Polen prägten das Ruhrgebiet Schimanskis Väter

Das Ruhrgebiet ist nicht nur Europäische Kulturhauptstadt 2010 – es ist auch eine multikulturelle Region, und das nicht seit gestern. Polen waren Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Einwanderer.

Der Schauspieler Götz George verkörperte ab 1981 den Duisburger Tatort-Kommissar Horst Schimanski

Der Schauspieler Götz George verkörperte ab 1981 den Duisburger Tatort-Kommissar Horst Schimanski

Kommissar Schimanski aus dem Tatort. Hausmeister Kaczmarek von der Mundart-Band Bläck Föös. Der Spießer Kowalski aus den Liedern von Pur. Mein lieber Kokoschinski. Polnische Namen gehören zur Ruhr-Region wie der Fußballclub Schalke 04, wo etliche polnischstämmige Fußballer spielten und spielen.

Die europäischen Großmächte schnappen sich im 18. Jahrhundert immer größere Territorien der im Innern zerstrittenen polnischen Adelsrepublik. Zuletzt, bei der Dritten Polnischen Teilung 1795, lassen Preußen, Österreich und Russland keinen polnischen Staat mehr übrig. Das aufstrebende Preußen verleibt sich große Regionen mit überwiegend polnischer Bevölkerung ein.

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Deutschland wandelt sich vom Agrar- zum Industrieland, und in den neuen Industriegebieten wächst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Bedarf an Arbeitskräften. Überall ziehen Menschen vom Lande in die wachsenden Städte. Ins preußische Ruhrgebiet kommen in den 1870er und 1880er Jahren zudem viele Arbeitskräfte aus den Ostprovinzen Preußens, die zu einem großen Teil polnisch oder masurisch sprechen, sich jedoch als Untertanen des Deutschen Kaisers im 1871 gegründeten Reich frei bewegen können. Aber auch aus Russland und Österreich-Ungarn wandern viele ethnische Polen ein.

Józef Rymer

Mit 16 Jahren kommt Józef Rymer (1882-1922) aus Zabelkau bei Ratibor als Bergmann nach Westfalen. Er engagiert sich dort im polnischen Turnverein „Sokół“ und einem polnischen Volksbüchereiverein. 1902 gehört er zu den Gründern der Polnischen Berufsvereinigung Zjednoczenie Zawodowe Polskie. 1913 kehrt er nach Schlesien zurück, setzt sich für dessen Ablösung von Preußen ein, wird Abgeordneter der polnischen Nationalversammlung und 1922 erster Woiwode (Verwaltungschef) der an Polen abgetretenen Teile Oberschlesiens.

Schalke 04

Das Image des Fußballvereins Schalke 04 als Arbeiterklub (für die Gegner: „Proleten- und Pollackenverein“) stammt aus den 20er Jahren, als Jugendtrainer beginnen, Nachwuchs aus den Gelsenkirchener Bergmann-Siedlungen zu holen. Den „Schalker Kreisel“, jenen passstarken, schnellen Offensivfußball, mit dem Schalke in den 30er und 40er Jahren sechs deutsche Meisterschaften erringt, erfinden Fußballer wie Fritz Szepan und sein Schwager Ernst Kuzorra, dazu wie Tibulsky, Kalwitzki, Burdenski, Przybylski und Czerwinski.

Die Polen schuften im Bergbau, in Eisenhütten und Stahlwerken, auf dem Bau und bei der Ziegelherstellung. Über ihre Zahl gibt es nur Schätzungen; etwa eine halbe Million soll bis zum Ersten Weltkrieg ins Ruhrgebiet eingewandert sein. In so manchem Betrieb stellen Polen zeitweise mehr als die Hälfte der Belegschaft. Kein Wunder: Die meist jungen ungelernten Arbeitskräfte aus dem Osten lassen sich leichter ausbeuten als ihre deutschen Kollegen. Sie bekommen niedrigere Löhne und müssen längere Arbeitszeiten hinnehmen.

Die Geschichte der polnischen Einwanderung im Revier ist alles andere als die Erfolgsgeschichte der Integration, als die sie gerne verkauft wird. In den für Arbeiter errichteten Zechenkolonien in Bottrop, Herne oder Bochum entstehen rein polnische Viertel. Die Zuwanderer bleiben unter sich, gründen eigene Vereine, Zeitungen und Gemeinden – heute nennt man das eine Parallelgesellschaft.

Einige Nachbarn in den Arbeiterkolonien beschimpfen die Zuwanderer als "Pollacken". Dazu trägt bei, dass die Kohl-und-Stahle-Bosse die Polen gegen die entstehende Arbeiterbewegung im Industrierevier als Lohndrücker und Streikbrecher in Stellung bringen.

Als 1899 in Herne und Gelsenkirchen polnische Bergleute streiken, finden sie kaum Rückhalt bei den deutschen Kollegen; ihr Streik wird brutal niedergeschlagen. 1902 gründen polnische Arbeiter eine eigene Gewerkschaft, den Polnischen Berufsverband (Zjednoczenie Zawodowe Polskie, ZZP).

Solche Vereine beäugt die Obrigkeit misstrauisch, politische und auch kulturelle Aktivitäten werden unterdrückt. Insbesondere stehen die Polen im Verdacht, "nationalpolnisches" Gedankengut zu pflegen und auf ein Wiedererstehen des polnischen Staates hinzuarbeiten. Auch ihre Sprache dürfen sie deshalb nicht ungehindert gebrauchen.

Preußen will die Zuwanderer nicht integrieren, sondern "germanisieren". 1901 etwa weist der Innenminister des Deutschen Reiches den Regierungspräsidenten in Münster an, bei der Eindeutschung polnischer Namen großzügig zu verfahren, weil Namensänderungen "die Verschmelzung des polnischen Elements mit dem deutschen zu fördern geeignet sind".

Wir haben die Ruhrpolen verdaut

Helmut Schmidt, ehemaliger Bundeskanzler

Deshalb muss man heute oft genau hinschauen, um die polnischen Namen in den Telefonbüchern zu erkennen: Piechas hießen wohl mal Piechaczyk, Giesbergs vielleicht Gizelski, und Janfelds könnten Janowskis gewesen sein. Auch Schimanski war mal ein Szymański. Wo Rybarczyk zu Reiber, Pawlowski zu Paulsen oder gar Majrczak zu Mayer wurde, sind die Spuren verwischt. Viele wissen heute selbst nicht mehr, dass ihre Vorfahren aus Polen oder Masuren kamen.

Eine originelle Vorstellung von Integration schwingt noch mit, als in den siebziger Jahren der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) sagt: "Wir haben die Ruhrpolen verdaut, also werden wir auch die Gastarbeiter verdauen." Dabei hat der Pott die Polen nicht verdaut, sondern wieder ausgespuckt: Ein großer Teil – rund zwei Drittel – verlässt das Ruhrgebiet, als 1918 die Republik Polen gegründet wird und sie wieder einen Staat haben.

In der Wirtschaftskrise ziehen weitere Polen aus dem gebeutelten Land an Rhein und Ruhr in die französischen und belgischen Kohlegebiete. Ende der zwanziger Jahre sind geschätzte 150.000 Polen übrig. Die Nationalsozialisten zwingen sie zur Anpassung, ihre Vereine werden "gleichgeschaltet" und ihre Funktionäre verfolgt, teilweise ermordet.

 
Leser-Kommentare
  1. „Piechas hießen wohl mal Piechaczyk, Giesbergs vielleicht Gizelski, und Janfelds könnten Janowskis gewesen sein.“
    Hellmuth Kleine-Vennhaus im Loh, bekannt unter dem Künstlernamen Hellmuth Vensky, liefert hier einen in Vermutungen und Unterstellungen ertrinkenden Beitrag ohne jede Aussagekraft. Dabei wäre gut recherchierter Vergleich über die Bevölkerungsentwicklung im Ruhrgebiet vor 1900 und nach 1960 ein notwendiges und begrüßenswertes Unternehmen. Ein Satz wie „Das aufstrebende Preußen verleibt sich große Regionen mit überwiegend polnischer Bevölkerung ein“ ist ohne näheres Eingehen vor allem auf die Geschichte Oberschlesiens irreführend. Dieser Beitrag von Hellmuth Kleine-Vennhaus im Loh atmet einen Vulgär-Nationalismus, der überwunden sein sollte.

  2. Der Helmut Schmidt zugeschriebene Ausspruch "Wir haben die Ruhrpolen verdaut, also werden wir auch die Gastarbeiter verdauen" ist ein gutes Beispiel für organizistisches Denken, das heißt, für die Vorstellung von einem Volk oder Reich als Organismus oder Körper, der natürlich auch einen Magen hat. Die in Deutschland verbliebenen Ruhrpolen wurden verdaut, das heißt assimiliert - ein Vorgang, der sich in der Geschichte dauernd ereignet. So gingen Sabiner, Samniten oder Etrusker im Römertum auf, ihre Sprachen starben aus - im Gegensatz dazu ließen sich später viele Einwanderer mit germanischem Migrationshintergrund nicht mehr assimilieren, ja nicht einmal (als Vorstufe dazu) integrieren, sondern bildeten Parallelgesellschaften, zum Beispiel die Goten. Zur Vorstellung von einem Volk oder Reich als Organismus gehört auch, das es biologischen Gesetzen unterliegt, also irgendwann altersschwach wird und ausstirbt. Und im Alter lässt die Verdauungskraft nach...

  3. Am Beispiel der Polen erkennt man, wie Exklusion funktioniert und geschlossene Gesellschaften geschaffen werden. Den Türken erging es in den 70er bis heute ebenso. Assimilation schützt nicht, wie man bei den deutschen Juden feststellen muss. Der Schluss muss auf eine Vermischung der Völker hinlaufen. So lange man einen Job nicht bekommt, weil man Kemal und nicht Sascha heißt, so lange wird man hier ein Problem von Parallelgesellschaften haben.

  4. das einen besseren Artikel verdient hätte!

    Der Informationsgehalt tendiert hart gegen Null und der Artikel ist darüber hinaus auch noch in höchstem Maße anachronistisch. Von einer "Erfolgsgeschichte der Integration" kann also keine Rede sein? Sowas aber auch!
    Wer glaubt, er könne mit den wertmaßstäben einer modernen Demokratie eine nationalistische Monarchie sachgerecht beurteilen sollte von historischen Themen fortan die Finger lassen.

    Grüße
    Bierbaron

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    Freier Autor

    Momang, Bierbaron. Tut mir leid, wenn der Informationsgehalt Ihren Ansprüchen nicht genügt. Aber den Schuh der Ahistorizität, den Sie wohl mit "anachronistisch" meinen, mag ich mir nicht anziehen - ich habe nie behauptet, es handle sich um eine "Erfolgsgeschichte der Integration". Das tun andere, siehe Helmuth Schmidt ("verdaut"), Festredner zur Kulturhauptstadt oder auch der Stadtsoziologe Walter Siebel 1998 in der Zeit. Die Diskussion, wie gelungene Integration unter den Bedingungen der Zeit aussehen könnte, habe ich nicht zu führen. Außerdem lasse ich fortan Ihrem sachkundigen Rat gemäß von historischen Themen die Finger. Jedenfalls für heute.

    Freier Autor

    Momang, Bierbaron. Tut mir leid, wenn der Informationsgehalt Ihren Ansprüchen nicht genügt. Aber den Schuh der Ahistorizität, den Sie wohl mit "anachronistisch" meinen, mag ich mir nicht anziehen - ich habe nie behauptet, es handle sich um eine "Erfolgsgeschichte der Integration". Das tun andere, siehe Helmuth Schmidt ("verdaut"), Festredner zur Kulturhauptstadt oder auch der Stadtsoziologe Walter Siebel 1998 in der Zeit. Die Diskussion, wie gelungene Integration unter den Bedingungen der Zeit aussehen könnte, habe ich nicht zu führen. Außerdem lasse ich fortan Ihrem sachkundigen Rat gemäß von historischen Themen die Finger. Jedenfalls für heute.

  5. Freier Autor

    Momang, Bierbaron. Tut mir leid, wenn der Informationsgehalt Ihren Ansprüchen nicht genügt. Aber den Schuh der Ahistorizität, den Sie wohl mit "anachronistisch" meinen, mag ich mir nicht anziehen - ich habe nie behauptet, es handle sich um eine "Erfolgsgeschichte der Integration". Das tun andere, siehe Helmuth Schmidt ("verdaut"), Festredner zur Kulturhauptstadt oder auch der Stadtsoziologe Walter Siebel 1998 in der Zeit. Die Diskussion, wie gelungene Integration unter den Bedingungen der Zeit aussehen könnte, habe ich nicht zu führen. Außerdem lasse ich fortan Ihrem sachkundigen Rat gemäß von historischen Themen die Finger. Jedenfalls für heute.

  6. Es ärgert mich immer wieder sehr, dass Journalisten mit unwahren Behauptungen ihre Artikel "aufpeppen" wollen. Die Polen als erste Einwanderer ins Ruhrgebiet? Das sind wohl eher die gewesen, die sich gegen eine polnische Einwanderung gewehrt haben - und die waren auch nicht die "Ersten"! Wir sind alle Einwanderer und ein autochthones "Volk" gibt es nirgends auf der Welt.
    Wenn Lehrer und auch Jounralisten endlich anfangen würden, diesen fundamentalen Grundsatz zu verbreiten, hätten wir vielleicht weniger Ärger mit xenophoben Gestalten wie unter anderem den Neonazis.

  7. Man muß ja nur ein beliebiges deutsches Telefonbuch aufschlagen, nicht nur im Ruhrgebiet: Neben den vielen Müllers und Schmidts, Hinzes und Kunzes findet sich ja auch eine beachtliche Anzahl von Kowalskis, Kaminskis, Wischnewskis, Katschmareks, Czerwonkas, Smyreks oder Gelowiczs. Dabei tragen die allermeisten selbstverständlich durchschnittsdeutsche Vornamen wie Gudrun, Jürgen, Steven oder Fritz.
    Verglichen mit den zahlreichen Nachnamen slawischen Ursprungs scheinen die direkten Nachfahren Mozarts, Dürers, Hölderlins, Wittgensteins, Schongauers, Goethes, Varnhagens oder Schopenhauers heutzutage arg in der Minderheit zu sein. Auch die französischen Familiennamen der Hugenotten, meist zitiertes Paradebeispiel für Deutschlands Tradition als Einwanderungsland, sucht man eher wie die Stecknadel im Heuhaufen.
    Die polnische Zuwanderung hat, denke ich, nicht nur Integration und Assimilation der Einwanderer bedeutet, sondern sicherlich auch Rückwirkungen auf die deutsche Mentalität gehabt, zumal in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Großteil der demokratisch gesinnten deutschen Jugend in die USA auswanderte, während die Arbeiterfamilien der Großstädte (darunter viele polnischstämmige) in der zweiten Jahrhunderthälfte ein Vielfaches mehr an Kindern in die Welt setzten als das Bürgertum.

  8. Ein Blick in die Geschichte legt nahe, daß Deutsche, Franzosen und Engländer sich einmal sehr ähnlich gewesen sein müssen. Daß die Angelsachsen von Angeln und Sachsen abstammen (nach heutiger Begrifflichkeit also Niedersachsen und Schleswig-Holsteinern), ist bekannt. Ebenso unstrittig ist, daß sowohl Deutschland als auch Frankreich aus ein und demselben Merowinger- und Karolingerreich hervorgegangen sind.
    Während die Deutschen aber in den daruffolgenden Jahrhunderten starke Vermischung mit den slawischen Nachbarn verzeichneten, haben die Engländer sich derweil mit Schotten, Iren und Walisern vermischt. Was den Deutschen also ihre Kinskis und Hrdlickas, Podolskis und Litbarskis, Pastewkas und Pilawas, Kempowskis und Kempinskis, Schimanskis und Motzkis sind, heißt in England McCartney oder Lennon, McMahon, Morrissey, Conan Doyle, MackIntosh, Boyle oder Connery.
    Frankreichs Wohlstand wiederum zog zahlreiche Italiener und Spanier an. Nachfahren italienischer Einwanderer sind unter anderem so erzfranzösische Charaktere wie der Asterix-Zeichner Uderzo, der Chansonnier Yves Montand, Jean-Paul Belmondo oder – in gewisser Hinsicht – Napoleon, geboren 1769 als Napoleone Buonaparte in Ajaccio auf Korsika. Beide Eltern von Louis de Funes waren spanische Einwanderer.
    Deutschland ist also slawischer geworden, Frankreich mediterraner und England keltischer, also britischer.

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