Naturkatastrophen Revolution und Weltuntergang – die Mythen um Islands Vulkane

Der Vulkanausbruch am Eyjafjalla-Gletscher ruft Erinnerungen wach: Eruptionen auf Island verdunkelten 1783 den Himmel über Europa. Mythen darum halten sich bis heute.

Der spuckende Eyjafjallajökull-Vulkan zieht Schaulustige an, zahlreiche Touristen reisen extra für das Naturspektakel nach Island

Der spuckende Eyjafjallajökull-Vulkan zieht Schaulustige an, zahlreiche Touristen reisen extra für das Naturspektakel nach Island

Seit Ende März spuckt der Gletschervulkan am Eyjafjallajökull auf Island Lavafontänen und Asche. Und bislang sieht es nicht danach aus, als ob die Eruptionen bald nachlassen. Zähflüssige Lavaströme ergießen sich nun in pittoreske Bergschluchten, bestaunt von ausländischen Touristen, die inzwischen zu Tausenden zum Bergpass Fimmvörðuháls pilgern, um einen Blick auf das Naturschauspiel zu werfen.

Für die Einheimischen erscheint all das nicht ganz so spektakulär – sie leben seit jeher auf brodelnder Erde, sie kennen die Wasser speienden Geysire, die heißen Quellen, den Geruch nach Schwefel. Und sie werden in regelmäßigen Abständen Zeugen von Vulkanausbrüchen, die meist nur lokal begrenzten Schaden anrichten und die touristischen Attraktivität der Insel eher erhöhen. Doch es gibt auch Ausnahmen von dieser Regel.

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Im Jahr 1783 erlebte Island eine Naturkatastrophe, die auf der gesamten nördlichen Hemisphäre Spuren hinterließ. Damals brach der Vulkan Lakagígar im Süden der Insel aus. Monatelang floss Lava aus mehr als 100 Kratern in der Laki-Spalte. Gleichzeitig spuckten die Krater Asche – eine verhängnisvolle Mischung aus Kohlenmonoxid, Kohlendioxid, Schwefel und anderen hochgiftigen Stoffen. Wochenlang verdunkelten Aerosole in der Troposphäre den Himmel – nicht nur auf Island, sondern auch auf dem europäischen Festland.

Die Laki-Katastrophe

Der Ausbruch der Lakispalte war eine Eruption der Superlative. Auf einer Strecke von 25 Kilometern türmten sich 140 Vulkankegel auf, die acht Monate lang aktiv waren. Lavaströme ergossen sich über eine Fläche von mehr als 500 Quadratkilometern. Mit einem Volumen von 12 Kubikkilometern Asche- und Magmaausstoß zählen die Eruptionen zu den mächtigsten Vulkanausbrüchen in historischen Zeiten. Vulkanologen haben errechnet, dass etwa 250 Megatonnen Schwefelsäureaerosole in die Atmosphäre gelangten.

Folgen für Island

In Island starben in der Nebelhungersnot, die in den zwei Jahren nach 1783 einsetzte, etwa 10.000 Menschen. Im Süden Islands verloren viele Bauern ihre Höfe. In Kopenhagen wurde man schnell auf die Katastrophe aufmerksam und begann Spenden zu sammeln. Von den geistigen Strömungen der Aufklärung beeinflusst, wurden nun endlich die ökonomischen Schwierigkeiten der fernen nordatlantischen Kolonie ernst genommen und die Handelsbeschränkungen schrittweise gelockert. Eine treibende Kraft dabei war der schleswig-holsteinische Gelehrte Freiherr Christian von Eggers.

Folgen für Europa

Zwischen Mitte Juni und Ende August 1783 machte sich dichter Nebel in ganz Europa bemerkbar. Wissenschaftler bezeichneten ihn als Höhenrauch, Heerrauch oder Hahlrauch. Atemwegserkrankungen bei Mensch und Tier häuften sich. Der britische Geologe John Grattan errechnete für eine französische Gemeinde einen Anstieg der Sterbeziffer um 25 Prozent für den Herbst 1783 und fand ähnliche Zahlen in englischen Kirchenbüchern. Auch das Pflanzenwachstum ging zurück. Einige Baumarten verloren plötzlich alle ihre Blätter.

Auf Island wurde die Ernte durch die vergifteten Niederschläge weitgehend vernichtet. Große Teile des Viehbestandes verendeten qualvoll. So wurde ein Kreislauf in Gang gesetzt, der etwa 10.000 Menschen in den zwei folgenden Jahren das Leben kostete. Die "Nebelhungersnot" hat sich tief ins kollektive Gedächtnis der Isländer eingebrannt. In Dänemark, wozu Island damals gehörte, gab es sogar Überlegungen, die Bevölkerung in die Heidegegenden Jütlands umzusiedeln.

Im übrigen Europa kamen kaum Informationen über die Katastrophe auf der Insel an. Und so rätselten die Menschen in vielen Ländern, woher der plötzliche dichte Nebel von Mitte Juni bis in den August hinein kommen könnte. Vor allem Bauern klagten nach der harten Arbeit auf den Feldern über ein "Schrinnen im Halse", wie ein deutscher Gutsverwalter bemerkte. Andere bemerkten zudem einen schwefligen, manchmal beißenden Geruch.

Die Wissenschaftler waren sich uneins über die Herkunft des "Höhenrauchs" oder "trocknen Nebels", wie dieser allgemein genannt wurde. Die Sonne erschien in diesen Wochen nur noch als kupferrote Scheibe am Himmel. Diese sonderbare Tönung der Sonne veranlasste später den Dichter Johann Wolfgang von Goethe, sie in seiner Farbenlehre zu beschreiben.

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