1970: Willy Brandt in Erfurt Geschichte einer deutsch-deutschen Annäherung
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Ein Spion im Kanzleramt schlug Brandt den Besuch der Gedenkstätte Buchenwald vor

Der Vorschlag wurde von Brandt angenommen. Der neue Mitarbeiter freute sich über seine "erste bedeutende Amtshandlung". Sein Name war Günter Guillaume, Top-Spion der DDR-Staatssicherheit, Deckname "Hansen". Es ist unklar, ob Guillaume aus eigenem Antrieb den Gedenkstättenbesuch vorgeschlagen oder ob er im Auftrag gehandelt hatte.  

Auf Brandt wartete in Buchenwald eine gelungene DDR-Inszenierung. Zwei Soldaten der Ehrenkompanie trugen den bundesdeutschen Kranz, weitere Uniformierte mit Stahlhelm und Kalaschnikow bildeten das Spalier. Dahinter standen schweigende Menschen, rote Fahnen wehten. Alles wirkte wie ein Staatsbesuch. Brandt blieb keine Wahl. Er musste das Ritual akzeptieren. Vor dem Glockenturm angekommen, spielte ein NVA-Orchester beide Hymnen, das Deutschlandlied, dann die DDR-Nationalhymne.

Triumphierend fasste Chef-Kommentator Karl-Eduard von Schnitzler im DDR-Fernsehen die Szenerie zusammen: "Willy Brandt musste der Nationalhymne des sozialistischen deutschen Staates die Ehre erweisen. 2000 Menschen zeigten ihm, dass das ihre Hymne ist, ihr Staat, ihr Sozialismus, ihr Bekenntnis zum Schwur von Buchenwald". Die Botschaft war klar. Mochte sich die Bundesregierung noch so wehren gegen die staatliche Anerkennung der DDR, hier in Buchenwald hatte Brandt den symbolischen Akt dafür geleistet.

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Und der Kanzler hatte noch mehr durchzustehen. Die DDR ließ es sich nicht nehmen, an dieser für die eigene Propaganda so wichtigen Gedenkstätte Moral zu predigen. In eisiger Kälte musste sich Brandt eine nicht enden wollende Rede eines regionalen Staatsfunktionärs anhören. Es waren die bekannten Vorwürfe. Die DDR habe die Lehren der Vergangenheit gezogen, "Nazismus und Militarismus mit der Wurzel ausgerottet". Dagegen erfüllten "die vielgestaltigen neonazistischen und revanchistischen Umtriebe in der Bundesrepublik mit Sorge". Brandt, selbst einst Opfer der Nazis, hörte mit versteinerter Miene zu.

Nach Brandt legte eine weitere bekannte Persönlichkeit einen Kranz nieder. Beate Klarsfeld, die einst Georg Kiesinger für seine Nazi-Vergangenheit öffentlich geohrfeigt hatte, war nach Erfurt gekommen, um für eine französische Zeitung zu berichten. Aufmerksame DDR-Offizielle hatten auch ihr einen Kranz gegeben.

Das SED-Blatt Neues Deutschland konnte so schreiben, dass nach dem Kanzler die "mutige west­deutsche Antifaschistin" Beate Klarsfeld "demonstrativ" ein Blumen­gebinde im Glockenturm niedergelegt hatte. Das sei ein Zeichen dafür, dass "viele in Westdeutschland an der Seite der Kommunisten 'die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln' wollen und dass in dieser Richtung auch ihre Forderungen an die führenden Sozialdemokraten in der Bonner Regierung gehen".

Der Abend in Erfurt brachte keine Wende. Die Gespräche zogen sich in die Länge. Brandt und Stoph konnten sich lediglich auf ein Folgetreffen in Kassel einigen. Weitere Ergebnisse gab es nicht. In der Nacht begleitete Stoph seinen Gast hinüber zum Bahnhof. Noch immer skandierten die herbeibeorderten Rufer ihre Parolen. "Wir stärken unsre Republik, denn sie bringt uns Frieden, Sozialismus und Glück!" Die Jubler des Vormittags waren nicht zu sehen. Die Akten der Volkspolizei zeigen, dass noch am Abend 5.000 Menschen in der Nähe des Bahnhofs zusammengekommen waren, um Brandt zu sehen. Die Sicherheitskräfte hatten auf sie eingeschlagen und den "aktiven Widerstand" zersprengt.

Es wurde ein trister Abschied. Brandt und seine Delegation stiegen in den Regierungszug. Vom Fenster aus verabschiedete sich der Kanzler noch einmal von Stoph. Eigentlich sollte der Zug nun abfahren, doch das tat er nicht. Keiner wusste warum. Es war ein peinlicher Moment: Da standen sie nun die beiden Deutschen, Auge in Auge, und wussten nicht mehr, was sie sagen sollten.

Minuten verstrichen. Brandt entschuldigte sich bei Stoph dafür, dass er dessen Zeit so in Anspruch nehme. Der Zug fuhr nicht ab. Vielleicht hatte die Stasi in ihrem Sicherheitswahn den Schaffner vom Bahnsteig gefegt. Eine fast schicksalhaft anmutende Viertelstunde verging, dann setzte sich der Zug in Bewegung. Fernsehbilder zeigen einen zurückbleibenden Willi Stoph, der plötzlich sogar lächeln konnte.

- Zwei Jahre haben die Autoen dieses Artikels, Rainer Erices und Jan Schönfelder, recherchiert, um den Brandt-Besuch in Erfurt nachzuzeichnen. Am 23. März um 22.05 Uhr wird ihr Dokumentarfilm "Willy Brandt ans Fenster!" im MDR ausgestrahlt.

 
Leser-Kommentare
  1. ... und des Geldes. Einmal eine Hyperinflation - Goldbindung und Deflation, die Füsse bestimmten den Staat DDR und nicht die Annäherung, als exDDR Bürger hätte ich lieber einen harten Kurs gehabt, der Brand ist eine Figur des Westens.

  2. werden wir wohl künftig auch nicht mehr erleben.

    Käme noch mal jemand mit so einem fröhlichen Halodri-Stil; er würde die ersten 100 Tage im Amt nicht überstehen.

  3. Ich habe diese Geschichte auch letztens in einer Doku ausführlicher gesehen, es war schon einmal ein erster Schritt, obwohl es dann noch 19 Jahr bis zur Einheit gedauert hat.

    Janine Meyer
    [...]Anm: Bitte verzichten Sie auf das Verlinken Ihrer privaten Homepage in jedem der Kommentare. Danke. Die Redaktion/km

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