Es war wohl einer jener glücklichen Momente, die auch Politiker zuweilen erleben. Egon Bahr, Willy Brandts Stratege für die Ostpolitik , saß am Abend des 12. März 1970 im Moskauer Hotel Ukraina und formulierte einen Brief an seinen Kanzler. "Lieber Willy ", schrieb er mit roter Tinte auf einen Hotelbriefbogen, "dieser Brief soll nur deinem Vergnügen dienen. Man hat hier Stoph 'gezwungen', das Treffen zu machen." Bahr unterstrich das Wort "gezwungen". Sein Plan war aufgegangen.

Seit Wochen hatte die Bundesregierung erfolglos mit der DDR um ein erstes deutsch-deutsches Gipfeltreffen der Regierungschefs gerungen. Zunächst hatten sich beide Seiten auf Ost-Berlin als Austragungsort geeinigt. Brandt hatte eingewilligt, in den Teil der ehemaligen Reichshauptstadt zu kommen, den die SED zur Hauptstadt der DDR erklärt hatte.

Doch dann hatten der DDR die Reisepläne Brandts missfallen. Der Kanzler hatte auf einer Route über West-Berlin bestanden. Ein Unding für die DDR, der Westteil Berlins sei schließlich kein Teil der Bundesrepublik. Die an sich schon heiklen Vorgespräche hatten sich im Kreis gedreht, das Gipfeltreffen war in weite Ferne gerückt.

Dann war Egon Bahr in Moskau aktiv geworden. Ihm war klar gewesen, dass die sowjetische Regierung die sich anbahnende deutsch-deutsche Annäherung scheel betrachtete. Die Sowjetunion verhandelte selber mit der Bundesrepublik, um ihr Verhältnis zum Westen zu verbessern. Ein unkontrollierter Alleingang der DDR konnte jetzt nur stören und stand für die Sowjetunion außer Frage. Überdies schien es, als würde die DDR den großen Bruder nicht immer und vor allem nicht pünktlich über ihre Kontaktversuche mit der Bundesrepublik informieren. Das hatte Bahr genutzt.

In mehreren Gesprächen mit dem sowjetischen Außenminister Andrej Gromyko hatte er freimütig über den Stand der deutsch-deutschen Dinge berichtet. Nicht, dass beide Männer Freunde geworden wären, doch gelang es dem SPD-Politiker, Vertrauen in die neue bundesdeutsche Deutschland-Politik zu wecken. Die Sowjetregierung hatte reagiert und die DDR angewiesen, bei der Frage des Verhandlungsortes für ein Gipfeltreffen nicht stur auf Ost-Berlin zu beharren. 

Der Damm war gebrochen – das Treffen konnte stattfinden

Damit war der Damm gebrochen. Das Treffen würde stattfinden – wo auch immer. Seinen Brief an Brandt beendete Bahr aufgeräumt: "Ich drück dir die Daumen für Weimar, Magdeburg oder Treuenbrietzen."

Die Weisung aus Moskau, das Treffen keinesfalls platzen zu lassen, verunsicherte die Genossen in Ost-Berlin. Was war der Grund für die Einmischung? Egal, die SED-Führung entschied umgehend, ihre bisherige Position aufzugeben. Seit Jahren drängte die DDR auf internationale staatliche Anerkennung. Um keinen Preis hätte die Welt nun den Eindruck gewinnen dürfen, dass sich Ost-Berlin gegen die europäische Entspannung stemme. Die Genossen lenkten also ein und schlugen der Bundesregierung umgehend ein Gipfeltreffen in Erfurt vor. Brandt nahm an. In nur einer Woche, am 19. März 1970, würde er in die thüringische Bezirksstadt reisen, um dort mit DDR-Ministerpräsident Willi Stoph zu reden.

Die plötzliche Nachricht von den geglückten Vorverhandlungen glich einer Sensation. Zum ersten Mal würde ein Bundeskanzler offiziell die DDR besuchen. Nach nur einem halben Jahr der neu gewählten sozialdemokratisch-liberalen Koalition kam nun tatsächlich frischer Wind in die deutsch-deutschen Beziehungen. Zwar war, wie Willy Brandt glaubte, die deutsche Einheit unwiderruflich verloren. Doch galt es nun zu erreichen, "dass die geschichtlichen Möglichkeiten offen bleiben." Deutschland stand damit am Beginn eines neuen Weges.

Dass dieser neue Weg steinig war, war beiden Seiten klar. Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges waren die Deutschen politisch und wirtschaftlich auseinandergedriftet, mit dem Bau der Berliner Mauer hatte sich die DDR endgültig vom Westen abgeschottet. Beide Seiten pflegten politische Feindschaft. Wenn es jetzt, tönte der Chef-Kommentator Karl-Eduard von Schnitzler im Ost-Fernsehen, überhaupt zu einem Treffen käme, dann nur, weil die DDR wieder einmal "Engelsgeduld und höchstes Entgegenkommen" bewiesen habe.

Wie empfindlich die Situation zwischen den Deutschen war, zeigte der Eklat um Brandts Regierungssprecher Conrad Ahlers . Wenige Tage vor dem Treffen wurde er von den Bonner Journalisten in der Bundespressekonferenz bedrängt. Wie sind die Arbeitsbedingungen in Erfurt? Kann man in den Westen telefonieren? Gibt es Taxis in der DDR? Der für sein unverkrampftes Mundwerk bekannte Ahlers antwortete, die Reporter sollten sich nicht beunruhigen, man fahre ja schließlich in ein "halbwegs zivilisiertes Land". Fortan galt Ahlers in der DDR offiziell als Hassfigur.

Regierungssprecher Ahlers bezeichnet die DDR als "halbwegs zivilisiertes Land"

Ungeachtet dessen war die Stimmung beider Delegationen am Vorabend des 19. März gut. Ministerpräsident Willi Stoph traf mit seinen Begleitern, darunter Außenminister Otto Winzer, in Erfurt ein. Die örtliche Parteiprominenz begrüßte ihn am Bahnhof, Pioniere standen in Zweierreihe und schüttelten knicksend seine Hand. Im Gepäck hatte Stoph seine vorbereitete Rede für den nächsten Tag.

Gleichzeitig machte sich Willy Brandt in Bonn auf den Weg. Statt des Außenministers begleitete ihn Egon Franke, Minister für innerdeutsche Angelegenheiten. Brandts Delegation fuhr im Regierungssonderzug bis in die Nähe von Bebra, um dort im Schlafwagen zu übernachten. Im Zug reisten neben Politikern und Spitzenbeamten auch einige Bonner Journalisten.

Für sie gab es am Abend ein gemütliches Beisammensein, Drinks wurden gereicht, der Regierungssprecher unterhielt die kleine Runde. Auf die Frage eines Journalisten, wie die Stimmung vorn bei Brandt sei, plautzte Ahlers, ohne zu zögern, heraus: "Prima! Wie beim Polenfeldzug." Es mag verwundern, dass keiner der Journalisten den Lapsus veröffentlichte. Vielleicht lag es an der großen Bedeutung des bevorstehenden Treffens oder auch an der Autorität des mitgereisten FAZ -Redakteurs Dettmar Cramer. Schockiert von der Aussage warnte er seine Kollegen vor einem Abdruck und setzte sich durch.

Es war 7 Uhr 20 am nächsten Morgen, als der Regierungssonderzug vom Grenzbahnhof Bebra Richtung DDR abfuhr. Er passierte den Todesstreifen und rollte dann durch die Geburtsstädte der deutschen Sozialdemokratie, Eisenach und Gotha. Es wurde stiller im Zug. Alle waren gespannt, schauten aus den Fenstern, hinaus auf die Winterlandschaft, auf alte Betriebe und graue Häuserfassaden.

Draußen standen Menschen entlang der Gleise. Manche regungslos, viele winkten. Der Zug näherte sich Erfurt. Vielleicht wurde Willy Brandt in diesen Minuten klar, worauf er sich eingelassen hatte. Nicht als Kanzler oder Politiker sondern als Mensch, als Deutscher. Ihm stiegen die Tränen in die Augen und er zog sich zurück.

In Erfurt spitzte sich die Lage seit den Morgenstunden zu. Einige Hundert Menschen versammelten sich rings um den Bahnhof. Der Bahnhofsvorplatz selbst war abgeriegelt. Große weiß bespannte Tribünen für die Reporter versperrten den Blick auf den mit rotem Teppich ausgelegten Weg, den Brandt und Stoph vom Bahnhof zum Tagungshotel gehen würden.

Immer mehr Menschen kamen und warteten auf das, was passieren würde. Die Sicherheitskräfte spürten, dass die Lage außer Kontrolle geriet. Volkspolizei und Staatssicherheit forderten Unterstützung an. Reservekräfte sollten eiligst herbei gefahren werden, Stasi-Mitarbeiter in Zivil die wachsende Menschenmasse unterwandern. Alle umliegenden Straßen wurden abgesperrt. Zu spät, zu viele Menschen hatten sich bereits eingefunden. Gegen 9 Uhr war neben dem Bahnhof kein Durchkommen mehr.

Es war ein Quetschen und Schieben, die Menschen rangen um Platz und drückten nach vorn, eingeklemmte Frauen schrien. Die Sicherheitskräfte gerieten in Panik. Eilig ließen sie eine Straßenbahn vor die Absperrungen fahren. Die Menschen wurden wütend. Sie schrien und pfiffen. Der Druck wuchs. Der zuständige Stasi-Offizier forderte Wasserwerfer an, doch im wachsenden Chaos wurde er nicht mehr erhört. Die ersten Absperrgitter knackten und brachen, die Menschen sprangen nach vorn, wurden aber nach wenigen Metern von einer Kassette aus Stasi-Mitarbeitern und Polizisten zurückgehalten.

Westjournalisten versuchten im Gedränge Stimmen einzufangen

Aus den Seitenstraßen strömten im Nu noch mehr Menschen nach, die Masse drückte weiter Richtung Bahnhofsvorplatz. Die Straßenbahn wurde zurückbeordert, sie drohte, in den Menschenmassen umzukippen. Die Polizei registrierte " provozierende Verhaltensweisen " von West-Journalisten. Reporter würden " gezielte Kurzinterviews " führen und dadurch die " Sicherheits­maßnahmen " gefährden. Der Vopo-Abschnittsleiter wurde mit Fragen bedrängt: " Wie handeln Sie, wenn Menschen durchbrechen? Werden sie Wasserwerfer einsetzen? Werden Sie Schießbefehl geben? " Er gab keine Antwort.

Oben auf Bahnsteig 1 des Hauptbahnhofes standen Stoph und seine DDR-Regierungsdelegation. 9 Uhr 26 quietschen die Bremsen des Kanzlerzuges. Brandt stieg aus und wurde von Stoph empfangen: " Guten Tag. Ich begrüße Sie hier auf dem Boden der Deutschen Demokratischen Republik, in der Blumen­stadt Erfurt. Ich freue mich, dass Sie meine Einladung angenommen haben zu unserem Treffen. Ich wünsche Ihnen einen recht angenehmen Aufenthalt. " Brandt antwortete: " Ich danke Ihnen sehr für die Begrü­ßung, auch dafür, dass Sie gutes Wetter besorgt haben. " Stoph erwiderte: " Daran soll’s nicht liegen. "

Beide stiegen die Stufen zum Ausgang des Bahnhofes hinab. Die Delegationen und Reporter folgten.

"Willy, Willy!" riefen die Menschen am Bahnhof in Erfurt

Inzwischen hatten die wartenden Menschen auf dem Vorplatz weitere Meter gewonnen. Sie hatten die Kette der Sicherheitskräfte durchbrochen. Sofort bildete sich eine neue Reihe von Polizisten und Stasi-Mitarbeitern und hinderte die Zuschauer daran, noch weiter vorzudringen. In diesem Moment erschienen Brandt und Stoph und liefen durch das Spalier der Reporter hinüber zumErfurter Hof, kaum zu erkennen für die Menschen hinter den Absperrungen.

Dann, genau auf der Mitte des Vorplatzes, bot eine Lücke in der Tribüne den unversperrten Blick. Die ersten Menschen riefen " Willy! " . Das konnte auch Willi Stoph gelten, doch dann – immer lauter – schallte es eindeutig: "Willy Brandt! Willy Brandt!" Die Fernsehbilder zeigen, wie der überraschte Brandt seinen Gang verlangsamt und nahezu verunsichert um sich blickt. Auch die Stasi dokumentierte diesen Moment.

In den Gebäuden rings um den Bahnhofsvorplatz hatte sie Fotografen stationiert, die die Geschehnisse ablichteten. Eindrucksvoll ist auf den Fotos zu erkennen, wie die Menschenmassen, sobald sie Brandt sehen konnten, alle Absperrungen durchbrachen und den Platz einnahmen. Brandt und Stoph konnten gerade noch den Eingang des Tagungshotels erreichen. Hinter ihnen wurden einige Mitglieder der Regierungsdelegationen förmlich überrannt. Eine Sekretärin des Bundeskanzlers verlor im Getümmel sämtliche Knöpfe ihres Mantels.Die entsetzten Sicherheitskräfte hatten die Kontrolle verloren, aber es gelang ihnen, den Eingang des Interhotels zu sichern.

Das wurde Ulrich Sahm von der bundesdeutschen Delegation beinahe zum Verhängnis. Er steckte im Gedränge vor dem Hotel fest: " Rechts und links stehen auf kleinen Podesten je ein Soldat mit quer gehaltener Maschinenpistole und merkwürdigen Stahlhelmen, unbeweglich und sehr martialisch aussehend. Langsam kämpfe ich mich im Gedränge voran, hier und dort sehe ich in der gleichen Lage Kollegen oder Journalisten. Schließ­lich erreiche ich den Haupteingang und werde dank des schon im Zug verteilten Ausweises hereingelassen. " In der Hotelhalle traf Sahm seine DDR -Kollegen, die " sehr blass " ausgesehen hätten: " Das Geschehen auf dem Vorplatz war sichtlich ein Schock für sie gewesen. " DDR -Delegationsmitglied Karl Seidel bestätigte diese Beobachtung: " Das alles machte auf mich einen schlimmen, geradezu deprimieren­den Eindruck. "

Doch damit nicht genug. Die Menschen umlagerten nun den Hoteleingang, die Türen drohten zu brechen. Die Pressetribünen wurden erklommen, überall auf dem Platz riefen die Menschen nach Brandt. Sie wollten ihn sehen, die Masse war in Ekstase. Eine derartige freie Willensbekundung hatte die DDR seit dem 17 . Juni 1953 nicht mehr erlebt. Ein Spiegel-Reporter schilderte die Szenerie: "Was folgt, sind ein paar Minuten, in denen sich Trotz, Panik, Triumph, rohe Gewalt und schlichte Überrumpelung bis zur Entscheidungslosigkeit in einem buchstäblich lebensgefährlichen Gedränge vermischen. Und vielleicht verhindert nur die allgemeine Verblüffung darüber, dass dergleichen überhaupt geschehen kann, eine Explosion."

Nach einigem Zögern zeigte sich Willy Brandt am Fenster des Hotels

Die bundesdeutsche Delegation sammelte sich inzwischen in der zweiten Etage des Hotels. In einigen Minuten sollten die Gespräche mit der DDR beginnen, wenig Zeit für den Kanzler, das Erlebte zu verdauen. Neben ihm stand Springer-Reporter Claus Jacobi , der einzige West-Journalist, dem es gelungen war, im Getümmel mit ins Hotel zu schlüpfen. Jacobi erinnerte sich später, wie der Regierungssprecher plötzlich aus einem Zimmer herausgestürzt kam und über den Gang zu Brandt rief: " Herr Bundeskanzler, Sie müssen mal kommen." Brandt habe ganz verstört reagiert, doch Ahlers habe gesprudelt: " Sie müssen ans Fenster. Die Leute sind ganz außer sich. Ich habe mich eben gezeigt und bin bejubelt worden wie noch nie." Brandt zögerte. Es war eine heikle Situation.

Riskierte er eine Eskalation, wenn er dem Wunsch der rufenden Menschen nachkam? Was würde passieren? Brandt wollte seine Gastgeber nicht verletzen, schon gar nicht die Atmosphäre der anstehenden Gespräche belasten. Doch Ahlers ließ nicht locker. Er eilte voraus. Unten tobte die Menge. Ihr Ruf drang in das Zimmer: "Willy Brandt ans Fenster! Willy Brandt ans Fenster! " Ahlers verlor die Geduld und bedrängte seinen Kanzler: " Nur für eine Minute. Das müssen Sie tun." – " Aber nur einen Augenblick " , entschied Brandt. "Mein Gott, wir wollen hier doch keine Ge­schichten haben " , sagte er und dann zeigte er sich am offenen Fenster.

Es war der wohl wichtigste Moment des Tages. Die Menschen auf dem Platz jubelten, winkten – niemand konnte sie hindern. Oben im Hotelfenster stand Brandt, der Bundeskanzler des anderen Deutschlands. Er lächelte zaghaft. Dann hob er sacht die rechte Hand zum Gruß. Einmal, mehr nicht.

Im Tagungssaal des Interhotels begannen kurz darauf die Gespräche. Ein breiter Konferenztisch trennte beide Delegationen, je sechs Männer aus Ost und West. An der Wand, genau hinter Willy Brandt, wachte das Porträt von DDR-Staatschef Walter Ulbricht. Die Delegationen vermieden es, das gerade Geschehene zu erwähnen. Zunächst las Willi Stoph seine vorbereitete Rede vor.

Dann folgte Brandt. Wenig Überraschung auf beiden Seiten. Nach einer Pause tagte die Runde weiter. Stunden vergingen. Beide Seiten kamen sich kaum näher. Immer wieder zogen sich Brandt und Stoph zu einem Vieraugengespräch zurück. Es half nichts. Die Stimmung blieb frostig.  

Am Nachmittag machte sich der Kanzler auf den Weg in die KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Vor dem Hotel hatten die Sicherheitskräfte längst alle Jubler auseinandergedrängt. Herangekarrte Schüler der Bezirksparteischule skandierten pausenlos Hochrufe auf den eigenen Staat, die Partei und Willi Stoph.

DDR-Außenminister Otto Winzer begleitete Brandt in einer Staatskarosse der sowjetischen Edelmarke Tschaika auf der rund 20 Kilometer langen Fahrt. Brandt hatte die DDR vorab um einen privaten Besuch in der KZ-Gedenkstätte gebeten. Er hatte sich vorgestellt, mit dieser Geste an die gemeinsame dunkle Vergangenheit der Deutschen zu erinnern.

Es war nicht Brandts eigene Idee gewesen, nach Buchenwald zu fahren. Ein paar Tage vor dem Treffen hatte ein neuer Mitarbeiter im Kanzleramt ungefragt darauf aufmerksam gemacht, dass in Buchenwald 1944 der frühere SPD-Reichstagsabgeordnete Rudolf Breitscheid gestorben war. Der Referent meinte, dass es "im Ostblock sehr beachtet und positiv aufgenommen werden " würde, wenn der Bundeskanzler in dem einstigen Konzentrationslager einen Kranz niederlegen würde.

Ein Spion im Kanzleramt schlug Brandt den Besuch der Gedenkstätte Buchenwald vor

Der Vorschlag wurde von Brandt angenommen. Der neue Mitarbeiter freute sich über seine "erste bedeutende Amtshandlung " . Sein Name war Günter Guillaume, Top-Spion der DDR-Staatssicherheit, Deckname "Hansen " . Es ist unklar, ob Guillaume aus eigenem Antrieb den Gedenkstättenbesuch vorgeschlagen oder ob er im Auftrag gehandelt hatte.  

Auf Brandt wartete in Buchenwald eine gelungene DDR-Inszenierung. Zwei Soldaten der Ehrenkompanie trugen den bundesdeutschen Kranz, weitere Uniformierte mit Stahlhelm und Kalaschnikow bildeten das Spalier. Dahinter standen schweigende Menschen, rote Fahnen wehten. Alles wirkte wie ein Staatsbesuch. Brandt blieb keine Wahl. Er musste das Ritual akzeptieren. Vor dem Glockenturm angekommen, spielte ein NVA-Orchester beide Hymnen, das Deutschlandlied, dann die DDR-Nationalhymne.

Triumphierend fasste Chef-Kommentator Karl-Eduard von Schnitzler im DDR-Fernsehen die Szenerie zusammen: "Willy Brandt musste der Nationalhymne des sozialistischen deutschen Staates die Ehre erweisen. 2000 Menschen zeigten ihm, dass das ihre Hymne ist, ihr Staat, ihr Sozialismus, ihr Bekenntnis zum Schwur von Buchenwald". Die Botschaft war klar. Mochte sich die Bundesregierung noch so wehren gegen die staatliche Anerkennung der DDR, hier in Buchenwald hatte Brandt den symbolischen Akt dafür geleistet.

Und der Kanzler hatte noch mehr durchzustehen. Die DDR ließ es sich nicht nehmen, an dieser für die eigene Propaganda so wichtigen Gedenkstätte Moral zu predigen. In eisiger Kälte musste sich Brandt eine nicht enden wollende Rede eines regionalen Staatsfunktionärs anhören. Es waren die bekannten Vorwürfe. Die DDR habe die Lehren der Vergangenheit gezogen, "Nazismus und Militarismus mit der Wurzel ausgerottet". Dagegen erfüllten "die vielgestaltigen neonazistischen und revanchistischen Umtriebe in der Bundesrepublik mit Sorge". Brandt, selbst einst Opfer der Nazis, hörte mit versteinerter Miene zu.

Nach Brandt legte eine weitere bekannte Persönlichkeit einen Kranz nieder. Beate Klarsfeld, die einst Georg Kiesinger für seine Nazi-Vergangenheit öffentlich geohrfeigt hatte, war nach Erfurt gekommen, um für eine französische Zeitung zu berichten. Aufmerksame DDR-Offizielle hatten auch ihr einen Kranz gegeben.

Das SED-Blatt Neues Deutschland konnte so schreiben, dass nach dem Kanzler die " mutige west­deutsche Antifaschistin" Beate Klarsfeld " demonstrativ" ein Blumen­gebinde im Glockenturm niedergelegt hatte. Das sei ein Zeichen dafür, dass "viele in Westdeutschland an der Seite der Kommunisten 'die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln' wollen und dass in dieser Richtung auch ihre Forderungen an die führenden Sozialdemokraten in der Bonner Regierung gehen".

Der Abend in Erfurt brachte keine Wende. Die Gespräche zogen sich in die Länge. Brandt und Stoph konnten sich lediglich auf ein Folgetreffen in Kassel einigen. Weitere Ergebnisse gab es nicht. In der Nacht begleitete Stoph seinen Gast hinüber zum Bahnhof. Noch immer skandierten die herbeibeorderten Rufer ihre Parolen. "Wir stärken unsre Republik, denn sie bringt uns Frieden, Sozialismus und Glück!" Die Jubler des Vormittags waren nicht zu sehen. Die Akten der Volkspolizei zeigen, dass noch am Abend 5.000 Menschen in der Nähe des Bahnhofs zusammengekommen waren, um Brandt zu sehen. Die Sicherheitskräfte hatten auf sie eingeschlagen und den "aktiven Widerstand" zersprengt.

Es wurde ein trister Abschied. Brandt und seine Delegation stiegen in den Regierungszug. Vom Fenster aus verabschiedete sich der Kanzler noch einmal von Stoph. Eigentlich sollte der Zug nun abfahren, doch das tat er nicht. Keiner wusste warum. Es war ein peinlicher Moment: Da standen sie nun die beiden Deutschen, Auge in Auge, und wussten nicht mehr, was sie sagen sollten.

Minuten verstrichen. Brandt entschuldigte sich bei Stoph dafür, dass er dessen Zeit so in Anspruch nehme. Der Zug fuhr nicht ab. Vielleicht hatte die Stasi in ihrem Sicherheitswahn den Schaffner vom Bahnsteig gefegt. Eine fast schicksalhaft anmutende Viertelstunde verging, dann setzte sich der Zug in Bewegung. Fernsehbilder zeigen einen zurückbleibenden Willi Stoph, der plötzlich sogar lächeln konnte.

- Zwei Jahre haben die Autoen dieses Artikels, Rainer Erices und Jan Schönfelder, recherchiert, um den Brandt-Besuch in Erfurt nachzuzeichnen. Am 23. März um 22.05 Uhr wird ihr Dokumentarfilm"Willy Brandt ans Fenster!" im MDRausgestrahlt.