Michail GorbatschowWer zu spät kommt, den bestraft das Leben

Vor 25 Jahren kam "Gorbi" an die Macht: Der Westen feiert ihn bis heute für die Auflösung der ehemaligen Sowjetunion. Dort hingegen will man von ihm nichts mehr wissen.

Michail Gorbatschow: Für ihn wurde das Amt des Präsidenten der UdSSR geschaffen

Michail Gorbatschow: Für ihn wurde das Amt des Präsidenten der UdSSR geschaffen

Seinen berühmtesten Satz hat Michail Gorbatschow nie gesagt. Zumindest nicht so, wie er heute zitiert wird. Als er Erich Honecker davor warnte, sich einer Erneuerung der DDR zu widersetzen, sprach Gorbatschow: "Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren." Zum griffigen "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" geglättet, passt das kluge Zitat besser zum Image Gorbatschows im Westen.

Am 11. März 1985 wählt das vergreiste Politbüro der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) sein jüngstes Mitglied zum Generalsekretär. Michail Sergejewitsch Gorbatschow ist damals 54 Jahre alt, sein Vorgänger, Konstantin Tschernenko, am Vortag mit 74 Jahren gestorben. Die Situation, in der Gorbatschow die UdSSR vorfindet, fasst er in seiner Nobelpreisansprache von 1990 als "zastoi" zusammen – Stillstand, Stagnation: "Unsere Gesellschaft riskierte, hoffnungslos hinter den technologisch fortschrittlichen Teil der Welt zurückzufallen." Hauptgrund: Das Wettrüsten mit dem Westen, das alle finanziellen und intellektuellen Ressourcen auffrisst.

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Gorbatschow will das ändern und schafft ein neues Klima: "Glasnost", Offenheit, denn "je besser die Menschen informiert sind, desto bewusster handeln sie". Plötzlich dürfen Medien kritisch berichten. Die Russen erfahren, dass vermeintliche Wirtschaftserfolge auf gefälschten Statistiken beruhen. So verschafft sich Gorbatschow den Rückhalt für seine "Perestroika", Umgestaltung: Veränderungen "in der Wirtschaft und im ganzen System". Dabei hat er niemals vorgehabt, die Marktwirtschaft einzuführen, er will einen Balanceakt zwischen den Systemen, Planwirtschaft mit mehr Autonomie der Betriebe.

Der Westen traut dem Bauernsohn aus den Vorhügeln des Kaukasus zunächst nicht über den Weg. Die französische Zeitung Libération wittert eine "Gorbat-Show", der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) versteigt sich zum Vergleich mit Josef Goebbels, der sei auch Experte für Öffentlichkeitsarbeit.

Dabei legt Gorbatschow gerade in der Außenpolitik das schnellste Reformtempo vor. Im Juli 1985 überrascht der neue Außenminister Eduard Schewardnadse mit einem einseitigen sowjetischen Moratorium für Atomversuche. Und bei den Genfer Abrüstungsverhandlungen reagiert der Kreml ungewohnt flexibel auf die Machtposen von US-Präsident Ronald Reagan. Der gibt sein Weltall-Aufrüstungsprogramm SDI aber nicht auf. So bleibt Gorbatschow ausgerechnet hier ein Erfolg versagt – dabei ist die Abrüstung eines seiner zentralen Anliegen, um die Wirtschaft der Sowjetunion zu entlasten.

1988 verdient sich Gorbatschow seinen späteren Friedensnobelpreis. Er beendet den 1979 begonnenen Krieg in Afghanistan. Er stellt vor der UN-Generalversammlung in New York eine einseitige Abrüstung in Aussicht. Und er distanziert sich von der Breschnew-Doktrin von 1968, die die Souveränität der Staaten im Warschauer Pakt "an den Interessen der sozialistischen Gemeinschaft" enden lässt.

Schewardnadses Sprecher Gennadi Gerassimow nennt den neuen Geist die "Sinatra-Doktrin", nach Frank Sinatras Song I Did It My Way: Polen und Ungarn, später auch die Tschechoslowakei, Bulgarien und Rumänien sowie die DDR "tun es auf ihre Weise", Regierungen purzeln 1989 wie Dominosteine, meist friedlich. Der Kalte Krieg ist beendet, Gorbatschow bekommt 1990 dafür den Friedensnobelpreis.

Leser-Kommentare
  1. 1. keine1

    [...]Wegen ihn sind Million in die Armut gerutscht, hunderttausend gestorben und er hat das Land in den Bankrott gestürzt. Alles was in den 90er passiert ist geht auf seine und Jelzins Kappe.
    Er wollte dem Westen gefallen und hat jeden misst geglaubt und gemacht. Das die ganzen Verträge die er mit dem Westen abgeschlossen hat, sind ein Dreck wert, weil der Westen schon kurze zeit später an diese nicht mehr gehalten hat.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

    Eine Leser-Empfehlung
  2. ...sondern die gesamte politische Kaste, die nach ihm kam - unter Jelzin.

    Russland ist viel zu groß und hat eine viel zu große Anzahl von Völkern in sich vereint, als dass es wirklich gerecht regiert werden kann.

    Zu viele unterschiedliche Mentalitäten und gesellschaftliche Anschauungen treffen hier aufeinander.

    Auch vor Gorbatschow war Russland bereits korrupt - genauso wie jedes andere Land dieser Welt.

    Hinter den schön heraus geputzten Fassaden der "Prospekte" (Hauptstraßen) traf man direkt auf das Elend der Bürger im Kommunismus.

    Wir können Russland nicht mit unseren Maßstäben messen, dafür sind die Mentalitäten dort ganz andere.

    Das "Volk" wollte seine "Freiheit" - die hat es bekommen.
    Diese "Freiheit" ist eben nur schlimmer als in den neuen Bundesländern nach der Wende.

    Der "Westen" hat sich auch nicht an die Worte Helmut Kohl's gehalten, der den Ostdeutschen versprach, dass es keinem DDR-Bürger schlechter gehen wird als zu zuvor, die Jobs und Ausbildungsplätze sicher wären.

    Genau diesen Lügen sind die Ostdeutschen auf den Leim gegangen.

    Wird eine, wenn auch marode Infrastruktur vollkommen vernichtet, dann fallen letztlich auch die Arbeitsplätze weg.

    Das war hier so und ist in Russland nicht anders.

    Russland hat sich schon immer auf den Reichtum seiner Bodenschätze verlassen und von den Technologien und dem Fleiß der Ostdeutschen profitiert.

    Gorbatschow tat damals das einzig Richtige, denn der RGW (Comecon) war am Ende.

  3. Die UdSSR hatte den kalten Krieg gegen die USA verloren. Es war zu einem gigantischen Wettrüsten gekommen, welches seinen Höhepunkt erreichte, als Reagan mit seinem SDI-Programm sogar den Weltraum aufrüstete.

    Die UdSSR konnte dieses Wettrüsten nicht gewinnen, weil sie mit dem Sozialismus ein weniger konkurrenzfähiges Wirtschaftssystem hatte.

    Als Gorbatschow an die Macht kam, war die UdSSR schon fast am Ende. Er hat dieses unvermeidliche Ende der Weltmacht Sowjetunion dann nur noch auf charismatische Art und Weise verwaltet. Die Bedeutung der Person Gorbatschow für die Weltgeschichte wird allgemein überschätzt. Viel eher war es Reagan, der mit seinem Wettrüsten den Erzfeind in die Knie zwang.

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    • lm.80
    • 17.02.2013 um 2:25 Uhr

    Das ist Unsinn, das Aufrüsten Reagons ist Ihrerseits auch überschätzt (was dem offiziellen westlichen Denken entspricht): Umweltprobleme wie Tschernobyl, Resignation der Bevölkerung, natürlich auch fehlende Innovationen in der Wirtschaft.

    Überschätzt ist er nur dahingehend, dass er das Land nicht öffnete wie die KP in China mit Reformen, die immerhin noch den Machterhalt der Kommunisten aufrecht erhält.

    • lm.80
    • 17.02.2013 um 2:25 Uhr

    Das ist Unsinn, das Aufrüsten Reagons ist Ihrerseits auch überschätzt (was dem offiziellen westlichen Denken entspricht): Umweltprobleme wie Tschernobyl, Resignation der Bevölkerung, natürlich auch fehlende Innovationen in der Wirtschaft.

    Überschätzt ist er nur dahingehend, dass er das Land nicht öffnete wie die KP in China mit Reformen, die immerhin noch den Machterhalt der Kommunisten aufrecht erhält.

    • lm.80
    • 17.02.2013 um 2:25 Uhr

    Das ist Unsinn, das Aufrüsten Reagons ist Ihrerseits auch überschätzt (was dem offiziellen westlichen Denken entspricht): Umweltprobleme wie Tschernobyl, Resignation der Bevölkerung, natürlich auch fehlende Innovationen in der Wirtschaft.

    Überschätzt ist er nur dahingehend, dass er das Land nicht öffnete wie die KP in China mit Reformen, die immerhin noch den Machterhalt der Kommunisten aufrecht erhält.

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