Technikgeschichte Geflügelsalat und die Erfindung des Computers

Vor 150 Jahren wurde Herman Hollerith geboren. Ohne die Vorliebe für deftige Salate hätte der IBM-Urahn seine Lochkartenmaschine, die Vorstufe des PCs, wohl nie erfunden.

12. Mai 1958: Die Besucherin einer Produktmesse testet eine  Hollerith-Lochkarten-Maschine

12. Mai 1958: Die Besucherin einer Produktmesse testet eine Hollerith-Lochkarten-Maschine

Wäre Herman Hollerith nicht an einem Schalttag geboren, hätte er nicht eine Abneigung gegen Orthografie und eine Vorliebe für Geflügelsalat gehabt, es gäbe heute vielleicht keine Computer. Und ohne Eisenbahnschaffner auch nicht.

Wenn ein Kind an einem 29. Februar geboren ist, stehen die Zeichen auf Mathe. Ständig rechnen: Wann kann ich wieder richtig Geburtstag feiern? Wie war das mit den durch 400 teilbaren Jahren? Das prägt – auch Herman Hollerith, geboren am 29. Februar 1860 in Buffalo, New York.

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Das jüngste von vier Kindern eines Lateinlehrers aus der Pfalz ist ein aufgewecktes Kerlchen. Bis auf die Rechtschreibung. Mit neun springt er aus dem Fenster des Klassenraums im Obergeschoss, weil er keine Lust auf ein Diktat hat. Von da an bekommt er Privatunterricht, der seiner Vorliebe für Naturwissenschaften entgegenkommt.

Hollerith wird Bergbauingenieur. Danach hält er Kurse an der Uni, arbeitet zeitweise im Patentamt und entwickelt eine elektrische Steuerung für die Bremsen von Eisenbahnzügen, die die Bahn aber zugunsten dampfgesteuerter Systeme verwirft. Über einen seiner Professoren kommt er zum US Census Bureau, dem Statistikamt der USA.

Die zehnte Volkszählung in den USA von 1880 soll der wachsenden Wirtschaft und den vielen Einwanderern Rechnung tragen. Sie erfasst Stand, Besitz, Haushalt und Hautfarbe in mehr als 200 Punkten. Heerscharen von Helfern zählen per Hand Fragebögen aus, die in Güterzügen nach Washington gekarrt werden. Die Resultate liegen erst vor, als schon fast die elfte Volkszählung zehn Jahre später vor der Tür steht. Deren Auswertung dauert, dank Hollerith, gerade mal sechs Wochen.

Und das liegt am Geflügelsalat. Im Bootsclub von Buffalo kommt Hollerith am kalten Buffet mit Kate Sherman Billings ins Plaudern. Die junge Dame lädt ihn ein, bei ihr zu Hause den Geflügelsalat der Mutter zu kosten. So gerät Hollerith ins Haus von Kates Vater, John Shaw Billings, Arzt und im Census Bureau verantwortlich für die Sterblichkeits-Statistik. Er regt den jungen Ingenieur an, über eine Maschine zur Auszählung nachzudenken.

Lochkarten, -platten und -streifen verbreiten sich seit etwa Mitte des 18. Jahrhunderts zum Beispiel in Drehorgeln, mechanischen Klavieren und Webstühlen. Hollerith legt mit zwei Neuerungen die Grundlage für moderne Computer: Er verwendet zur Auswertung Elektrizität und er übersetzt Informationen in ein binäres System aus Nullen und Einsen, Strom an, Strom aus.

Hollerith-Maschinen Gesellschaft

1910 gründete sich die Deutsche Hollerith-Maschinen Gesellschaft (Dehomag), die Holleriths Maschinen in Lizenz vermietete. 1930 wurde Willy Heidinger Aufsichtsratschef, Herman Rottke Vorsitzender der Geschäftsleitung – beide überzeugte Nationalsozialisten. Die IBM-Tochter bekam nach der Machtübernahme der NSDAP 1933 de facto ein Monopol für die Datenverarbeitung deutscher Ämter; Kunden waren auch die Wehrmacht und die SS. Holleriths Lochkartenmaschinen halfen auch, den Holocaust zu organisieren.

Die eigentlichen Erfinder des Computers sind aber die Eisenbahnschaffner. Ihnen hat Hollerith seine Idee abgeschaut, erzählt er: Sie tricksen Schwarzfahrer aus, indem sie Fahrkarten mit ihren Lochzangen an bestimmten Stellen entwerten und so Merkmale des Passagiers, Geschlecht und Hautfarbe etwa, festhalten. Das soll die Benutzung des Tickets durch verschiedene Personen ausschließen.

Hollerith teilt seine Karten in Zeilen und Spalten und weist den Quadraten eine in "ja" oder "nein" codierbare Bedeutung zu – männlich? in den USA geboren? Hautfarbe weiß? Ein Loch bedeutet "ja". Das Alter wird in Felder für Zehnergruppen – zwischen 20 und 30? – gestanzt.

Ausgezählt werden die Karten in einem Abfühlkasten. Wo ein Loch ist, taucht ein gefederter Stift hindurch in ein Quecksilbernäpfchen und schließt einen Stromkreis, der ein Rechenwerk betätigt. Durch entsprechende Verdrahtung der Relais können Kriterien kombiniert, zum Beispiel alle männlichen Schwarzen im Alter von 20 bis 30 Jahren gezählt werden.

Hollerith lässt sein System 1899 patentieren. In einem Wettbewerb zählt er vier Bezirke der Stadt St. Louis in fünfeinhalb Stunden aus – die Konkurrenz braucht zwei Tage. Also werden bei der elften US-Volkszählung 1890 die Fragebögen von rund 65 Millionen US-Bürgern auf Lochkarten erfasst und von 43 Hollerithmaschinen ausgewertet.

Der Zeitdruck für die 2000 Helfer bei der Auszählung ist groß; manche sollen gelegentlich diskret das Quecksilber aus den Abfühlkästen gegossen und die Reparaturpause für eine Zigarette genutzt haben. Trotzdem liegt eine grobe erste Auswertung schon nach sechs Wochen vor, das Endergebnis im Dezember.

Hollerith macht seine Maschinen danach leichter programmierbar, und sie ziehen die Karten bald selbstständig ein. Als er sich mit dem Census Bureau überwirft, stehen Abnehmer aus der Wirtschaft Schlange. Hollerith erfindet auch eine Vermarktungsmethode, die es in der Computer- und Handy-Branche bis heute gibt: Er stellt seine Maschinen preisgünstig zur Verfügung – und verdient an den Lochkarten.

1896 gründet Hollerith die Tabulating Machine Company (TMC). 1911 wächst das Firmengeflecht dem notorischen Choleriker über den Kopf, er verkauft die TMC an den Geschäftsmann Charles Flint, der sie mit weiteren Firmen zur Computing-Tabulating-Recording Company vereint. 1924 wird sie in International Business Machines IBM umbenannt.

Da hat Hollerith sich längst ins Privatleben zurückgezogen. Er hat sechs Kinder mit seiner Frau Lucia – nein, nicht mit Kate, der Geflügelsalatliebhaberin –, züchtet Kälber, sammelt Boote, baut auf seiner Farm Scheunen, Schuppen und Vogelhäuser. Er stirbt 1929 an einem Herzinfarkt.

 
Leser-Kommentare
  1. Das Weben selbst ist prinzipiell binär, der Webstuhl ist der Vorläufer des Computers. Und zu Lochkarten:
    "1728 verwendete ein Seidenweber aus Lyon gelochte Holzbrettchen zu Steuerung seiner Webstühle."(Wikipedia)Brettchenwebstühle kann man heute in Neumünster im Textilmuseum besichtigen.

  2. Freier Autor

    @kerle 51: "Das Weben selbst ist prinzipiell binär" - stattgegeben. Auch die Musikinstrumente, die schon vor Hollerith per Lochstreifen gesteuert wurden, sind ja binär: Ton oder nicht Ton, das ist hier die Frage. Natürlich ist Hollerith vor allem ein weiterer Schritt in einer Entwicklung, die vorher anfing und hinterher nicht aufhörte - das ist in der Technikgeschichte ja immer so. Aber wie gesagt: Ein wichtiger Schritt, weil er die Informationen in Strom übesetzt und weil er sich Gedanken macht, wie nicht-binäre Informationen sich binär umsetzen lassen.

    @Argusaugen: Ich vermute, Ihr Kommentar ist unter dem falschen Text gelandet. Falls er sich tatsächlich auf die Hollerith-Geschichte beziehen sollte, wäre ich für eine Erläuterung dankbar.

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