Jubiläum des Uniklinikums Berlin Vom Pesthaus zur weltberühmten Charité

Einst war sie Anlaufstelle für Bettler, dann eine medizinische Forschungsstätte. Heute ist sie das größte Uniklinikum Europas: Die Berliner Charité wird 300 Jahre alt.

Die Charité im Jahr 1740: Das königliche Militärhospital, dessen Name aus dem Französischen stammt, was übersetzt Barmherzigkeit bedeutet

Die Charité im Jahr 1740: Das königliche Militärhospital, dessen Name aus dem Französischen stammt, was übersetzt Barmherzigkeit bedeutet

Das hätten die Berliner sich sparen können. Da bauen sie aus Angst vor der Pest eine Quarantänestation in sicherem Abstand vor den Toren der Stadt – doch die Krankheit erreicht die königlich-preußische Residenzstadt gar nicht. König Friedrich I. ergeht es wie seinen modernen Nachfahren mit der Schweinegrippe: Vorausschauende Klugheit wirkt hinterher wie blinder Aktionismus.

Doch das kann niemand wissen, als die ersten Spatenstiche am 13. Mai 1710 die Erde nordwestlich der Stadtgrenzen Berlins durchpflügen. Seit 1709 wütet die Pest in Polen und Ostpreußen, Hunderttausende Menschen sterben. 1711 verebbt der schwarze Spuk, ohne in Berlin angekommen zu sein. Das "Pesthaus" bleibt leer. Zunächst quartieren die Berliner sozial Benachteiligte in dem Gebäude ein – damals heißen sie Bettler und Streuner. Auch mittellose alte Menschen wohnen hier. Und das Haus dient als Entbindungseinrichtung für unehelich Schwangere – mit den Hebammen hält die Medizin Einzug. Bald werden auch Soldaten der nahen preußischen Garnison hier behandelt.

Der nächste Preußenkönig, Friedrich Wilhelm I., erklärt per Kabinettsorder: "Seine Königliche Majestät in Gnaden erlauben, dass in dem Garnison-Lazarett vor dem Spandowschen Thor auch ein Bürger-Lazarett angelegt werden soll." Und er notiert: "Es soll das Haus die Charité heißen." Am 1. Januar 1727 wird dieses Bürger-Lazarett eröffnet.

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Köpfe der Charité: Schönlein

Einer der Pioniere an der Charité ist Johann Lukas Schönlein (1793-1864). Er kommt 1839 an die Universität Berlin, wird Leibarzt von König Friedrich Wilhelm IV. Er nutzt neue Diagnosemethoden wie Abklopfen und -hören, Analysen von Blut und Urin, Messen der Körpertemperatur. Er forscht unter anderem über Keuchhusten, Tuberkulose und Hautpilze.

Virchow

Rudolf Virchow (1821-1902) kam als Stipendiat der Militärärzte-Akademie "Pépinière" als Arzt an die Charité, musste wegen seiner Teilnahme an der Märzrevolution 1848 aber die Stadt verlassen. Er beschrieb als erster Thrombose und Leukämie. 1856 kehrte er nach Berlin zurück. Als Politiker setzte er sich für eine medizinische Grundversorgung und hygienische Lebensbedingungen ein. Auch Parks und Kinderspielplätze sollten die Lage des städtischen Proletariats verbessern. Virchow gilt als Begründer der modernen Pathologie.

Koch

Den Nobelpreis für Medizin erhielt Robert Koch (1843-1910) für seine Forschungen über Infektionskrankheiten. Er entdeckte die Sporen, die Milzbrand verursachen, und den Erreger der Tuberkulose. Auf zahlreichen Reisen nach Afrika und Indien forschte er über Tropenkrankheiten. Koch ist der Begründer der modernen Bakteriologie.

Ehrlich

Der Chemiker und Arzt Paul Ehrlich (1854 -1915) entwickelte als erster ein Medikament gegen Syphilis sowie zusammen mit Emil Adolf Behring ein Serum gegen Diphtherie und gilt als Begründer der Chemotherapie. Er experimentierte mit Färbungen von Zellen; eine Lösung zur Harn-Analyse heißt heute noch Ehrlichs Reagenz. 1908 erhielt Ehrlich für die Begründung der Immunologie den Nobelpreis.

Sauerbruch

Zu den umstrittenen Figuren der Charité-Geschichte gehört Ferdinand Sauerbruch (1875-1961). Der Chirurg entwickelte eine Unterdruckkammer, die Operationen am offenen Brustkorb ermöglichte, und den berühmten "Sauerbruch-Arm", eine Prothese. 1933 bekannte sich Sauerbruch öffentlich zu Adolf Hitler und war später als Mitglied des Reichsforschungsrates an den Verbrechen der Nationalsozialisten beteiligt. Er warnte aber auch schon 1937 vor Hitlers "Wahnsinn".

Damit beginnt der Aufstieg des nunmehr "Königlichen Charité-Krankenhauses". Schon 1725 hat Preußen eine Ausbildungsordnung für Heilberufe erlassen – die Zeit der Bader und Barbiere ist vorbei, der Arztberuf professionalisiert sich. Angehende Militärärzte für das ständig wachsende preußische Heer werden jetzt an der Charité am "Collegium Medico-Chirurgicum" ausgebildet.

Doch von der modernen Medizin ist die Charité noch weit entfernt. Brüche schienen, Gliedmaßen amputieren, das können die Ärzte; viel weiter ist die Chirurgie noch nicht. Die Doktoren glauben, dass der Körper aus vier Grundsäften besteht, Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. "Schlechte Säfte" müssen ausgeleitet werden, durch Erbrechen, Aderlass oder Schröpfen. Das kann für den Patienten gefährlicher sein als die Krankheit selbst.

Die Charité bleibt bis 1798 ein Hospiz für Arme, wird aber zugleich städtisches Krankenhaus und Lehrklinik. Bald stößt sie an ihre Grenzen: In jedem Bett liegen zwei oder drei Patienten, die hygienischen Zustände sind katastrophal. Von 1785 bis 1797 wird sie erstmals abgerissen, ein imposanter spätbarocker Bau ersetzt das alte Pesthaus.

Das 19. Jahrhundert wird die große Zeit der Charité. Ihre Bedeutung als Ausbildungsstätte wächst, nachdem 1795 eine militärärztliche Bildungsanstalt eröffnet, die "Pépinière" (Pflanzschule). Zivile Mediziner bleiben zunächst außen vor: Ein Armenkrankenhaus mit mehr als 1000 Betten gilt als ungeeignet für ihre Ausbildung. Als die Berliner Universität 1810 gegründet wird, erhält sie zunächst eigene Kliniken.

Bald aber entstehen Ableger auf dem Charité-Gelände, die Institutionen vermischen sich. Im 19. Jahrhundert boomt die Forschung und der Wettbewerb zwischen den Universitätsärzten und den Militärmedizinern beflügelt sie zusätzlich. Neue Narkosetechniken ermöglichen große Fortschritte in der Chirurgie. Naturwissenschaftliche Methoden der Diagnostik wie Blut- und Urinanalysen halten Einzug – die Zeit der Vier-Säfte-Lehre ist vorbei.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nehmen viele Mediziner auch gesellschaftliche Ursachen von Krankheiten in den Blick. Krankenkassen entstehen, immer mehr Menschen lassen sich behandeln. Wieder ist die Charité chronisch überbelegt. Um die Wende zum 20. Jahrhundert wird sie fast vollständig abgerissen, ein beeindruckender Neubau aus rotem Backstein entsteht.

Die Jahre 1933 bis 1945 sind auch in der 300-jährigen Geschichte der Charité ein dunkles Kapitel. "Nichtarische" Ärzte werden ermordet oder fliehen ins Exil. Viele, die bleiben, beteiligen sich an den Verbrechen der Nationalsozialisten wie der Direktor der Nervenklinik, Max de Crinis, der die als Euthanasie bezeichneten Morde an körperlich oder psychisch Kranken mitorganisiert.

Der Klinkerbau, im Zweiten Weltkrieg zu neun Zehnteln zerstört, wird zu DDR-Zeiten vergrößert wieder aufgebaut. Obwohl schon 1927 die letzte der Universitätskliniken in der Charité aufgegangen ist, werden die Institutionen erst 1951 zur "Medizinischen Fakultät (Charité) der Humboldt-Universität" vereint. Als 1961 die Mauer Berlin zerschneidet, verläuft sie direkt am Klinikgelände. Die Stasi horcht Ärzte aus, verwanzt Telefone. Nur SED-Mitglieder bekommen hohe Posten; das schadet dem wissenschaftlichen Renommee.

Nach der Wiedervereinigung wird die Charité saniert, 1997 stößt das zur Jahrhundertwende gegründete Rudolf-Virchow-Klinikum hinzu, 2003 auch das ehemalige Klinikum Benjamin Franklin der Freien Universität. Heute ist die Charité die größte europäische Uniklinik, mit 14.500 Mitarbeitern an 107 Kliniken und Instituten. Vor den Toren der Stadt liegt sie längst nicht mehr, denn auch sie ist gewachsen – mit der Charité in ihrer Mitte.

 
Leser-Kommentare
  1. entfernt.
    Bitte verzichten Sie in diesem Forum darauf, einzelne Personen namentlich zu diffamieren und äußern Sie eine sachliche Kritik. Die Redaktion/km

  2. Jubiläum der Charite-Berlin ist verbunden mit zwei finsteren Kapitels der Geschichte: NS-Diktatur und SED-Junta. Während der Nazi-Diktatur wurde die Charite/Psychiatrie als Mittel des Regimes genutzt, den Widerstand zu vernichten. Die Charite Berlin spielte nicht nur im NS-Regime, sondern auch in der SED-Junta eine wichtige Rolle, den Regimegegner zu vernichten, die Beweismittel sind umfangreiche Stasiakten.
    Mein Buch "Die Verbrechen der Stasi an uns" zeichnen diese Verbrechen auf. Auch wenn die Charite Berlin nun ein Jubiliäum begeht darf nicht vergessen werden, das in der Charite Berlin Verbrechen im Auftrag verübt wurden.
    Die Stasi war in der zweiten Diktatur auf deutschen Boden nicht nur beteiligt sondern Auftraggeber, Mittel und Methoden, Mittäter im weißen Kittel in Mitte der 70ziger Jahren wurden politische Gegner nicht mehr durch die Gerichtspsychiatrie der Charite begutachtet sondern nach Waldheim, Haftkrankenhaus verbracht, die Gründe: Mißtrauen der Stasi, Dokumente der gerichtspsychiatrischen Abteilung an der Charite über politische Gegner gelangten 1971 in den Westen bzw. ein Brief wurde durch die Stasi abgefangen, das beweisen die Stasi-Akten. Bis zur Wende war die Charite auch von IMs der Stasi belegt. Die Charite, aber die Psychiatrie darf nicht wieder mißbraucht werden. Diese schrecklichen Zeiten der Charite zweier Diktaturen muß in Erinnerung bleiben.
    Ich wünsche der Charite Berlin in der wissenschaftlichen-medizinischen Weiterentwicklung viel Erfolg!

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