für das Gemeinwohl, monierten schon zeitgenössische Kritiker wie Plinius der Ältere oder Seneca. Der allerdings war selbst Großgrundbesitzer – was den Kollegen Valerius Maximus zum Kommentar verleitete: "Luxus ist ein süßes Gift, das man viel leichter anklagen als vermeiden kann."