ZEIT ONLINE : In dem 1910 erschienenen Buch Die Welt in 100 Jahren findet sich ein Kapitel mit Visionen zur Medizin. Dort heißt es unter anderem: "Wir kennen das Gift ganz genau; wir kennen seine schädigende Wirkung auf uns und unser Geschlecht, aber wir denken nicht daran, uns darum zu kümmern. (…). Der Staat will gesunde Kinder. Er braucht sie. Aber er sorgt nicht dafür, daß die Eltern gesund sind und gesund sein können. Bei den Eheschließungen werden Braut und Bräutigam nach allem Möglichen gefragt, nur nach dem Nötigsten nicht: ob sie gesund sind. Ob nicht der Keim einer sich vererbenden Krankheit in ihnen steckt." Herr Bauer, wer war dieser "Professor C. Lustig", der diese Vision aufgeschrieben hat?

Axel W. Bauer : Aus der Medizingeschichte ist mir kein C. Lustig bekannt. Ob er überhaupt Arzt war? Das Kapitel ist sehr laienhaft geschrieben, es gibt keinen Fachjargon. Außerdem zählt er Lues und Schwindsucht auf, also Syphilis und Tuberkulose: Das sind Infektionskrankheiten und keine vererbbaren Leiden. Allerdings war die Kenntnis über humangenetische Zusammenhänge im Jahre 1910 noch weitaus diffuser als heute. Der Name Lustig klingt eher nach einem Pseudonym – doch für wen und warum, konnte ich nicht herausfinden. Vielleicht ist sein Name am Ende sogar ironisch gemeint.

ZEIT ONLINE : Das wäre aber sehr bittere Ironie. Immerhin ist die Vision, nur gesunde Menschen dürften Nachkommen zeugen, sehr schnell wahr geworden. Hitler war noch keine sechs Monate an der Macht, da wurde am 14. Juli 1933 das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" erlassen. Wie war das möglich?

Bauer : Die Grundgedanken der sozialdarwinistischen Lehre, wie sie gerade in Deutschland von Ernst Haeckel , Alfred Ploetz und Wilhelm Schallmayer propagiert wurde, waren bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts etabliert. Eugenische Ideen waren in der Weimarer Republik verbreitet, sogar bis in die konservativen Kreise der Sozialdemokratie. Dieses Denken war also gar kein spezifisch nationalsozialistisches Gedankengut. Eine rassistische Zutat war allerdings die ebenfalls seit dem Ende des 19. Jahrhunderts aufkommende "Rassenhygiene", also die Ansicht, dass gerade die nordische Rasse höherwertig sei. Man muss bei der Eugenik beachten, dass es "positive" und "negative" Eugenik gibt: Die "positive" Eugenik zielt darauf ab, die Auslese der sogenannten Tüchtigen zu fördern; die "negative" Eugenik soll die Geburt sogenannter Minderwertiger verhindern. Die Nationalsozialisten zielten vor allem auf Letzteres ab: Etwa 400.000 Menschen wurden bis 1945 zwangssterilisiert, schätzen Fachleute.

ZEIT ONLINE : Wie ging man in der Nachkriegszeit mit dem Thema Eugenik um?

Bauer : Das Fach Rassenhygiene verschwand in Deutschland und kam unter dem Namen Humangenetik neu auf, diesmal jedoch als eine Wissenschaft, die sich formal und mehr oder minder auch inhaltlich von der Rassenhygiene distanzierte. Wenngleich zum Teil die Schüler ehemaliger Rassenhygieniker die Humangenetik-Lehrstühle erhielten. Die Humangenetiker haben eigentlich erst in den 1980er Jahren begonnen, ihre eigene Geschichte aufzuarbeiten.

Dennoch gibt es eugenisches Denken nach wie vor: So wie es vor 1933 Eugenik gab, gibt es sie auch nach 1945. Ein aktuelles Beispiel ist die Präimplantationsdiagnostik (PID, siehe Infobox, Anm. d. Red.). Der – durchaus nicht unbeachtliche – Unterschied ist: Bei den Nationalsozialisten ging es um staatlichen Zwang, um – wenn man so will – "Eugenik von oben". Die heutige Eugenik ist eher eine "Eugenik von unten": Es geht um den Wunsch des Einzelnen. Es sind ja die Bürgerinnen, die zum Humangenetiker oder zum Frauenarzt gehen und im Rahmen einer künstlichen Befruchtung solch eine Analyse machen lassen mit dem Ziel, "unerwünschte" Embryonen auszusortieren. Das ist sozusagen die liberale, "fortschrittliche" Variante der Eugenik. Aber das grundsätzliche Ziel bleibt: Krankheit oder Behinderung zu eliminieren, indem man die Geburt entsprechend betroffener Kinder verhindert.